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Ausgabe 56-4/1993

JURASSIC PARK

JURASSIC PARK

Produktion: Universal Pictures/Amblin Entertainment, USA 1993 – Regie: Steven Spielberg – Buch: Michael Crichton, David Koepp, nach dem Roman "Dino Park" von Michael Crichton – Kamera: Dean Cundey – Schnitt: Michael Kahn – Musik: John Williams – Darsteller: Sam Neill (Dr. Alan Grant), Laura Dern (Ellie Sattler), Jeff Goldblum (Ian Malcolm), Richard Attenborough (John Hammond), Bob Peck (Robert Muldoon) u. a. – Länge: 126 Minuten – Farbe – FSK: ab 12 – Verleih: UIP (35mm)

"Jurassic Park" ist auf dem besten Weg, der erfolgreichste Kinofilm aller Zeiten zu werden. Den bisherigen Umsatzrekord hält der Fantasy-Film "E.T.", der ebenfalls von Steven Spielberg inszeniert wurde. Sein jüngster Spielfilm dürfte bis zur ersten Oktoberwoche nach Angaben des US-Branchenblatts Variety einschließlich der Nebenprodukte mehr als eine Milliarde US-Dollar umgesetzt haben. "Jurassic Park" spielte allein in den ersten fünfzehn Wochen in den USA 324 Millionen Dollar ein. In Deutschland sahen bis Ende September mehr als sechs Millionen Kinobesucher das Dinosaurier-Spektakel, das zeitweise mit 640 Kopien gespielt wurde. Damit ist "Jurassic Park" mit weitem Abstand vor "Dschungelbuch", "Dennis" und "ein unmoralisches Angebot" der bislang erfolgreichste Film dieses Jahres in deutschen Filmtheatern.

Der Erfolg des Films hatte sich schon früh abgezeichnet, als er etwa in den USA, in Großbritannien und Südafrika zum Kinostart Besucherrekorde aufstellte. In den USA spielte der Echsenfilm im Juni in nur neun Tagen über 100 Millionen Dollar ein und schlug damit den vorherigen Rekordhalter "Batmans Rückkehr". Allein am Samstag nach dem US-Start brachte "Jurassic Park" 16 Millionen Dollar in die Kinokassen. Das sind die höchsten Einnahmen an einem einzigen Tag in der US-Kinogeschichte.

Schon lange vor dem jeweiligen Kinostart rollte eine weltweit gigantische Reklame-Kampagne an. Die Herstellerfirma der rund 65 Millionen Dollar teuren Produktion soll allein in den USA rund 40 Millionen Mark für die Werbung ausgegeben haben. Nicht eingerechnet sind dabei die Kosten für ein neues digitales Sound-System, das nicht nur die Laute der re-animierten Echsen lebensecht erschallen lassen, sondern auch bei der Durchsetzung der Digitaltechnik in den Kinosälen helfen soll.

Noch größere Einnahmen erwartet man von den zahlreichen Nebenprodukten zum Film. Denn nach Ansicht von Branchenkennern wurde "Jurassic Park" von der größten Marketing-Kampagne der Filmgeschichte begleitet. Von Dinosaurier-T-Shirts und Dino-Unterhosen über Video-Spiele mit Dino-Figuren bis zu Dino-Bonbons und Dino-Coke reicht die Palette der Produkte, die das gebührenpflichtige Filmlogo tragen. Allein in den USA wurden Lizenzen für über 1.000 Produkte vergeben. Auch in Deutschland sollen die Saurier den Verkauf von Jeans und Schlafsäcken, Sammelalben und Schulranzen, Turnschuhen und Socken ankurbeln. Für die Sammler von Telefonkarten gibt es sogar eine limitierte Auflage mit dem Film-Markenzeichen.

Der Film beruht auf dem Bestsellerroman "Dino Park" von Michael Crichton, der für die Filmrechte vor Jahren die Rekordsumme von zwei Millionen Dollar erhielt. In Buch und Film geht es um einen Freizeitpark auf einer Insel vor Costa Rica, auf der einige Erfinder aus rekonstruiertem Erbgut Dinosaurier gezüchtet haben. Das Erbgut stammt aus Stechmücken, die vor mindestens 65 Millionen Jahren in Bernstein eingeschlossen und konserviert wurden, nachdem sie bei den damals noch lebenden Urviechern Blut gesaugt hatten. Als der Besitzer des Parks, ein verblendeter Milliardär, eine Wissenschaftlergruppe und seine Enkel zu einer Vorbesichtigung einfliegen lässt, lösen eine Sabotageaktion und technische Pannen eine Katastrophe aus. Die gefährlichen Tiere geraten außer Kontrolle und fallen die Besucher an.

In beiden Stoff-Fassungen ist die moralische Botschaft unübersehbar: Menschliche Vermessenheit führt zur verdienten Strafe. Die Warnung vor den Gefahren einer unkontrollierten Gentechnik ist zwar nicht gerade neu, wird aber in beiden Fällen spannend erzählt. Spielberg formte die Romanvorlage allerdings in typischer Hollywood-Manier zu einem massenattraktiven Spektakel um. Am gravierendsten erscheint dabei die Entschärfung der Warnung vor einer verantwortungslosen Wissenschaft durch ein vermeintliches Happy End. Während im Roman die entfesselten Saurier in die Außenwelt entkommen und sich durch Mutation der menschlichen Kontrolle entziehen, bleibt der Schaden im Film auf die Insel begrenzt, auf der das Militär mit schweren Waffen für Ordnung sorgen muss. Überspitzt gesagt: Aus Crichtons wissenschaftskritischem Science-Fiction-Thriller ist bei Spielberg ein eskapistisches Action- und Horror-Spektakel geworden.

Einen nicht zu verachtenden Teil seiner Wirkung verdankt "Jurassic Park" neben der bei einem solchen Projekt selbstverständlichen Starbesetzung der technisch perfekten Gestaltung, die übrigens wesentlich zum FBW-Prädikat "wertvoll" beitrug. Besonders hervorzuheben ist hier die Computertechnik, mit der George Lucas' Trickfilmfabrik Industrial Light and Magic die Dino-Figuren zum Leben erweckte. Die so erzeugten Computer-Echsen wurden in reale Aufnahmen kopiert. Die insgesamt sechseinhalb Minuten langen Szenen mit bewegten Digital-Sauriern beschäftigten 50 Mitarbeiter über neun Monate. Die Daten erforderten einen Speicherplatz von 750 Milliarden Byte – das ist mehr als die Computerkapazität einer Kleinstadt. Neben solcher Computertechnologie setzte Spielberg für Nahaufnahmen auch elektronisch gesteuerte Modelle von Köpfen oder Füßen ein.

Spielberg und Crichton knüpfen geschickt an die seit Jahren anhaltende Dinosaurier-Mode bei Heranwachsenden an und werfen damit einmal mehr die Frage nach deren Ursachen auf. Während dieser Frage aus Platzgründen hier nicht nachgegangen werden kann, soll doch auf zwei Widersprüche in der Vermarktung hingewiesen werden: Wie ein Kritiker der Berliner Zeitung (2.9.93) bemerkte, ist das Park-Emblem im Film identisch mit dem Verkaufsemblem des Films, womit dieser im Grunde bewirbt, "was im Film zurecht zerstört wird". Zum zweiten zielen Film und vor allem die begleitenden Merchandising-Artikel gerade auf die Dino-Begeisterung von Kindern, obwohl die blutrünstigen Szenen den Thriller als keineswegs kindgerecht erscheinen lassen. Symptomatisch dafür ist, dass die besonders gefährlichen Saurierarten wiederholt die beiden Filmkinder angreifen und in Lebensgefahr bringen. Spielberg erklärte in diesem Zusammenhang, er würde den Film seinen bis zu achtjährigen Kindern nicht zeigen wollen, weil er zu intensiv sei. So verwundert es auch nicht, dass der filmische Dino-Horror in den USA Debatten über zu explizite Gewaltdarstellungen und die Altersfreigabe ab 13 Jahren auslöste.

In Deutschland, wo "Jurassic Park" ab zwölf Jahren freigegeben ist, verursachte das Dino-Spektakel etlichen Kinobetreibern neben der Freude wegen der klingelnden Kassen auch reichlich Ärger. Denn sie mussten nicht nur um Einlass bettelnde Kinder zurückschicken, sondern sogar Eltern zurückweisen, die nach Presseberichten für ihre – manchmal erst sechsjährigen – Sprösslinge Einlass forderten. In Nürnberg musste sogar in 15 Fällen die Polizei geholt werden, weil sich die Eltern oder erwachsenen Begleitpersonen "uneinsichtig" zeigten.

Verärgerung und Kritik löste die Altersfreigabe der FSK auch in anderer Hinsicht aus. So erklärte die Bundesjugendministerin Angela Merkel (CDU), sie sei überzeugt, dass dieser Film auch bei Zwölfjährigen Angst und Schrecken auslösen könne. Die Ministerin appellierte daher an die Eltern, genau zu prüfen, ob sie ihrem Kind diesen Film zumuten könnten. Bei Fällen wie in Nürnberg fragt man sich allerdings eher, ob solche Eltern ihren Kindern zuzumuten sind. Darüber hinaus ist jedoch vor allem nach der Verantwortung der Marketingstrategen zu fragen, die mit ihren Kampagnen einen Erwartungsdruck erzeugen, der zu solchen Konflikten führt.

Reinhard Kleber

 

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