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Ausgabe 41-1/1990

MEIN LINKER FUSS

MY LEFT FOOT

Produktion: Noel Pearson, Irland 1989 – Regie: Jim Sheridan – Drehbuch: Jim Sheridan und Shane Connaughton, nach dem gleichnamigen Roman von Christy Brown – Kamera: Jack Conroy – Schnitt: J. Patrick Duffner – Musik (komponiert und dirigiert): Elmer Bernstein – Darsteller: Daniel Day Lewis, Brenda Fricker, Ray McAnally, Hugh O'Conor, Alison Whelan, Kirsten Sheridan, Fiona Shaw u. a. – Laufzeit: 94 Min. – Farbe – FSK: ab 12, ffr. – Verleih: TCF (35mm)

Christy Brown hat es geschafft: Im Smoking sitzt er im Rollstuhl und wartet das Ende einer Wohltätigkeitsveranstaltung ab, um anschließend den geladenen Gästen sein Buch 'Mein linker Fuß' vorzustellen. Während die Honoratioren Reden halten, vertreibt sich Christy die Zeit im Salon, nimmt ab und an einen Schluck Brandy aus dem "Flachmann" zu sich, eine Krankenschwester liest in seinem Buch. Sein Schicksal rollt noch einmal in Rückblenden ab. Schon bei seiner Geburt zeichnete sich ein schwieriger Lebensweg ab. In einer armen Familie mit 13 Kindern im Dublin des Jahres 1932 geboren, gaben ihm die Ärzte kaum Hoffnung auf ein Überleben. Er litt an einer schweren Athetose, einer spastischen Lähmung. Mit sieben Jahren hat der Junge seinen festen Platz unter der Treppe und registriert, was passiert, kann selbst aber nichts machen.

Als ihn seine Mutter eines Abends nach oben ins Schlafzimmer trägt, stürzt die hochschwangere Frau die Treppen runter. Christy wälzt sich herunter und schlägt mit dem linken Fuß an die Tür, bis Hilfe kommt. Durch dieses Unglück hat er gelernt, dass er wenigstens den linken Fuß bewegen kann. Mit Unterstützung seiner Mutter, der er das Leben gerettet hat, schafft er es, sich mit dem einzigen Körperteil, das er kontrollieren kann, zu artikulieren. Seine überdurchschnittliche Intelligenz hilft ihm dabei. Er lernt lesen und schreiben, eine engagierte Ärztin behandelt ihn kostenlos. Christy, inzwischen schon fast ein junger Mann, verliebt sich in die selbstbewusste Frau, die seine Sprechfähigkeit so verbessert, dass ihn auch Fremde verstehen können. Als er herausfindet, dass die Frau verlobt ist, macht er einen Selbstmordversuch, verfällt dem Alkohol. Doch seine Mutter fängt ihn wieder auf, hilft ihm, die Depression zu überwinden. Er malt Bilder und schreibt sein erstes Buch, kann sogar nach dem Tod des Vaters die Familie ernähren. Nur unter dem Alleinsein leidet er, bis er die Krankenschwester, die er auf der Wohltätigkeitsveranstaltung traf, heiratet.

Dies ist nun kein Märchen aus 1001 Nacht, sondern der Film basiert auf der authentischen Geschichte des Christy Brown (dessen Buch 'Mein linker Fuß' im Hänsel-Verlag erschienen ist). Er erzählt das außergewöhnliche Leben eines Mannes, der es trotz eines verkrüppelten Körpers schafft, in der Literatur und Malerei zu reüssieren. Der Produzent Noel Pearson kannte Christy Brown persönlich, war dessen Freund und inoffizieller Agent bis zu seinem Tode 1981. Dass der Film so beeindruckt, liegt nicht zuletzt an der Darstellung durch Daniel Day Lewis, der acht Wochen in der Dubliner Sandymount Klinik verbrachte und Kinder beobachtete, wie sie ihre durch Athetose verursachten Behinderungen zu überwinden versuchten. Die Dreharbeiten verbrachte der Schauspieler im Rollstuhl, um das Gefühl für seine Rolle zu bekommen: "Der Hauptgrund, warum ich mich darauf eingelassen habe, ist der, dass solche Behinderten-Themen sehr selten behandelt werden; das betrifft auch die Sexualität. Behinderte werden im Kino meist sehr stereotyp abgehandelt. Der Unterschied in diesem Film besteht darin, dass die Figur des Christy so kompliziert und voller Widersprüche ist wie jeder andere Mensch auch. Der Film konzentriert sich eher auf seine Fähigkeiten als auf seine Behinderungen."

Der Film verzichtet auf Larmoyanz. Im Gegenteil, er sorgt dafür, dass sich gegenseitige Anerkennung zwischen Behinderten und Nicht-Behinderten entwickelt. Christy ist kein Opfer, sondern kämpft gegen sein Schicksal an, duldet nicht klaglos, verändert seine Situation ständig, will als eigenständige Persönlichkeit geachtet und geliebt werden, behält seine Würde. Dadurch, dass er auch seine negativen Seiten auslebt – dazu gehören seine Wutausbrüche, sein Drang zum Alkohol – und nicht auf ein Podest gestellt wird, kommt er dem Zuschauer als Persönlichkeit näher. Wichtig ist auch, dass das Sexual-Tabu angesprochen wird. Christy reagiert "ganz normal", hat sexuelle und emotionale Bedürfnisse, die er nur schwieriger ausleben kann als körperlich Gesunde. "Mein linker Fuß" ist ein Meisterwerk, das sich durch eine tiefe und berührende Menschlichkeit auszeichnet, ein Plädoyer für die Integration von Behinderten in unsere Gesellschaft.

Margret Köhler

 

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