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Ausgabe 41-1/1990

DIE MONDJÄGER

Früherer Arbeitstitel des Films: APUENA – BRD 1989 – Regie und Drehbuch: Jens-Peter Behrend, nach Motiven des gleichnamigen Romans von S. Heuck – Kamera: Adrian Cooper, Carsten Krüger, Lars Barthel – Musik: Jürgen Knieper – Darsteller: Marie Bierstedt (Katrin), Karl Michael Vogler (Großvater), Wao-Moté – Laufzeit: 90 Min. – Farbe – Verleih: EZEF/Matthias-Film (16mm; voraussichtlich ab Herbst 1990) – Altersempfehlung: ab 8 J.

Regelmäßig erfahren wir aus Zeitungen oder durch das Fernsehen, dass die Indianer bedroht sind. Ihre Kultur verfällt, und auch in den Reservaten, die ihnen von den zuständigen Regierungen zugewiesen werden, sind sie vor Landraub seitens weißer Großgrundbesitzer nicht sicher, ist ihr Leben in Gefahr. Doch darüber hinaus wissen wir wenig über Indianer. Ihre Kultur ist uns fremd, und sie bleibt es auch dann, wenn wir sie ohne ethnologische Kenntnisse aus der Nähe betrachten und Indianer persönlich kennen lernen. Diese Erfahrung macht jedenfalls die 14-jährige Katrin aus Berlin in dem Film "Die Mondjäger". Katrin erforscht in Brasilien die Todesursache ihres Vaters und lernt dabei einen Indianerjungen kennen. Die beiden freunden sich an, aber gleichzeitig zeigt sich zwischen ihnen zunehmende Distanz, die nicht zu überbrücken ist, weil sie kulturell bedingt ist.

Als Katrin erfährt, dass ihr Vater in Brasilien ums Leben gekommen ist, reist sie gemeinsam mit ihrem Großvater dorthin, um mehr über die Todesumstände zu erfahren. Den offiziellen Erklärungen der brasilianischen Behörden, die die Indianer für den Tod verantwortlich machen, schenkt Katrin keinen Glauben. Zufällig trifft sie auf Wao-Moté, einen Indianerjungen, der Katrins Halsschmuck – ein Geschenk ihres Vaters – als Schmuck seines Stammes wiedererkennt. Da Wao-Moté offensichtlich etwas über ihren Vater weiß, setzt Katrin allein mit ihm, ohne den Großvater, der zurück nach Deutschland will, die Reise fort. Nach einigen Tagen Flussfahrt auf dem Amazonas gelangen sie zu dem Reservat des Indianerjungen. Die Begegnung mit den Indianern wird für Katrin zu einem einschneidenden Erlebnis. Hier wird sie Zeugin eines Initiationsrituals, in dem die Jungen des Dorfes, darunter auch Wao-Moté, zu Kriegern geweiht werden. Hier erfährt Katrin auch mehr über die Lebensumstände des Vaters: Dieser war in die Konflikte der weißen Großgrundbesitzer mit den Indianern hineingezogen worden. Die Großgrundbesitzer hatten sein Flugzeug abgeschossen, dies aber als Anschlag der Indianer getarnt, um einen Vorwand für Brandstiftungen und Überfälle auf die Indianer zu haben.

Der Überlebenskampf der Indianer stellt jedoch nur die Kulisse des Films dar, in dessen Mittelpunkt die Beziehung zwischen Katrin und Wao-Moté steht. Ihre bis zur Verliebtheit gesteigerten Gefühle bleiben Utopie. Zu groß sind die Verständnisschwierigkeiten zwischen ihnen. Noch während Katrin sich laut überlegt, wie ihr Leben wohl mit Wao-Moté in Deutschland aussehen könnte, wird ihr klar, wie fremd ihm, der nicht einmal ihre Sprache versteht, das Leben mit Schule, Klavierspielen und Einkaufsbummel sein muss. Umgekehrt reagiert Katrin empört, als Wao-Moté einen Vogel abschießt, denn sie ahnt nicht, dass er ihr daraus einen Federschmuck machen wird.

Die Kluft zwischen den beiden Kulturen wird vollends offenbar, als Wao-Moté an dem Initiationsritus teilnimmt. Dabei scheint er mit den Mitgliedern seines Stammes hermetisch eingeschlossen zu sein durch eine unsichtbare Wand. Katrin ist bloße Zuschauerin, räumlich präsent, aber für Wao-Moté, der sie gar nicht beachtet, weit entfernt. Parallel zu Wao-Moté macht auch Katrin einen Reifungsprozess durch. Während sie anfänglich mit der Unbefangenheit eines Kleinkindes auf Wao-Moté zugeht, weiß sie zum Schluss um die Distanz zwischen ihnen und akzeptiert sie, weil sie etwas von der anderen Kultur kennen gelernt hat. Darin ist Katrin den Zuschauern voraus. Für diese nämlich bleibt die Kultur der Indianer im Dunkeln. So reizvoll das Zeremoniell auch ist – die Jungen schlagen nach einem bestimmten Rhythmus im Fluss das Wasser – so sehr täuschen diese Bilder über die Lebensbedingungen der Indianer hinweg.

Der Initiationsritus hat, obwohl er "echt" ist – die Dreharbeiten wurden auf dieses Fest zeitlich eigens abgestimmt – etwas Exotisches, weil wir nichts über den Kontext erfahren und über all die Dinge, die im Widerspruch zu diesen schönen Bildern stehen, das Leben des Stammes aber entscheidend prägen. Zwar bekommen wir entwicklungspolitischen Nachhilfeunterricht, als Joao, ein Bekannter von Katrins Vater, das Mädchen über die negativen Einflüsse der Weißen auf die Indianer aufklärt, aber von all dem zeigt der Film nichts.

Dramaturgisch erscheint der Film an einigen Stellen ungereimt. Etwa als der Großvater, der zum Schluss benachrichtigt wird, am Ort des Geschehens eintrifft. Sein Flugzeug, gerade noch hoch über Katrin, ist plötzlich ein paar Meter weiter gelandet, noch dazu in der Nähe des Flugzeugwracks des Vaters, auf das Katrin ganz zufällig stößt. Ebenfalls unverständlich ist, dass Wao-Moté in der Zeit vor dem Ritual Stäbchen in den Ohren trägt, obwohl das Durchstechen der Ohrläppchen gerade ein Bestandteil des Rituals ist, dem der Film viel Aufmerksamkeit widmet. Dass Wao-Moté zum Schluss offensichtlich neue Stäbchen aus hellem Holz hat, trägt zum Verständnis nichts bei.

Doch man mag dem Film zugute halten, dass er nicht den Anspruch hat, uns die Kultur der Indianer vorzustellen. Er erzählt auf unterhaltsame Art eine Mischung aus Liebes- und Abenteuergeschichte – konsequent aus der Perspektive eines 14-jährigen deutschen Mädchens.

 

Justine Schuchardt

 

Zu diesem Film siehe auch:
KJK 41-1/1990 - Interview - "Jetzt höre ich Nachrichten aus Brasilien aufmerksamer als vorher"

 

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