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Ausgabe 42-2/1990

YAABA

Produktion: Thelma Film, Zürich / Arcadia Films, Paris / Les Films de l'Avenir, Ouagadougou, Burkina Faso / Frankreich / Schweiz 1989 – Regie und Drehbuch: Idrissa Ouédraogo – Kamera: Matthias Kälin, Jean Monsigny – Schnitt: Loredana Cristelli – Ton: Jean-Paul Mugel – Musik: Francis Bebey – Darsteller: Fatimata Sanga (Yaaba), Noufou Ouédraogo (Bila), Roukiétou Barry (Nopoko), Adama Ouédraogo (Kougri), Amadé Toure (Tibo), Sibidou Ouédraogo (Poko) u. a. – Laufzeit: 90 Min. – Farbe – Verleih: Pandora (35mm) – Altersempfehlung: ab 10 J. –Auszeichnungen: FESPACO 1989, Prix spécial du Jury, Prix du Public; Cannes 1989, Prix de la Critique Internationale

Burkina Faso, das einstige Obervolta, zählt zu den zehn ärmsten Staaten der Welt und gilt dennoch als eines der wenigen "Filmländer" in Schwarzafrika. Schon Mitte der 70er-Jahre entstanden dort erste eigene Spielfilme; in der Hauptstadt Ouagadougou, in der auch das Panafrikanische Filmfestival stattfindet, leistete man sich bis 1987 sogar eine Filmhochschule. Ein Luxus mitten in einer Region des Hungers? Kultur sei eine "unverzichtbare Nahrung für Geist und Seele", hatte der 1987 ermordete Staatschef Sankara erklärt – andere, nicht weniger arme Staaten investieren weit mehr in die Rüstung. Und die Filmproduktion profitiert von den ausländischen Produktionen, die auch auf die afrikanischen Filmmärkte drängen: 15 Prozent des Einspiels müssen abgeführt werden für die nationale Filmförderung.

Dass den Filmemachern in Burkina Faso zwar politische Grenzen gesetzt sind, dass Arbeiten über akute Konflikte und Katastrophen schwerlich zu realisieren wären, dass andererseits sowohl Sankara als auch sein Nachfolger Kompaoré klug genug waren, vom nationalen Kino nie ihre Verherrlichung zu erwarten, dies konnte man bislang regelmäßig den Filmen aus dem Savannenland entnehmen. Idrissa Ouédraogos "Yaaba" führt auf beeindruckende Weise die Möglichkeiten vor.

Hunger ist hier ebenso wenig ein Thema wie der Konflikt zwischen den Stämmen. Bei genauerem Hinsehen entdeckt auch ein europäischer Betrachter unverzüglich die Armut der Savanne, den rotbraunen, allgegenwärtigen Staub; und die Gesichter erzählen davon, dass sich in dem Land seit Generationen die Völker aus dem Norden, Süden und Westen vermischten.

"'Yaaba' beruht auf einer Erzählung aus meiner Kindheit", sagt der Regisseur und Autor, "und auf der Erinnerung an das, was den sieben- bis zwölfjährigen Kindern vor dem Einschlafen erzählt wird." Mündlich Überliefertes festzuhalten, das wird noch lange eine vordringliche Aufgabe der afrikanischen Künstler sein. Idrissa Ouédraogo verwendet weder Requisiten einer erkennbaren Gegenwart noch weist er die Erzählung in die Vergangenheit zurück. Aber er berichtet in den entscheidenden Augenblicken davon, wie Erfahrungen und konkretes Wissen über Angst und Aberglauben die Oberhand gewinnen.

Die Protagonisten des Films gehören den Randgenerationen an: Sana, eine alte, aus der Dorfgemeinschaft ausgestoßene und als Hexe diffamierte Greisin, wird von dem kleinen Jungen Bila und seiner unerschrockenen Freundin Nopoko bald zärtlich "Yaaba" (Großmutter) genannt. Sie ist es auch, die zusammen mit einem heilkundigen Greis das Leben des Mädchens rettet. Hier wird nicht die westliche gegen die afrikanische Medizin ausgespielt, sondern das Wissen triumphiert über den Hokuspokus eines geldgierigen Scharlatans.

"Yaaba" beobachtet das Leben der Dorfgemeinschaft sehr genau, doch ohne ethnologisches Interesse, das die Menschen vor der Kamera doch nur zum Forschungsgegenstand machen würde. Und ohne jede idyllisierende Tendenz. Idrissa Ouédraogo erzählt einfach, klar und zärtlich, der Realität und den Mythen verbunden, mit einem Blick für die Zusammenhänge zwischen Menschen und Landschaft wie im klassischen Western.

Die zwei Kinder schließen Freundschaft mit der verfemten Greisin. Die Generation der Eltern reagiert darauf mit Misstrauen. Ein Getreidespeicher brennt im Dorf, die Schuld wird der abwesenden Sana zugeschrieben. Ehen scheitern, an der Trunksucht des Mannes oder an einer zänkischen Frau. Der kleine Bila wird von drei Gleichaltrigen angegriffen, Nopoko, die ihm zu Hilfe kommt, wird von einem Messerstich verwundet: Dieses Leben ist schon im Ansatz von Gewalt und unkontrollierten Emotionen bedroht. Was in Burkina Faso geschieht, hat, wenngleich indirekt, in den Film Eingang gefunden.

Idrissa Ouédraogo erzählt auch von der Schönheit seines Landes: vom Gang der würdigen Greisin – eine uralte barfüßige Gräfin der Savanne – von der unbekümmerten Spielfreude der zwei hinreißenden Kinder vor der Kamera, vom Rhythmus der Bewegungen, mit denen der Rhythmus der Bilder makellos übereinstimmt, und von der Abgeschiedenheit einer Welt, die einfach zu arm geblieben ist, um das Interesse der Eroberer von heute wach zu halten.

Hans Günther Pflaum

 

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