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Ausgabe 42-2/1990

"Mit dem Mädchen mitfühlen"

Gespräch mit Erhard Riedlsperger

(Interview zum Film TUNNELKIND)

Erhard Riedlsperger, Jahrgang 1960, geboren in Hallein bei Salzburg, studierte bis 1986 an der Hochschule für Musik und darstellende Kunst/Abteilung Film und Fernsehen (Filmakademie) in Wien. Seit 1986 ist er als Lektor an der Universität Salzburg sowie freier Regisseur und Drehbuchautor. Für wissenschaftliche Filme erhielt er diverse Filmpreise, 1986 gewann er einen Preis beim Berliner Kurzfilmfestival und 1987 wurde er mit dem österreichischen Förderungspreis für Filmkunst ausgezeichnet. "Tunnelkind" ist der erste Kinofilm von Erhard Riedlsperger. Das Buch wurde 1988 beim Niederösterreichischen Drehbuchwettbewerb preisgekrönt. Bei den Internationalen Filmfestspielen Berlin 1990 lief der Film im Wettbewerb des Kinderfilmfestes und gewann den zweiten Preis der Berliner Kinderjury, gestiftet von Maria Schell.

KJK: Ihr Film spielt 1969, in diesem Jahr waren Sie neun Jahre alt. Welche Erinnerungen haben Sie an 1969?
Erhard Riedlsperger: "Seltsamerweise kann ich mich an das Fernsehprogramm sehr genau erinnern, natürlich an Erlebnisse mit Freunden und auch an die Schule."

... und an die Ereignisse, die im Film eine Rolle spielen?
"Dazu muss ich sagen, die Geschichte, die der Film erzählt, ist erfunden. Es war so, dass ich in dieser Gegend zu tun hatte. Ich schloss mich zwei Tage lang einer Wanderung an, und die Landschaft dort hat mich fasziniert. Als Osterreicher ist man sehr gut im Verdrängen, und man hat diese Grenze zwischen Österreich und der Tschechoslowakei wirklich verdrängt, nicht so wie in Berlin, wo das ganz dicht ist, wo man das immer spürt. Aber dort habe ich dann gedacht, das gibt es ja auch – und da ist dann eigentlich sehr schnell die Geschichte entstanden."

Das Drehbuch haben Sie zusammen mit Peter Zeitlinger geschrieben – wie waren die Anteile daran?
"Die ersten drei Fassungen habe ich selber geschrieben, aber man hat dann keinen Abstand mehr und braucht jemanden, der einem sagt, na, pass auf – also die nächsten Fassungen sind dann zusammen mit Peter Zeitlinger entstanden."

Peter Zeitlinger war ja zugleich auch Kameramann, macht das die Dreharbeiten leichter oder führt es unter Umständen auch zu Differenzen?
"Wir haben uns gut verstanden, und wir waren von der Geschichte so überzeugt, dass es keine Probleme gab. Obwohl ich zugeben muss, dass ich am Anfang auch Befürchtungen hatte, weil es zwei Leute gibt, die irgendwo hinwollen und wenn die in verschiedene Richtungen streben, ist das schwierig – aber bei uns war das kein Problem."

Vom Stil her hat mich Ihr Film an frühe Fassbinder-Filme erinnert, ich denke da an Filme wie "Ich will doch nur, dass ihr mich liebt". War es von Ihnen beabsichtigt, einen Film im Stil der Zeit um 1970 zu inszenieren?
"Da muss ich ganz ehrlich sagen, das ist zufällig – und wenn Sie das darin sehen, dann freut mich das, aber das war nicht geplant."

Gibt es denn sonst für Sie irgendwelche Vorbilder?
"Französische Filme schätze ich, und ganz besonders Claude Chabrol – wobei ich gar nicht genau sagen kann, warum – ist für mich ein Vorbild, und auch Louis Malle. Ich habe den Film aber nicht so angelegt, dass er in einem bestimmten Stil sein muss. Ich habe mich eher an die Landschaft gehalten und an das Mädchen. Der ganze Film ist aus der Sicht dieses Mädchens, und es war mir wichtig, dass man mit diesem Mädchen mitfühlen kann."

Wie haben Sie denn dieses Mädchen gefunden?
"Das hat sehr lange gedauert, wir haben sicher über zweitausend Mädchen angeschaut, sind in Wien und in Niederösterreich in die Schulen gegangen und haben über zwei Monate gecastet. Die Silvia Lang ist ein bisschen so wie das Mädchen im Buch und hat auch so sein müssen, damit sie das spielt – und das ist auch eines der Geheimnisse, die sie sich bewahrt hat. Ich weiß nicht, wie sie den Film damals empfunden hat. Dass sie den ganzen Film und die Geschichte gespürt hat, glaube ich nicht: Sie hat auch den fertigen Film noch nicht gesehen. Ich habe immer mit ihr so gearbeitet, dass ich sagte, so pass auf, jetzt bist du traurig, jetzt lustig – also ihr immer die vorhergehende und nachfolgende Szene erklärt, und dann wurde die betreffende Szene gedreht."

Ihr Film war beim Kinderfilmfest Berlin zu sehen, haben Sie beim Drehen des Films auch an Kinder und Jugendliche als Zuschauer gedacht?
"Dass er im Kinderfilmfest lief, war eine Entscheidung von Produktionsseite. Wir wollten gern sehen, wie die Kinder darauf reagieren, obwohl ich schon der Meinung bin, dass es kein Kinderfilm ist."

Haben Sie Angst vor diesem Etikett?
"In Österreich gibt es den Kinderfilm nicht, insofern habe ich mir darüber keine Gedanken gemacht. Und beim Drehen war er nicht als Kinderfilm geplant.

Ihr Film ist in einer Zeit zu sehen, in der genau das Gegenteil von dem passiert, was Sie zeigen – die Grenzen zwischen Ost und West werden nicht befestigt, sondern verlieren ihre Unüberwindbarkeit. Was historische Fakten anbetrifft, setzen Sie in Ihrem Film eine Menge als bekannt voraus.
"Natürlich hat dieser Film an der realen Grenze Österreich-Tschechei spielen müssen, aber wenn man die Geschichte abstrahiert, kann man sich die vorstellen zwischen Nord- und Südvietnam oder zwischen Mexiko und den USA, denn Grenzen gibt es nach wie vor. Die Grenze zwischen Ost- und West-Berlin ist Gott sei Dank weg. Dass die politische Situation sich so ändert, war natürlich während des Drehens nicht abzusehen, aber ich glaube, dass der Film gut passt: Ich bin sehr froh, dass er in Berlin zu sehen war und auch in Ost-Berlin."

Mit Erhard Riedlsperger sprach Manfred Hobsch

 

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