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Ausgabe 43-3/1990

300 MEILEN BIS ZUM HIMMEL

300 MIL DO NIEBA

Produktion: Zespoly Polskich Producentów Filmowych, Produktionsgruppe "Tor", Warschau; Polen / Dänemark / Frankreich 1989 – Regie: Maciej Dejczer – Drehbuch: Cezary Harasimovicz, Maciej Dejczer – Kamera: Krzysztof Ptak – Schnitt: Jaroslaw Wolejko – Ton: Piotr Domaradzki – Musik: Michal Lorenc – Darsteller: Wojciech Klata (Crzes), Rafa Zimowski (Jedrek), Kama Kowalewska (Elka), Jadwiga Jankowska-Cieslak, Andrzej Mellin, Adrianna Biedrzynska, Jerzy Schejbal, Peter Steen u. a. – Laufzeit: 91 Min. – Farbe – Weltvertrieb: Warner & Metronome Films ApS, 16 Søndermarksvej, DK-2500 Valby – Verleih: Matthias-Film, KJF-Medienverleih (16mm, ab 1991) – Altersempfehlung: ab 10 J.

"300 Meilen bis zum Himmel" – das bedeutet für zwei polnische Kinder im Alter von 12 bzw. 15 Jahren eine imaginäre Flucht-Linie. Gemeint ist damit die Strecke, die von ihrem tristen Zuhause in einer polnischen Kleinstadt aus in den Westen führt. Zwei Kinder, die Zielinski-Brüder, haben 1985 daraus eine reale, überwindbare Distanz gemacht und sind in einem LKW-Versteck von Polen nach Schweden geflüchtet. Der polnische Regisseur Maciej Dejczer hat in seinem Erstlingsspielfilm die Geschichte der beiden Ausreißer verfilmt, und das gelang ihm so gekonnt und überzeugend, dass er dafür 1989 mit einem "Felix" für "den besten jungen europäischen Film" ausgezeichnet wurde.

Der Vater der beiden Brüder Crzes (der ältere) und Jedrek ist Geschichtslehrer und wurde aus politischen Gründen vom Schuldienst suspendiert. Die Familie – im Film heißt sie Kwiatkowski – unterhält mit primitiven Mitteln und viel Improvisationskunst eine illegale kleine Ziegelei. Der permanente Ärger mit den Funktionären der Partei und den Bediensteten der Behörden treibt die Familie in eine existenzielle Notlage. Crzes fasst den Entschluss, auszureißen. Er überzeugt davon seine Freundin Elka, die ebenfalls in den Westen flüchten möchte. Den kleinen Jedrek nehmen sie mit. Doch die drei kommen nicht weit, ein Motorradunfall beendet frühzeitig das Unternehmen. Elka wird verletzt. Sie ist auf ärztliche Hilfe angewiesen und muss zurückbleiben.

Crzes und Jedrek können sich unter dem Chassis eines großen LKW verstecken und haben Glück, dass sie bei den Grenzkontrollen nicht entdeckt werden. In Dänemark angekommen, stehen sie einer neuen Welt staunend gegenüber. Crzes übernimmt die Initiative und erreicht ihre Unterbringung in einem Flüchtlingslager. Den Eltern fällt es schwer, sich auf die neue Situation einzustellen, Probleme haben sie bereits genug. Die polnischen Behörden setzen sie unter Druck, ein offizielles Auslieferungsverfahren zu beantragen. Doch ihre Kinder haben inzwischen einen Antrag auf Asyl gestellt. Sie werden in ihrem Anliegen von einer couragierten, aus Polen emigrierten Journalistin unterstützt. Am Weihnachtstag können die Eltern mit ihren Kindern telefonieren. Schweren Herzens raten sie ihnen von einer Rückkehr nach Polen ab. Ihre Kinder sind durch das Erlebte fast "erwachsen" geworden. Es ist ihnen zuzutrauen, dass sie sich in dem fremden Land – 300 Meilen von ihrer Heimat entfernt – durchsetzen und behaupten können.

In atmosphärisch dichten, betroffen machenden Bildern schildert Dejczer die Lage einer polnischen Familie, die sich den wechselnden widersprüchlichen Parteidoktrinen verweigert und dafür von engstirnigen und korrupten Handlangern schikaniert wird. Crzes, der in der Schule das Lügengewebe durchschaut hat und seine Meinung nicht verhehlt, sieht in diesem Leben keinerlei Perspektiven. Seinen naiven Entschluss, in "den Westen abzuhauen", fasst er aus Auflehnung und Verzweiflung. Im Verlaufe der abenteuerlichen Flucht wächst er über sich hinaus und findet dabei die Kraft, auch für seinen jüngeren Bruder zu sorgen. Crzes ist die Hauptfigur des Films. Der junge Schauspieler Wojciech Klata lässt den Weg des Protagonisten von jugendlicher Unbekümmertheit bis zum eigenverantwortlichen Handeln überzeugend nachvollziehen.

"300 Meilen bis zum Himmel" besteht aus ruhigen, von dunklen Naturtönen bestimmten Bildern. Und obwohl der Film auf hektische Flucht- und Actionsequenzen verzichtet, ist er von Anfang bis Ende spannend – und nicht zuletzt das ist die Voraussetzung dafür, Kindern und Jugendlichen eine abenteuerliche und nachdenkliche Geschichte zu vermitteln. Nicht Superhelden oder die Pyrotechnik stehen im Mittelpunkt, sondern zwei Heranwachsende. Sie zeigen, wie stark ihre Generation ist – oder sein kann, wenn sie es will.

Horst Schäfer

 

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