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Ausgabe 43-3/1990

DIE MAUERBROCKENBANDE

DIE MAUERBROCKENBANDE

Produktion: Regina Ziegler Filmproduktion / ZDF, BRD / DDR 1990 – Regie: Karl Heinz Lotz – Drehbuch: Wolfgang Kirchner – Kamera: Michael Reiter – Schnitt: Petra Heymann – Musik: Andreas Aigmüller – Darsteller: Davia Dannenberg (Marion), Lukasz Krzyzanick (Jacek), Stefanie Stappenbeck (Sibylle), Peter Raasch (Gerd), Hannes Herwig (Klaus), Ulrike Krumbiegel, Hans-Uwe Bauer, Karin Duewel u. a. -Laufzeit: 90 Min. – Farbe – Altersempfehlung: ab 10 J.

Der erste Film, der nach der Öffnung der innerdeutschen Grenze in Zusammenarbeit von Filmproduzenten aus der BRD und einem Filmstab aus der DDR entstand, beschäftigt sich mit dem Schicksal von Kindern in Zwiespalt zwischen Ost und West und greift damit ein aktuelles Thema auf, das aufgrund immer neuer, sich überstürzender Ereignisse fast in Vergessenheit geraten ist. Die Filmgeschichte führt zurück in den Sommer 1989, als Tausende von DDR-Bürgern über die "grüne Grenze" Ungarns in den Westen geflohen sind.

Ohne dass sie gefragt wurde, muss die 12-jährige Marion ihren Eltern auf dem gefahrvollen und ungewissen Weg folgen und findet sich plötzlich in der lauten, bunten, geschäftigen Welt am Kudamm in West-Berlin wieder. Im Ostteil der Stadt hat sie ihre Freunde und eine Wohnung, jetzt haust die Familie in einem der schnell errichteten Containerlager, zusammen mit Aussiedlern aus anderen Ländern. Marion freundet sich mit dem gleichaltrigen Jacek an, einem polnischen Jungen, der ebenfalls im Lager lebt und von viel Geld und von der Rückkehr zu seiner geliebten Großmutter träumt. Als am 9. November die Mauer geöffnet wird, dauert es nicht lange und Sibylle, Marions beste Freundin aus Ost-Berlin, steht vor der Containertür. Die offene Grenze macht es möglich, dass Marion mit Sibylle in die "alte Heimat" geht; der Schlüssel für ihre Wohnung liegt noch am alten Platz. Dort trifft sie auch Gert, ihren ehemaligen Freund. In die Wiedersehensfreude mischt sich Trauer und Nachdenklichkeit, als er erzählt, dass seine Mutter mit dem kleinen Bruder in den Westen abgehauen ist und ihn im Stich gelassen hat.

An der Mauer ist inzwischen ein schwunghafter Handel mit bemalten Mauerbrocken in Gang gekommen. Marion und Jacek, aber auch Sibylle, deren naseweiser kleiner Bruder Kläusi und Gert mischen kräftig mit. Den letzten Abend des aufregenden Jahres verbringen die Kinder gemeinsam in Marions Wohnung – ihre Wünsche und Sehnsüchte für die Zukunft sehen sehr unterschiedlich aus: Marion will in Berlin-Ost bleiben und auf gar keinen Fall mit den Eltern nach Bayern ziehen, wo die Mutter eine Arbeitsstelle in Aussicht hat; Jacek will zu seiner "Babcija" nach Polen, Gert zu seiner Mutter in den Westen. Die Erwachsenen haben ihre Rechnung ohne die Kinder gemacht.

Den Blickwinkel der Kinder hält der Film konsequent ein. Nach dem Willen des DEFA-Regisseurs Karl Heinz Lotz (bei uns bekannt durch seine Filme "Der Dicke und ich", 1981, "Junge Leute in der Stadt", 1985, und – seinen letzten Film vor der "Mauerbrockenbande" – "Rückwärts laufen kann ich auch") soll "Die Mauerbrockenbande" auch ein Nachdenken sein über den Platz der Kinder in der sich sehr schnell wandelnden Gesellschaft". Ausgangspunkt für das Buch zu diesem Film, das der Autor Wolfgang Kirchner im Rahmen der Redaktion Kinder und Jugend beim ZDF entwickelte, waren Berichte über die Kinder, die durch private Entscheidungen der Eltern entwurzelt wurden. Ereignisse, die ein paar Monate später schon eine historische Dimension bekommen haben, ohne dass Zeit zur Bewertung und Gewichtung geblieben ist.

Wenn auch dem Film dieser Zeitdruck anzusehen ist, macht er doch einen Aspekt bewusst, dem in der Medienöffentlichkeit kaum mehr Beachtung zukommt: Er thematisiert die gesellschaftspolitischen Ereignisse aus der Perspektive derjenigen, die diese Entwicklung nicht bestimmen können, deren Leben aber davon bestimmt und beeinflusst wird. Die Bilder geben Stimmungen wieder und sind zugleich Zeitdokumente, entstanden aus der permanenten Konfrontation mit dem Zusammenbruch des alten Systems.

Sicher hätte der Film an Eindringlichkeit noch gewonnen, wenn auf einige der gängigen Klischees verzichtet worden wäre, wie z. B. die Zeichnung des tumben Funktionärsvaters oder der beiden polnischen Ganoven, die die Notlage des kleinen Betrügers Jacek auf dem West-Berliner Polenmarkt für ihren großen Deal ausnützen wollen. Auch die Dialoge wirken manchmal etwas hölzern. Das mindert jedoch nicht den positiven Gesamteindruck, den "Die Mauerbrockenbande" hinterlässt, zumal die Kinder, allen voran das selbstbewusste Mädchen Marion (Davia Dannenberg) Hoffnung vermitteln. Sie entwickeln die notwendige Stärke, der Gedanken- und Rücksichtslosigkeit der Erwachsenen eigene Wege entgegen zu setzen.

"Die Mauerbrockenbande" war der einzige deutsche Beitrag beim 8. Kinderfilmfest/ Filmfest München 1990.

Christel Strobel

 

Bundesverband Jugend und Film e.V.DIE MAUERBROCKENBANDE im Katalog der BJF-Clubfilmothek unseres Online-Partners Bundesverband Jugend und Film e.V.

 

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