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Ausgabe 43-3/1990

RÜCKWÄRTS LAUFEN KANN ICH AUCH

Produktion: DEFA-Studio für Spielfilme, Gruppe "Babelsberg", DDR 1989 – Regie: Karl Heinz Lotz – Drehbuch: Manfred Wolter – Kamera: Michael Göthe – Schnitt: Ilse Peters – Ton: Wolfgang Großmann – Musik: Andreas Aigmüller – Darsteller: Peggy Langner (Kati), Roland Kuchenbuch (Vater), Vera Irrgang (Mutter), Claudia Geisler (Gerda), Heiko Krüger (Frank) u. a. – Laufzeit: 88 Min. – Farbe – Altersempfehlung: ab 8 J.

Zu Babelsberger Tabu-Themen gehörte lange Zeit auch die Problematik von Behinderten. 1,3 Millionen Leicht-, Schwer- und Schwerstbeschädigte leben in der DDR. Das erfährt man aus dem Abspann des Films "Rückwärts laufen kann ich auch" von Karl Heinz Lotz. Aber diese Menschen waren noch vor wenigen Jahren in der Öffentlichkeit kaum zu bemerken. Sie wurden fast versteckt gehalten. Erst in letzter Zeit treten sie auch mit Forderungen hervor, verlangen wie bei uns Berücksichtigung ihrer besonderen Schwierigkeiten durch entsprechende bauliche und verkehrsmäßige Hilfen. Einige wenige Dokumentarfilme bemühten sich in jüngster Zeit, Verständnis zu wecken für die meist ins Abseits gestellten, bestenfalls mit falschem, unerwünschtem Mitleid bedachten Außenseiter der Gesellschaft.

Karl Heinz Lotz wollte schon vor zehn Jahren Roswitha Gepperts Buch "Die Last, die du nicht trägst" über geistig Behinderte verfilmen. Dafür gab es damals bei der Studioleitung kein Verständnis. Und als der Regisseur vor fünf Jahren bereits begonnen hatte, das Szenarium von Manfred Wolter filmisch umzusetzen, auf dem seine jetzt in die Kinos gekommene Arbeit basiert, da durfte er bald die Dreharbeiten nicht mehr fortsetzen. Damals sollte die behinderte Tochter des Drehbuchautors Manfred Wolter die Hauptrolle spielen. Jetzt taucht sie, inzwischen dreizehnjährig, in einer Nebenrolle auf. Protagonistin wurde nun die achtjährige Peggy Langner. Sie spielt mit bewundernswertem Einsatz und großer Überzeugungskraft die siebenjährige Filmheldin Kati.

Das kleine Mädchen ist Spastikerin, kann sich nicht bewegen wie andere Kinder, hat aber die gleiche Intelligenz wie die sogenannten "Normalen". Deswegen möchten ihre Eltern Kati auch in eine Schule wie jede andere geben. Die Direktion willigt ein: für ein Probejahr. "Lasst uns fahren, lasst uns fliegen": Mit diesem Lied werden die Schulanfänger begrüßt, und damit schlägt der Film gleich einen Ton poetischer Überhöhung an, der die realistische Grundebene ergänzt und vielleicht Nachdenklichkeit befördert, auch bei einem kindlichen Publikum. Kati macht wie ihre Mitschüler ein paar Flugbewegungen, dann fällt sie hin.

Neben den Anstrengungen der Siebenjährigen, sich neben den anderen Kindern zu behaupten, den kleinen Erfolgserlebnissen, steht die Widrigkeit des Alltags für Behinderte, neben Hilfsbereitschaft erfährt Kati auch Ungeduld, Arroganz, ja Spott. Wichtig wird für sie die Freundschaft mit Frank, dem siebzehnjährigen Leidensgefährten, der die Sonderschule absolviert hat und nun in einem Altenheim hilft. Seine hübsche gleichaltrige Freundin ist taubstumm. So bezieht der Film auch andere Behinderten-Schicksale ein und macht zugleich deutlich, dass Behinderte bei aller Benachteiligung doch Menschen sind wie andere auch.

Karl Heinz Lotz lässt nie Wehleidigkeit aufkommen, setzt gelegentlich auch humorvolle und ironische Lichter, etwa wenn der Oberkellner eine Tischrunde, die sich in Taubstummensprache verständigt, immer wieder auffordert, einer westlichen Reisegesellschaft Platz zu machen, bis ihm schließlich ein unüberhörbares "Nein" zur Antwort wird. Gewiss spart der Film, der sich ja auch an ein sehr junges Publikum wendet, die härtesten Konsequenzen eines Behindertenlebens, auch in der Konfrontation mit einer vielfach kalten Umwelt, aus, aber wenn er einmal in die Idylle abzugleiten droht, wie bei Katis Geburtstagsfeier, wird dies doch rasch wieder durch Erinnerungen an die härtere Realität konterkariert.

So endet der Film auch mit dem für Kati zunächst enttäuschenden Beschluss der Schulleitung, das Probejahr nicht zu verlängern und sie doch lieber auf eine Sonderschule zu schicken. Was bleibt, ist der Appell von Katis Mutter, auch andere Kinder müssten "so früh wie möglich lernen, dass unsere Welt nicht nur aus Gesunden und Erfolgreichen besteht". Der halbdokumentarische Film von Karl Heinz Lotz lehrt dies auf anrührende Weise.

Heinz Kersten

Zu diesem Film siehe auch:
KJK 44-3/1990 - Interview - "Wenn ein Projekt genehmigt war, hatte man große finanzielle Freiheiten"

 

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