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Ausgabe 44-4/1990

BASHU, DER KLEINE FREMDE

BASHU, GHARIBEH KOUCHAK

Produktion: Ali Reza Zarrin (Institute for the Intellectual Development of Children and Young Adults), Iran 1989 – Regie und Drehbuch: Bahram Beizai – Kamera: Firuz Malekzadeh – Schnitt: Bahram Beizai – Darsteller: Susan Taslimi (Naii), Parviz Pourhosseini (Bashu), Adnan Afravian, Akbar Doudkar – Laufzeit: 120 Min. – Farbe – 35mm – Internationaler Vertrieb: Farabi Cinema Foundation, No. 55 Sie-Tir-Ave., Tehran 11358/IR, Iran

Ein kleines Dorf im arabischen Süden des Iran – Bomben fallen – Ein Mann versinkt buchstäblich in der Erde und eine Frau verbrennt bei lebendigem Leibe. Mitten in diesem Inferno flüchtet ein kleiner Junge und versteckt sich auf einem Lastwagen, der das Dorf im Bombenhagel verlässt. Wenig später sehen wir den LKW anhalten und aus dem Hintergrund sind Geräusche von Explosionen zu hören. Schreiend vor Angst rennt der Junge weg und läuft in den Wald. Verdreckt und voll Ruß finden ihn einige Kinder, die ihn ihrer Mutter auf dem Feld zeigen.

Das ist der Beginn des eindrucksvollen – künstlerischen – Höhepunktes des diesjährigen Frankfurter Kinderfilmfestivals, der der erklärte Liebling des Erwachsenen-Publikums war. Der Film erzählt, wie der kleine Bashu, der im Gegensatz zu seiner – neuen – persischen Umgebung nur arabisch spricht, von einer starken Frau (Naii) gegen alle Widerstände aufgenommen, gesund gepflegt und in ihre Familie integriert wird: Nachdem sie Bashu entdeckt hat, stellt sie ihm Essen und Wasser vor seinen Unterschlupf. Das so geschaffene Vertrauen bewegt den Kleinen dazu, auf ihren Hof zu kommen, wo eine Verständigung zuerst mal an der Sprachbarriere scheitert. (Anm.: Im Iran werden insgesamt fünf Sprachen gesprochen, wobei Persisch Staatssprache ist) Nun kommen Familie und Dorfgemeinschaft zur Besichtigung des fremden – dunkelhäutigen – Jungen. Naii wehrt jedoch alle Versuche ihrer Verwandten und auch die ihres abwesenden Ehemannes ab, Bashu zu vertreiben. Sie pflegt ihn, als er krank wird und hilft ihm, sich in seiner neuen Umgebung zurechtzufinden. Mit ungeahnter Kraft und Willensstärke gelingt es ihr, den Kleinen zu integrieren und dessen kriegsbedingten Schock zu überwinden, bis er am Schluss ein wichtiges – und auch von ihrem Ehemann akzeptiertes – Mitglied der Familie geworden ist.

Die eigentliche Hauptfigur dieses bewegenden kleinen Meisterwerkes ist denn auch die Frauengestalt Naii, die von einer zwischenzeitlich in Skandinavien lebenden Theaterschauspielerin in unnachahmlicher Weise verkörpert wird. Schon das erste Bild dieser Frau verrät ihre ganze Kraft und Stärke: Wir sehen sie inmitten eines Kornfeldes, wie sie versucht, das Wild zu vertreiben, das heißt eigentlich sehen wir nur ihre Augen, da sie – gemäß islamischer Tradition -verschleiert geht. In ihnen spiegelt sich schon die ganze archaische Kraft, aber auch Wildheit, die sowohl die Figur als auch den Film dominiert und ihm seine bewegende Intensität verleiht. Und so ist dies denn auch mehr ein Frauenfilm denn ein Kinderfilm, der zusätzlich einen Einblick bietet in eine Gesellschaft, deren Bild hierzulande von westlicher wie iranischer Propaganda zugedeckt ist. Eine Tatsache, die nicht unwesentlich dazu beiträgt, dass dieser Film auf westliche Zuschauer einen so tiefen und unvergesslichen Eindruck macht.

Es ist aber auch die kraftvolle Erzählweise dieses Films, der voll unvergänglicher Momente und Bilder ist und dabei trotz seiner unverkennbaren Verankerung in der iranischen Gesellschaft und Mythologie ein Film für alle Kulturen ist. Regisseur und Drehbuchautor Beizai ist es gelungen, in exzellent komponierten Bildern mythische Elemente einzubringen: So wacht zum Beispiel inmitten dieser realistischen Geschichte der Geist der toten Mutter Bashus über seinen Weg bis zum Schluss, und Beizai arbeitet das so glaubhaft und selbstverständlich ein, dass selbst überzeugte Rationalisten (zu denen sich der Kritiker zählt) daran keinen Fehl finden werden.

Unterstützt von den überzeugenden Darstellern, allen voran natürlich Naii und Bashu, entwirft Beizai hier ein Panorama iranischen Lebens, das zudem in seinen symbolischen Bildern ein Aufruf zu Gemeinsamkeit und Toleranz ist. So verjagen in der Schlussszene Naii, deren Ehemann und die – jetzt drei – Kinder Wildschweine aus dem Feld. Das Wildschwein symbolisiert in der persischen Mythologie das Unglück. Insofern ein Appell an die Völker des Iran, gemeinsam das Unglück zu vertreiben, worunter zur Entstehungszeit des Films der Krieg zwischen Irak und Iran verstanden werden konnte. Diese klare pazifistische Haltung dürfte dafür gesorgt haben, dass dieses Werk zwei Jahre von der Zensur verboten wurde, und erst nach Kriegsende – und massiven Interventionen iranischer Filmschaffender – freigegeben wurde. Dass die Zensur dem Regisseur bis heute nicht vergeben hat, zeigte auch die nicht erteilte Ausreisegenehmigung für Bahram Beizai sowie die Tatsache, dass noch zwei weitere Filme des Regisseurs von der Zensur zurückgehalten werden.

Dieser wunderbare und höchst professionelle Film war die Entdeckung auf dem Kinderfilmfestival in Frankfurt und würde es verdienen, auf einem großen A-Festival wie Berlin oder Cannes eine erneute Chance zu erhalten.

Lutz Gräfe

 

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