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Ausgabe 44-4/1990

DIE SEIFENDIEBE

LADRI DI SAPONETTE

Produktion: Bambu Cinema e TV / RetelItalia, Italien 1988 – Regie: Maurizio Nichetti – Drehbuch: Maurizio Nichetti, Mauro Monti – Kamera: Mario Battistoni – Schnitt: Rita Olivati, Anna Missoni – Musik: Manuel de Sica – Darsteller: Maurizio Nichetti (Antonio Piermattei/Regisseur), Caterina Sylos Labini (Maria, die Mutter), Federico Rizzo (Bruno), Matteo Auguardi (Paolo, das Baby) u. a. -Laufzeit: 93 Min. – Farbe + s/w – FSK: ab 6, ffr. – Verleih: atlas Film (35mm)

Das italienische Kino der letzten Jahre hat anscheinend nur noch ein Thema: sich selbst und sein Verhältnis zum – privaten – Fernsehen. Das gilt für den Altmeister Federico Fellini ("Ginger und Fred", "Intervista") genauso wie für Ettore Scolas ("Splendor") oder Giuseppe Tornatores zweiten Spielfilm "Cinema Paradiso". Während Fellini mit bitterer Ironie die Übermacht des Fernsehens beklagte, waren die Filme von Scola und Tornatore ein wehmütiger Abgesang auf das Kino und sein Publikum. Nun hat der Regisseur und Drehbuchautor Maurizio Nichetti seinen ganz eigenen Beitrag zum Thema geleistet: sozusagen eine Hommage an die großen Zeiten der italienischen Filmkunst – den Neorealismus – und eine Attacke auf die Praxis des italienischen Fernsehens, Filme zu "versenden" und als Werbeträger zu missbrauchen:

Ein Regisseur – dargestellt von Maurizio Nichetti selbst – soll im Fernsehen zusammen mit einem Filmkritiker seinen neorealistischen Film "Die Seifendiebe" vorstellen. Schon der Titel erinnert an d a s Schlüsselwerk dieser Stilrichtung: Vittorio de Sicas "Fahrraddiebe". Der Film im Film erzählt die Geschichte des arbeitslosen Antonio Piermattei, seiner Ehefrau und seiner zwei Söhne. Die miese soziale Situation und andauernde Familienstreitigkeiten bestimmen Atmosphäre und Verlauf der Geschichte. Gerade nimmt das Schwarzweiß-Drama seinen Lauf, da passiert’s: Knallbunte Werbesprüche für Waschmittel und ähnliches unterbrechen den Film. Der Regisseur ist entsetzt, die Familie vor dem Fernseher nimmt's gelassen zur Kenntnis. So nimmt alles seinen Gang. Bis im Sender der Strom ausfällt. Nun geht es im wahrsten Sinne des Wortes drunter und drüber: Figuren aus der Werbung finden sich plötzlich im Film wieder; die Frau unseres Filmhelden taucht auf einmal in der Werbung auf; sein Sohn ebenfalls. Das geht soweit, dass sich schließlich der leidgeprüfte Regisseur in seinem eigenen Film wiederfindet und seine Versuche, alles zum Besten zu wenden, daran scheitern, dass seine Filmfiguren inzwischen längst den Verlockungen der Werbung erlegen sind.

Nichettis grelle Satire auf das Fernsehen, seine – meist recht dümmliche – Werbung und seine Zuschauer ist nicht der erste Beitrag zum Thema. Was ihn von den anderen unterscheidet, ist die Unbekümmertheit, mit der der Regisseur die Filmgeschichte plündert: So ist vom Slapstick bis zum Neorealismus alles vertreten. Gerade letzteren hat Nichetti aufmerksam studiert. Das merkt man dem eigentlichen Film "Die Seifendiebe" an: bis ins Detail de Sicas "Fahrraddieben" nachempfunden. Vater-Sohn-Beziehung, soziale Misere, wundervolle Schwarzweiß-Fotografie sind da nur ein paar Beispiele. Nichetti hat aber auch das Objekt – das Fernsehen und sein Publikum – gut beobachtet und eingefangen: Wenn beispielsweise die Familie vor dem TV-Gerät dem Programm gar nicht wirklich folgt, so ist das durchaus nahe an der Realität. Ergab doch eine unlängst bei uns durchgeführte Umfrage, dass nur etwa 17 Prozent des Publikums dem Programm tatsächlich aufmerksam folgen, während der Rest sich mit Stricken, Zeitung lesen, Hausarbeit oder ähnlichem beschäftigt.

Trotz Nichettis Geschick, seine Geschichte mit Sinn für Bildwitz und feiner, mitunter auch derber Ironie zu erzählen, bleibt ein fader Nachgeschmack zurück. Zentrales Problem des Films ist, dass er wie ein Aufguss alter Themen wirkt. So sind die neorealistischen Sequenzen zwar gut nachempfunden, aber es fehlt ihnen die beinahe rebellische Kraft, die die Werke dieser Stilrichtung wie etwa "Rom, offene Stadt" oder auch "Fahrraddiebe" ausmachten. Ähnliches gilt für die satirischen Elemente gegen das private Fernsehen: Sie treffen, aber man wird das Gefühl nicht los, dass das Ganze schärfer und zupackender hätte sein können. Dennoch ist Nichetti hier eine Satire auf das TV und seine Rezeption gelungen. Der Kritiker verhehlt jedoch nicht seine Sehnsucht nach einem italienischen Film, der endlich wieder mal nach vorne weist und nicht nur den Untergang der guten alten Zeit beklagt.

Lutz Gräfe

 

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