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Ausgabe 44-4/1990

WO ICH ZUHAUSE BIN

WHERE THE SPIRIT LIVES

WO ICH ZUHAUSE BIN

Produktion: Amazing Spirit Productions, Kanada 1989 – Regie: Bruce Pittman – Drehbuch: Keith Ross Leckie – Kamera: Rene Ohashi – Schnitt: Michael Todd – Musik: Buffy Sainte Marie – Darsteller: Michelle St. John, Clayton Julian, Ron White, Ann-Marie MacDonald, Heather Hess u. a. – Laufzeit: 97 Min. – Farbe – Internationaler Vertrieb: Atlantis Releasing, 65 Heward Avenue, Toronto / Ontario M4M 2T5, Kanada

Mitten in der kanadischen Wildnis in einem Indianerreservat landet ein rotes Flugzeug – eine Attraktion für die neugierigen Kinder oder ein Teufelswerkzeug? In wenigen Sekunden werden die Kinder aus der indianischen Stammes- und Familiengemeinschaft gerissen und vom "Indianerbeauftragten" der Regierung in die Hände von Kirche und Staat übergeben: Der Transport geht in ein Internat, eine Missionsschule für die Erziehung indianischer Kinder.

Dort beginnt für die Heldin und ihren jüngeren Bruder die erbarmungslose Umerziehung bzw. "Ausmerzung" indianischer Vergangenheit in einer dichten Folge sehr realistischer und zugleich symbolträchtiger Szenen: Die beiden bekommen sofort neue Namen zugeteilt, "Amelia" und "Abraham"; alle Kleider werden vernichtet; die langen Haare (für Indianer ein Symbol der Fruchtbarkeit) kurz geschnitten; die Muttersprache und alle religiösen Stammesrituale strengstens verboten und hart bestraft; nach einem Fluchtversuch wird Amelia stundenlang ans Bett gefesselt. Doch Amelia überlebt und "wächst" – mit Hilfe ihrer Freundinnen und der "neuen" Lehrerin. Eines Tages wird ihr sogar eröffnet, ihre Eltern seien tot und der ganze Stamm wegen einer Seuche evakuiert, auf dass sie sich in der neuen Welt ganz zu Hause fühle. Eine steinreiche Mäzenin der Schule wählt Amelia zur Adoption aus. Das Mädchen erfährt jedoch von einer Freundin, dass der Tod ihrer Eltern eine Lüge war und flieht mit ihrem Bruder – dieses Mal auf einem Pferd.

Eine düstere Geschichte, aber keineswegs destruktiv und hoffnungslos in ihrer Wirkung. Der Lebensmut, die Kraft und die vielschichtige Entwicklung der Hauptdarstellerin, die Freundschaften zwischen den Jugendlichen, die sich gegen alle Hausregeln entwickeln, ihr Aufbegehren, die Figur der "neuen" Lehrerin, die immer wieder entsetzt ist von dieser sogenannten Erziehung und sich mit Amelia anfreundet und sogar von ihr indianische Worte lernt, all dies sind positive Momente, mit denen sich Kinder und Erwachsene identifizieren können. Aber auch die Lehrerin ist letztlich hilflos gegen das übermächtige System. Zur Rettung der Identität bleibt den Kindern nur die Flucht.

In seiner Anprangerung der Erziehungsinstitution übertreibt der Film durchaus nicht, viele der dargestellten Praktiken (Verbot der Muttersprache, der Ausübung religiöser Rituale, Abbrechen aller Familienbande, körperliche Züchtigung) sind historisch belegt. Hier wird Minoritätengeschichte erzählt, aber stets als Spielfilm, und dies ist eine besondere Stärke des Films: Amelia ist ein lebendiges Individuum, dies ist ihre Geschichte, einmalig und ergreifend, und gleichzeitig ist ihr Leidensweg die Verdichtung eines kollektiven Schicksals. Die sehr realistisch geschilderten Einzelschicksale werden zur historischen Parabel, deren Kern sich auch auf andere Kulturkonflikte und Kolonialisierungstragödien übertragen lässt. Erst im Abspann wird mit einem lapidaren Satz – "1988 wurden die letzten beiden Internatsschulen für Indianer geschlossen" – die zeitgeschichtliche Brisanz des Themas explizit angesprochen. Dieser sozial- und kulturkritische Film muss keineswegs von Pädagogen für Kinder motivierend aufbereitet werden. Pathos, Spannung und hervorragende schauspielerische Leistung sorgen für Unterhaltung. Hier wird auch durchaus nicht mit Effekten gespart: z. B. die von unten angeleuchteten diabolisch verzerrten Gesichter des Lehrkörpers; stimmungsträchtige Licht- und Farbkontraste (die gelb leuchtende weite Landschaft um die Schule herum, innen schmale Gänge und kahle Wände in bläulich-grauem Licht; die üppige farbenprächtige Tafel des Lehrerkollegiums in rötlich goldenem "Ambiente", dicht daneben die schwach ausgeleuchteten grauen Esssäle der Schüler mit ihrem Blechnapf).

Inwiefern ist dies (auch) ein Kinderfilm? Die Altersempfehlung im Programm des Frankfurter Kinderfilmfestivals lautet "ab 12", das Thema ist anspruchsvoll, die Hauptdarstellerin eine Jugendliche. Und doch hat die diesjährige Kinderjury (Durchschnittsalter 10 bis 11 Jahre) den Film mit dem "Lucas"-Preis ausgezeichnet. An den Begründungen der Kinder wurde deutlich, dass sie die unterschiedlichen Ebenen des Films – Amelia als Identifikationsfigur, die historisch-kollektive Reichweite der Geschichte und deren mediengerechte Präsentation – durchaus erfasst hatten.

Michaela Ulich

 

Bundesverband Jugend und Film e.V.WO ICH ZUHAUSE BIN im Katalog der BJF-Clubfilmothek unseres Online-Partners Bundesverband Jugend und Film e.V.

 

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