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Ausgabe 44-4/1990

"Kinder haben ein geheimes Leben"

Gespräch mit Scott Hicks, Produzent und Regisseur des Films "Sebastian und Sparrow"

(Interview zum Film SEBASTIAN UND SPARROW / SEBASTIAN UND DER SPATZ)

KJK: Wie sind Sie zum Film gekommen?
Scott Hicks: "Wie das meist so ist – eher durch Zufall. Ich hatte mich an der Universität für Theaterwissenschaften eingeschrieben. Aus Neugier belegte ich einen Filmkurs und von da an bestimmte der Film mein ganzes Studium. So drehte ich mit 20 Jahren an der Universität meinen ersten Film. Nach meinem Abschluss assistierte ich bei einigen Fernsehfilmen - unter anderem auch bei 'The Plummer', bei dem Peter Weir Regie führte. Er übernahm mich dann als Regieassistent für 'The Last Wave'. Außerdem assistierte ich noch bei Bruce Beresford's 'The Club'. Währenddessen machte ich eigene Kurz- und Dokumentarfilme, bis ich dann einige Halbstundenfilme für das Fernsehen drehen konnte. Unter anderem 'Family Tree', den man meinen ersten Kinderfilm nennen könnte. Er handelt von einigen Kindern, die einen Baum retten, der den Bebauungsplänen eines raffgierigen Grundstücksmaklers zum Opfer fallen soll. 'Sebastian und Sparrow' war dann mein erster selber produzierter Spielfilm."

Bei Ihrem ersten selbst produzierten Spielfilm führten Sie Regie und schrieben das Drehbuch – was gab den Anstoß für diesen Film?
"Dies ist ja mein erster langer Spielfilm für Kinder, und die grundsätzliche Idee kam mir, als ich das Kinoprogramm von Adelate studierte. Es gab keinen einzigen Film, den ich mir zusammen mit meinem damals 14-jährigen Sohn anschauen wollte. Wenn man den Kinoprogrammen Glauben schenken kann, dann scheint bei Kinder und Jugendlichen nur Bedarf an Filmen wie 'Rambo' zu bestehen. Das spezielle Thema meines Films hängt mit der Sorge um meine Kinder – ich habe einen 20-jährigen und einen siebenjährigen Sohn – zusammen. Für mich ist es das Wichtigste, mir das Verständnis für sie zu erhalten, ihr Vertrauen nicht zu verlieren. Der ständig drohende Verlust der Kommunikation zwischen Jugendlichen und Erwachsenen beschäftigt mich sehr. Aus meiner Kindheit weiß ich, wie schnell es gehen kann, dass die Kommunikation in Familien zusammenbricht, dass man trotz aller Bemühungen aneinander vorbei lebt. Kinder haben ein geheimes Leben, wenn sie heranwachsen, an dem Eltern nicht teilhaben können. Mich hat auch interessiert, wie Eltern reagieren, wenn ihre Kinder plötzlich verschwinden. Außerdem scheint mir das schon klassische Thema der Suche nach den Eltern ein passendes Symbol dafür zu sein, wie Kinder die Kommunikation zu ihren Bezugspersonen suchen."

Ihr Film lief mehrere Monate in australischen Kinos, auf Filmfestivals in Iran, Italien und jetzt hier in Frankfurt. Wie wurde Ihr Film aufgenommen, gab es regionale Unterschiede?
"Ich bin sehr erfreut über die außerordentlich positive Rezeption meines Films. Von meinen Erfahrungen aus Iran und Italien her kann ich sagen, dass der Film die Sprachbarriere zu überspringen scheint. Die Kinder reagieren auf die emotionalen Momente des Films und verstehen trotz der nur eingesprochenen Übersetzung die Pointen."

Trotz Ihres ernsten Anliegens ist der Film ja sehr humorvoll. Hatten Sie da vielleicht auch den amerikanischen Markt im Auge?
"Nein, das Leben ist so, wenn man Sinn für Humor hat. Das ist die Art und Weise, wie ich das Leben sehe. Viele Kritiker des Films haben mir vorgeworfen, dass der Film für so ein ernstes Thema zu lustig sei. Mir fällt da immer Bertolt Brecht ein, der behauptet hat, die tragischsten Momente des Lebens kämen immer in den trivialsten Situationen. Ich wollte einfach einen unterhaltsamen Film machen. Keinen sozial-realistischen Spielfilm, eher humanistisch in seinem Anspruch. Ich wollte durch Unterhaltung kommunizieren. Vielleicht ist das auch der Grund, warum der Film nicht ernst genommen wurde. Nein, wenn ich es anders gemacht hätte, wäre es ein Film für Erwachsene geworden, der Kinder benutzt. Ich habe auch nicht auf den amerikanischen Markt gezielt. Bei australischen Filmemachern gibt es eine Identitäts-Krise. Der amerikanische Markt scheint irgendwie erreichbar – und einige zielen es ja auch darauf ab, aber ich glaube, das ist eine Illusion. Dieser Markt ist ein geschlossenes System. Das sieht man schon alleine daran, dass australische Erfolgsfilme, obwohl sie ja in Englisch sind, synchronisiert werden, wenn sie in Amerika in die Kinos kommen."

Wie steht es denn mit den Produktionsbedingungen insbesondere von Kinderfilmen in Australien. Welche Erfahrungen haben Sie als Ihr eigener Produzent gemacht?
"'Sebastian und Sparrow' war eine sehr schwierige Produktion. Die meisten Geldgeber fanden das Drehbuch zwar großartig, das große 'Aber' jedoch war: 'Kinder wollen so etwas nicht sehen. Die wollen Rambo sehen.' Bei den Verleihfirmen gab es das Problem, dass Kinder bei uns nur die Hälfte des Eintrittspreises zahlen. Ich habe den Film dann eigenständig mit der Unterstützung einer Kino-Gruppe verliehen, mietete ein Kino, machte eine Vorstellung, und zum Glück kam das Publikum. Der Film lief dann in Adelate, wo ich wohne, für drei Monate, in anderen Städten ca. sechs Wochen. Der Film hat leider nicht den größten Abspielmarkt, nämlich Sidney, erobert, da er vorher vom Fernsehen angekauft wurde. Die haben zwar viel bezahlt, aber er hat dadurch auch nie einen richtigen Kinostart bekommen."

Und wie steht es mit der Kinderfilmproduktion im Allgemeinen?
"Kinderfilm fürs Kino wird in Australien fast überhaupt nicht produziert. Für das Fernsehen gibt es einige Produktionen, Spielfilme vielleicht drei im Jahr. Es gibt eine Stiftung, die Australian Children's TV Foundation, die ausgewählte Projekte finanziell unterstützt; meiner Meinung nach kommen dabei aber meist eher Filme für Erwachsene heraus. Der Hauptweg, in Australien Filme produziert zu bekommen, geht über die Film Finance Corporation. – Sie wird vom Staat mit 65 Mill. $ im Jahr ausgestattet und ist verantwortlich für die Verteilung dieses Geldes. Sie sind Kinderfilmen sehr freundlich gesinnt, das hat sich aber leider noch nicht in allzu vielen Produktionen niedergeschlagen. Außerdem gibt es in jedem Bundesstaat eine staatlich finanzierte Film Corporation, die die jeweilige landesweite Filmproduktion fördern soll. Die South Australian Film Corporation hat zum Beispiel so große Filme wie Peter Weirs 'Picknick am Valentinstag' und 'The Last Wave' produziert. In den letzten Jahren hat sich diese Institution leider mehr und mehr auf Fernsehproduktionen beschränkt. Ich bin erst kürzlich in den Vorstand dieser Organisation berufen worden und werde versuchen, diesen Trend wieder umzudrehen. Die Stiftung hat zwar nicht viel Geld, aber einen sehr guten Namen und kann somit meist finanzschwere Geldgeber für Produktionen gewinnen."

Was ist Ihr nächstes Projekt, haben Sie da schon Pläne?
"Ich bemühe mich gerade um die Finanzierung meines Drehbuches, in dem es um den Pianisten David Helfgott geht. Dieser Musiker wird schon von klein auf zu Höchstleistungen getrimmt. Er macht natürlich eine steile Karriere, kann sich aber nicht aus dem Schatten seines autoritären Vaters lösen. Auf der Bühne ist er der Star, im Alltag dagegen zu unselbstständig, um allein zurechtzukommen. Ein Nervenzusammenbruch beendet seine Karriere und bringt ihn in eine psychiatrische Anstalt. Erst die Zuwendung einer Frau, die ihn Jahre später als Barpianist in einer Kneipe kennen lernt, hilft ihm, sich von seinem Vater zu lösen. Diese Geschichte lehnt sich übrigens an eine wirkliche Person an, den Pianisten Helfgott gibt es wirklich. Er war bei uns in Australien sehr bekannt. Bei diesem Film geht es mir vor allem um den Vater-Sohn-Konflikt. Für den Vater würde ich mir Klaus Maria Brandauer wünschen, seine diabolische Ausstrahlung würde den Charakter genau treffen."

Haben Sie vor, auch wieder einmal einen Kinderfilm zu drehen?
"Ja, mein übernächster Film wird wieder ein Kinderfilm sein. Es geht um einen Jungen, der von seiner geschiedenen Mutter in den Zug gesetzt wird, um den Vater am anderen Ende des australischen Kontinents zu besuchen. Der hat für seinen Sohn im Augenblick leider auch überhaupt keine Zeit und setzt ihn kurzerhand mit einer Rückfahrkarte versehen wieder in den Zug Richtung Mutter. Unterwegs steigt der Junge versehentlich in einen falschen Zug um. Dort lernt er einen heruntergekommenen Mann kennen, der ein Geheimnis mit sich herumzutragen scheint. Es ist die Geschichte einer Freundschaft von zwei gesellschaftlichen Außenseitern, die sich geben, was sie von ihrer Umwelt nicht bekommen."

Mit Scott Hicks sprach Thomas Hübscher

 

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