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Ausgabe 56-3/1993

Ein sehr böses Kind

Gespräch mit Dominique Ladoge

(Interview zum Film WIE EIN BOOT OHNE WASSER)

Dominique Ladoge, Jahrgang 1958, hat Video-Clips und Werbespots realisiert. Sein erster Spielfilm "Wie ein Boot ohne Wasser" war beim KinderFilmfest Berlin 1993 zu sehen: Aus der Sicht des neunjährigen Fabien werden Ausgrenzung von Minderheiten und Vorurteile über andere Lebensformen geschildert.

Der Titel "Wie ein Boot ohne Wasser" klingt höchst poetisch und verbirgt eine Anspielung auf das Schicksal der Sinti und Roma, doch der Film von Dominique Ladoge (nach seinem eigenen Roman) ist hart und realistisch: Während der Lehrer Ende der sechziger Jahre wortreiche Vorträge über Toleranz und Verständnis für Minderheiten verkündet, prügeln sich seine Schüler mit Fabien. Er ist ein Außenseiter hier im Norden Frankreichs, er spricht mit leichtem Akzent und wird als "Zigeuner" beschimpft, nur weil er mit seinen Eltern in einem Wohnwagen lebt, denn der Vater übernimmt immer für ein paar Monate Jobs beim Bau.

Schläge und Ausgrenzung treiben Fabien zu Jose und seinen Freunden, die nicht zur Schule gehen und nicht lesen können: Sie leben am Rande der Stadt in Wohnwagen und gehören zu den Sintis, die durchs Land ziehen. Bei einer der vielen Prügeleien mit den Mitschülern um den Anführer Karl stehen sie Fabien bei: Als sein Vater allerdings erfährt, welche neuen Freunde sein Sohn hat, ist er entsetzt – auch er kann die "Zigeuner" nicht leiden: "Such' dir anständige Freunde", lautet seine Empfehlung. Fabien hält trotzdem weiter Kontakt mit Jose, lauscht gern seinem Gitarrenspiel, folgt ihm auf voyeuristischen Spuren und erfährt vom Schicksal der Sinti und Roma, die von den Nazis getötet wurden. Der Konflikt zwischen Fabien und dem Wortführer spitzt sich zu, doch es wird keine Auseinandersetzung Mann gegen Mann, sondern alle gegen einen. Nur bei dem Mädchen Pauline findet Fabien Verständnis und Zuneigung.

Ein Film über ganz alltäglichen Rassismus (irgendeiner muss als Sündenbock herhalten), über Fremdenhass (die Vorurteile reichen durch alle Generationen) und über Gewalt und Unterdrückung (die immer zu Gegengewalt und Rache führen). Diese Geschichte spielt zwar vor zwanzig Jahren, doch angesichts rechtsextremistischer Verbrechen hierzulande wirkt sie wie ein aktueller "Kommentar"!

KJK: Fremdenhass und Ausländerfeindlichkeit sind sehr aktuell: Warum spielt Ihr Film vor zwanzig Jahren?
Dominique Ladoge: "Vor über sechs Jahren habe ich das Drehbuch geschrieben und eigentlich wollte ich einen Film machen, in dem es nicht so wichtig ist, ob er in den siebziger oder in den neunziger Jahren spielt. Die Geschichte ist vor zwanzig Jahren angesiedelt, weil ich damals ein Kind war ..."

Der Film ist also autobiografisch ...
"... ja, ich habe mit meinen Eltern zwölf Jahre im Wohnwagen gelebt, so dass der Film eine Geschichte erzählt, die ich sehr gut kenne."

Ihr Film ist ein Plädoyer für mehr Toleranz, kann er jungen Menschen helfen?
"... das könnte eine schöne Sache sein, aber es ist ein Traum. Mit einem Film kann man es nicht schaffen, dass sich die Menschen verstehen und lieben. Schon als Kind wollte ich Filme machen. Damals habe ich mir vorgenommen, dass ich jeden Film so drehen werde, als wäre es mein letzter Film. Mein Film sollte nicht unbedingt ernst sein, aber wichtig ist mir die Aussage, dass die Menschen einander nicht mehr lieben. Die Welt ist krank, in allen Ländern heißt es: Du bist der Fremde und es ist deine Schuld, du hast nicht die gleiche Hautfarbe oder die gleiche Religion und es ist deine Schuld. Das ist nicht in Ordnung und darf nicht so bleiben."

Ist die Situation heute härter als vor zwanzig Jahren?
"Vielleicht, oder sie kommt einem nur härter und schärfer vor, denn ich bin älter, ich lese mehr und verfolge die Nachrichten – ich weiß einfach mehr als ein Kind. Und vor mehr als fünfzig Jahren war es noch unvergleichlich härter."

Wie haben Sie Mathias Le Ny für die Hauptrolle des Fabien gefunden?
"Über dreihundert Kinder haben wir getestet. Als ich Mathias das erste Mal gesehen habe, war ich mir sicher, dass er der Richtige ist. Wir haben Probeaufnahmen gemacht, nur die Produzenten waren nicht so recht überzeugt. Daraufhin habe ich eine kleine Erzählung über die Freundschaft zweier Jungen geschrieben, die mit dem Film nichts zu tun hat. Und Mathias sollte über seinen buckligen Freund sprechen – er hat es so überzeugend getan, dass alle Zuschauer der Szene gerührt waren. Und die Produzenten waren begeistert. Schade ist nur, dass so die beste Szene mit Mathias nicht in meinem Film ist."

Fabien ist und bleibt ein Außenseiter: Ihr Film endet mit einem Racheakt, ist das der richtige Weg?
"Sicher ist das nicht richtig, aber es ist kein wirklich aggressiver Racheakt. Natürlich bin ich damit nicht einverstanden, aber als ich ein Kind war, habe ich mich ebenso gerächt."

... auf die gleiche Art und Weise?
"Es war viel aggressiver als im Film, denn ich war ein sehr böses Kind. Ich habe über dreißig Boote komplett zerstört und das Rennen konnte gar nicht erst stattfinden."

Arbeiten Sie bereits an einem neuen – letzten – Film?
"Ich schreibe gerade ein Drehbuch über die Geschichte des Boxens zu Anfang des Jahrhunderts in Frankreich."

Filme über Boxen haben Tradition: "Racing Bull" von Martin Scorsese ...
"... und John Huston mit 'Fat City'. John Huston war früher ein Profi-Boxer, aber er war ein schlechter Kämpfer."

Haben Sie auch geboxt?
"Ja, vielleicht nicht ganz so schlecht. Trotzdem habe ich mir vor zehn Jahren gedacht, es ist besser, Filme zu drehen, denn im Boxen habe ich doch keine Zukunft."

Mit Dominique Ladoge sprach Manfred Hobsch

 

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