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Ausgabe 47-3/1991

OSTKREUZ

Produktion: Michael Klier Film / ZDF, Deutschland 1991 – Regie: Michael Klier – Drehbuch: Michael Klier, Karin Åström – Kamera: Sophie Maintigneux – Schnitt: Bettina Böhler – Musik: Fred Frith – Darsteller: Laura Tonke (Elfie), Miroslav Baka (Darius), Stefan Cammann (Edmund), Suzanne von Borsody (Elfies Mutter), Gustaw Barwicki (Gustaw) – Laufzeit: 83 Min. – Farbe – Weltvertrieb: Michael Klier Film

"Deutschland im Jahre Null" ("Germania, anno zero") ist der Titel eines Films, den Roberto Rossellini 1947 drehte. Die Handlung spielt im zerbombten Berlin der Nachkriegsjahre: Ein von seinem ehemaligen Lehrer – einem Nazi-Ideologen, der sich als Schwarzmarkthändler betätigt – fehlgeleiteter Junge tötet seinen Vater und verübt anschließend Selbstmord. Mit den Stilmitteln des Neorealismus hat Rossellini fast dokumentarisch das bedrückende Schicksal eines Jugendlichen in den bedrohlichen Ruinen und wirren Flächen der Stadt beschrieben. Umgeben von halsstarrigen, korrupten oder resignierenden Menschen gelang es dem Jungen nicht, eine eigene Lebensperspektive zu entwickeln.

"Deutschland im Jahre Null" könnte auch ein anderer Titel für "Ostkreuz" sein. Der Film von Michael Klier spielt im Jahre Null der Wende und die Halt- und Orientierungslosigkeit junger Menschen inmitten einer aufgebrochenen, zerstörten Stadtlandschaft ist sein zentrales Thema. Die 15-jährige Elfie flüchtete noch vor der Maueröffnung mit ihrer Mutter über Ungarn nach West-Berlin. Beide leben in einem unwirtlichen Containerlager. Es fehlt an Geld, um die Kaution für eine Mietwohnung aufzubringen. Um sich von dem trostlosen Alltag abzulenken, geht Elfies Mutter ein Verhältnis mit einem Kleinunternehmer ein, von dem sie sich eine Verbesserung ihres Lebens verspricht. Elfie ist auf sich allein gestellt. Mit Tricks und kleinen Betrügereien versucht sie, an Geld für den Wohnungswechsel zu kommen. Sie macht die Bekanntschaft des jungen Ganoven Darius, einem Osteuropäer, der sich mit Schwarzmarktgeschäften versucht, aber keine glückliche Hand für seine Projekte besitzt. Einige gemeinsame Unternehmungen enden mit einem Fiasko, aber Elfie wird immer sicherer darin, sich illegaler Mittel zu bedienen, um dem öden und perspektivlosen Ambiente des Lagerdaseins zu entkommen.

Bei ihren diversen Streifzügen mit Darius durch beide Teile der Stadt lernt sie den gleichaltrigen Edmund kennen (so heißt auch der Junge in dem Film von Rossellini), der von seinen Eltern in Ost-Berlin zurückgelassen wurde und sich in einer ähnlichen Situation wie Elfie befindet. Zögernd nähern sich die beiden Outsider einander an. Nachdem Elfie eine ausreichende Summe für die Mietkaution aufgetrieben hat, trennt sie sich von ihrer Mutter und zieht mit Edmund in ein unbewohntes Haus. Eine Ruine wird ihr neues Zuhause, und von hier aus versuchen die beiden einen gemeinsamen Neubeginn.

"Ostkreuz" beschreibt authentisch und atmosphärisch, fast dokumentarisch die Situation junger Menschen, die das Opfer falscher Versprechungen und überzogener Erwartungen der Wendepolitik wurden und für deren Gegenwart und Zukunft sich niemand verantwortlich zeigt. Das frustrierende Ödland zwischen Ost- und West-Berlin gleicht der Szenerie der Nachkriegsjahre; die Mauer ist gefallen, aber in den Köpfen hat sie sich ohne konkreten Grenzverlauf einzementiert. Inmitten der zynischen Schieberwelt des Jahres Null hoffen zwei 15-Jährige nicht länger auf die Hilfe Dritter, sondern setzen auf ihre eigene Kraft und Kreativität, um der Misere zu entkommen.

"Ostkreuz" steht in der Tradition der realistischen Jugendfilme der 70er-Jahre und ihrer Partei ergreifenden Position, die Jugendliche nicht zum voyeuristischen Objekt fragwürdiger Milieustudien macht, sondern auf ihrer Seite steht und Lösungsansätze für Probleme und Defizite anbietet. Seit "Das Ende des Regenbogens" von Uwe Frießner (1979) hat es in der Bundesrepublik keinen so überzeugenden und aufwühlenden Jugendfilm wie "Ostkreuz" gegeben; die sensible und einfühlende Leistung der jugendlichen Laiendarstellerin Laura Tonke erinnert an den nachhaltigen Eindruck von Kristin Genee in "Kraftprobe" (Regie: Heidi Genee, BRD 1982) und verleiht der Hauptrolle Glaubwürdigkeit und Nähe. Ihr verbissener Ernst weicht erst dann einer heiteren Unbefangenheit, als sie erstmals von ihrem eigenen Geld Edmund zu einem Restaurant-Essen einladen kann. Die zähen und Kräfte zehrenden Anstrengungen haben ihr Selbstbewusstsein und Selbstwertgefühl gestärkt und den Mut zu eigenen Entscheidungen bestätigt.

Es wäre vermessen, bereits jetzt "Ostkreuz" den filmgeschichtlichen Rang von "Deutschland im Jahre Null" zuzuerkennen, aber ebenso wie der Film von Rossellini steht der von Michael Klier unverwechselbar für eine bestimmte Zeit in einem konkreten Lebensraum mit besonderen Lebensbedingungen. Michael Klier hat schon mit "Überall ist es besser, wo wir nicht sind" (1989) bewiesen, mit welcher Intensität er mit kargen aussagestarken Bildern und wenigen notwendigen Dialogen Stimmungen und Gefühle visualisieren kann. Und in diesem Sinne ist "Ostkreuz" ein außergewöhnlicher Film, der verdientermaßen beim Filmfest München ex aequo mit dem Hypo-Regie-Förderpreis ausgezeichnet wurde.

Horst Schäfer

 

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