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Ausgabe 47-3/1991

TOMMY TRICKER UND DIE BRIEFMARKENBANDE

TOMMY TRICKER AND THE STAMP TRAVELLER

Produktion: Les Productions La Fete, Kanada 1988 – Produzent: Rock Demers – Regie und Drehbuch: Michael Rubo – Kamera: Andreas Poulsson – Schnitt: André Corriveau – Musik: Roxette – Special Effects: Luis Craig, Bernard Lajoie – Darsteller: Lucas Evans, Anthony Rogers, Jill Stanley, Andrew Whitehead u. a. Laufzeit: 105 Min. – Farbe – FSK: ab 6 – Verleih: atlas (35mm) – Altersempfehlung: ab 8 J.

1984 verkündete der kanadische Filmproduzent Rock Demers, er wolle bis 1990 neun Filme für Kinder produzieren, die auch noch Erfolg an der Kasse haben sollten. Damals wurde er von niemandem ernst genommen. Inzwischen wurde das ehrgeizige Projekt erst auf 12 und dann auf 15 Filme aufgestockt, und der überraschende Erfolg, den die Filme unter dem Obertitel 'Tales for all' (Geschichten für alle) bei Festivals, Presse sowie beim Kinder- und Erwachsenen-Publikum hatten und haben, hat Demers Konzept in eindrucksvoller Weise bestätigt. Also Vorhang auf, Spot an: "Rock Demers, Planet Earth, proudly presents 'Tales for all Nr. NR. 7'"!

Der Titelheld, der zwölfjährige Tommy, macht seinem Namen alle Ehre. Er ist ein echter Trickser, stiehlt und betrügt und kommt so auch in den Besitz mancher Briefmarke, die eigentlich weder dem Kind gehörte, dem er sie abtrickste, noch ihm selbst. Da können auch die schon fast altväterlichen Ermahnungen des Klassenbesten, der zugleich Vorsitzender des Briefmarkenklubs ist, wenig helfen. Und so nimmt die Geschichte ihren Lauf, als Tommy seinem etwas ängstlichen Mitschüler Ralph mal wieder eine Marke abluchst, die dieser gar nicht hätte weggeben dürfen: gehört sie doch seinem Vater, der in diesen Dingen keinen Spaß versteht. Beim Versuch, die wertvolle Marke wiederzubeschaffen, erhält Ralphs Schwester Nancy ein altes Briefmarkenalbum und damit ein Geheimnis. Im Deckel finden sie einen Brief, der berichtet, dass auf der anderen Seite der Welt ein Schatz versteckt sei, den man nur mittels des Geheimnisses erreichen könne. Sie entdecken das Geheimnis und erfahren, wie man auf einer Briefmarke um die Welt reisen kann. Doch wie jeder Zauber, hat auch dieser so seine Tücken: So können die Freunde den Brief nicht selbst in den Kasten werfen, der Zauber hält sie davon ab. Inzwischen hat auch Tommy Wind von der Sache bekommen und bald befinden sich Ralph und er auf einer wilden Jagd um die Welt, die sie auch nach China und Australien führt.

Ob und wenn ja, wie die beiden den Schatz bekommen und was sonst noch alles geschieht, das erzählt dieser gut gemachte Film für Kinder ab acht unter der Regie von Michael Rubo, der mit "Unternehmen Erdnussbutter" bereits 1985 einen Film für die 'Tales for all' drehte. Wie auch jener lebt "Tommy Tricker" von der Faszination, die fremde Obsessionen auszulösen vermögen. Waren es 1985 Malerei und Bilder, die sich wie ein roter Faden durch Rubos Film zogen, so ist es hier die Philatelie und natürlich auch die damit verbundenen Möglichkeiten der Völkerverständigung. Der Regisseur führt das auch ganz plastisch vor Augen. So ist zum Beispiel die chinesische Episode für ihn nicht nur Anlass zu einigem Lokalkolorit. Der Trick, mit dem die junge Chinesin den Zauber umgeht und den Brief mittels eines Drachens auf den Weg bringt, beweist das Einfühlungsvermögen des Regisseurs und Drehbuchautoren in die chinesische Mentalität. Ein weiterer Pluspunkt sind die authentischen und natürlichen Darstellungen besonders der Kinder, die ohne Hemmungen drauflos agieren und so durch ihr ungekünsteltes Spiel überzeugen. Bedauerlich, dass die lieblose und auf Jugendsprache – oder was die Verantwortlichen dafür hielten – getrimmte deutsche Synchronisation von der aus dem Leben gegriffenen Sprache der Kinder wenig übrig ließ. Außerdem hat man bei der Gelegenheit gleich noch die Tonspur "ein wenig" aufgehellt, mit dem Ergebnis, dass Geräusche und Dialoge des Öfteren eine fast unerträglich schrille Höhe erreichen. Trotzdem ist noch genügend spannendes und phantasievoll erzähltes Abenteuergarn und mehr übrig geblieben.

So sind sich die beiden Protagonisten Tommy und Ralph am Ende nicht nur menschlich näher gekommen, sie haben auch voneinander gelernt. Tommy, der freche Junge aus dem miesen Viertel, wurde etwas ehrlicher und vertrauenswürdiger und Ralph, der Schlaue, aber Ängstliche aus der Oberstadt, hat gelernt, seine Angst zu überwinden. Diese kleine Wendung kommt aber ganz unpädagogisch daher und Rubo legt das Schwergewicht seiner Geschichte eindeutig auf gut gemachte und fesselnde Unterhaltung. Dazu bedient er sich aller Mittel. Das reicht von der sehr ansprechenden, treibenden Musik über effizient eingesetzte rotoskopische Tricks bis zur ausgiebigen – aber nicht überzogenen – Verwendung subjektiver Kamera, die dem Publikum die Identifikation mit den kindlichen Helden erleichtert. Was bleibt, ist ein gelungener Film für Menschen ab 8, der seine abenteuerliche Geschichte fesselnd und mit Sinn für Humor zu erzählen vermag und darüber hinaus auch noch Einblicke in den – nicht immer konfliktfreien – Alltag der Kinder ermöglicht.

Lutz Gräfe

 

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KJK-Ausgabe 47/1991

 

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