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Ausgabe 48-4/1991

JACQUOT DE NANTES

Produktion: Ciné-Tamaris / Canal Plus /La Sept / La Sofiarp, Frankreich 1991 – Regie und Buch: Agnès Varda, nach den Erinnerungen von Jacques Demy – Kamera: Patrick Blossier, Agnès Godard, Georges Strouve – Musik: Joana Bruzdowicz – Darsteller: Philippe Maron, Adouard Joubeaud, Laurent Monnier (Jacquot) – Brigitte de Villepoix (Marilou, die Mutter), Daniel Dublet (Raymond, der Vater), Jacques Demy u. a. – Laufzeit: 118 Min. – s/w und Farbe – Weltvertrieb: Les Films du Volcan – Altersempfehlung: ab 12 J.

Nantes in der Provinz im Westen Frankreichs: Hier kommt im Jahre 1931 in einem Kleine-Leute-Viertel Jacques Demy zur Welt. Er wächst auf als Sohn eines Automechanikers und sein Vater wünscht sich nichts sehnlicher, als dass der Junge dereinst in seine Fußstapfen treten wird. 1938 – kurz vor dem Krieg – ist Jacques acht Jahre alt und hat eine Vorliebe für Marionettentheater und Operette entdeckt. Letzteres ist auch kein Wunder bei einem Elternhaus, in dem gern und viel gesungen wird. Und man wird diese Vorliebe auch später in seinen – nicht nur hierzulande – nahezu unbekannten Filmen wieder finden. Jacques baut sein erstes eigenes Marionettentheater. Bald erreicht der Krieg auch Nantes und die Demys bringen ihre Kinder bei Leuten außerhalb der Stadt unter. Inzwischen hat Jacques ein neues "Spielzeug" entdeckt: das Kino – eine Liebe, die ihn bis zu seinem Lebensende im Jahre 1990 nicht loslassen wird.

Doch es gilt, sich gegen den Vater und seinen Willen, den Kleinen zum Mechaniker zu machen, durchzusetzen. Mit großer Kraft und Stärke realisiert er mit primitiven Mitteln seine ersten Trickfilme – in einem Speicher, den ihm der Vater unter der Bedingungen überließ, seine Mechanikerausbildung zu beenden. Und nach langem und hartem Ringen gelingt es ihm, mithilfe eines bekannten Regisseurs den Vater davon zu überzeugen, dass er ein besserer Filmemacher denn Mechaniker ist. Er geht nach Paris zur Filmhochschule. Den Rest seines ereignisreichen Lebens erzählt Jacques Demy selbst zum Schluss in vier Sätzen.

Agnès Varda – Demys Lebensgefährtin – hat hier einen wirklich einzigartigen Film geschaffen, der zugleich Liebeserklärung an ihren Partner, Hommage ans Kino, realistische Beschreibung der französischen Provinz vor dem Krieg und vieles mehr ist. In einer geschickten Montage aus – meist sehr kurzen – Ausschnitten aus Demys Werk, gespielter Kindheit und Detailaufnahmen vom gealterten Gesicht des Mannes, lässt sie die Kindheit eines Menschen vor uns lebendig werden, dessen kindliche Obsessionen auch sein späteres Werk prägten. Das verdeutlicht sie durch die Montage von Erinnerung und Filmszene, deren Parallelität zuweilen fast unheimlich wirkt. Der Film ist aber weit mehr als "nur" eine Regisseurbiografie. Denn die Bilder dieser Kindheit (Demy selbst hat immer wieder darauf bestanden, trotz Krieg, Not und Konflikten eine glückliche Kinderzeit verlebt zu haben) lassen vor uns auch eine französische Provinz lebendig werden, die es so schon lange nicht mehr gibt. Dazu tragen neben der konsequenten Verwendung von Schwarzweiß auch die über 20 Chansons der 30er- und 40er-Jahre bei, die das authentische Zeitkolorit noch verstärken.

Zugleich ist der Film aber auch eine Liebeserklärung an das Kino und ein kleiner Lehrfilm über das Filmemachen unter widrigen Bedingungen. Wir folgen dem Jungen bei seinen ersten Besuchen im lokalen Kino, erleben mit, wie ihn diese Bilder in ihren Bann schlagen, wie er unter seinen Klassenkameraden zum gefragten Experten wird, und wir schauen ihm über die Schulter, als er seine ersten Trickfilme fertigt und zunächst im Familienkreise aufführt. Gerade diese Sequenzen gehören mit zu den stärksten des Films, zu sehen, wie da ein Junge mit ungeheurem Erfindungsreichtum seine eigene Welt baut und sich gegen alle Widrigkeiten durchsetzt.

Unterstützt vom natürlichen und authentischen Spiel der Schauspieler gelang der großen französischen Filmemacherin hier ein Liebesfilm im Sinne des Wortes. Ein Film über die Liebe zwischen Menschen, über die Liebe zum Kino, die einen – hat man sie einmal gefunden – nicht wieder loslässt, und ein Film über die Liebe zu einem untergegangenen, ruhigeren und beschaulicherem Lebensstil.

Nun werden sich manche fragen: Das ist ja alles ganz gut und schön, aber was macht diesen Film zu einem Kinderfilm. Gar nichts; und es soll auch kein Kinderfilm sein. Es ist aber zweifelsohne ein Film, den man zumindest älteren Kindern zeigen kann und auch zeigen sollte. Denn nicht nur, dass sie daraus mehr übers Filmemachen lernen, als man aus trockenen Vorträgen je lernen könnte. "Jacquot de Nantes" beschreibt auch eindrücklich, was das ist: das Kino, und was denn nun eigentlich seine Faszination ausmacht und was es bei den Menschen bewirken kann. Und natürlich kann es nie schaden, wenn die Kids – egal wie alt – einen guten Film zu sehen bekommen. Bleibt nur zu hoffen, dass sich auch ein Verleih findet, der diesen Film in die Kinos bringt.

Lutz Gräfe

 

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