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Ausgabe 48-4/1991

MIRACLE – EIN GEHEIMNISVOLLER SOMMER

Produktion: Palace / Promenade / Film Four International / British Screen Finance, Großbritannien 1990 – Regie und Drehbuch: Neil Jordan, nach seiner Kurzgeschichte – Kamera: Phillipe Rousselot – Schnitt: Joke van Wijk – Musik: Anne Dudley – Darsteller: Beverly D'Angelo (Renée), Donal McCann (Sam), Niall Byrne (Jimmy), Lorraine Pilkington (Rose) u. a. – Laufzeit: 97 Min. – Farbe – FSK: ab 12 –Verleih: Senator (35mm)

Es ist Sommer in einem kleinen, verschlafenen Seebad in der Nähe des irischen Dublin. Jimmy und Rose, zwei Jugendliche an der Schwelle zum Erwachsenenalter, verbringen ihre Ferien zu Hause. Und das kann genau so spannend sein wie eine weite Reise. Denn die beiden gehen mit ihren Gedanken auf die Reise in eine Welt der Imagination. Zu den Personen, die ihnen begegnen oder die sie beobachten, entwickeln sie Geschichten – ob es nun ein älteres Paar ist, das sich täglich begegnet, aber nicht wagt, miteinander zu sprechen, oder ein paar Nonnen, die sich an Wasser und Sand erfreuen. Immer spinnt das Duo den Faden weiter, malt sich fremde Schicksale aus.

Als eines Tages eine geheimnisvolle blonde Frau auftaucht, fühlt sich Jimmy auf eine eigenartige Weise angezogen, kennt die Phantasie keine Grenzen mehr. Eine Amerikanerin könnte es sein, eine Mörderin, auf der Flucht vor dem Gesetz, auf jeden Fall scheint die Fremde mysteriös. Jimmy scheut sogar nicht davor zurück, ihre Kleider am Strand zu durchsuchen und verfolgt Renée, so heißt sie, bis nach Dublin. In Rose erwacht die Eifersucht, sie legt sich ihren eigenen Plan zurecht, um dem Geheimnis auf die Spur zu kommen und freundet sich derweil mit dem Stallburschen eines durchreisenden Zirkus an, bei dem Jimmy kurzfristig als Saxophonist in der Kapelle spielt. Schwierigkeiten hat Jimmy mit seinem alkoholabhängigen Vater Sam. Nach dem angeblich frühen Tod der Mutter trinkt er ständig, ist oft kaum noch in der Lage, als Musiker in einer Band zu spielen. Jimmy verliebt sich in die Frau, bewundert sie bei ihren Auftritten in einer Musik-Show und erlebt, wie sein Vater sich mit Renée laut streitet. Er tritt sogar gegen seinen Vater als Konkurrent in der weiblichen Gunst auf – wie er irrtümlich meint – und versucht, sich Renée körperlich zu nähern. Erst durch alte Fotos erkennt er, dass Renée seine angeblich verstorbene Mutter ist und verzweifelt an der Welt. Doch Rose holt ihn wieder auf den Boden der Tatsachen zurück, hat sie doch dem Stallburschen die Käfigschlüssel geklaut und die Tiere befreit. Nun spazieren Elefanten, Löwen, Ponys und Affen auf der Strandpromenade herum, genießen die wohl kurzfristige Freiheit. Und auch Jimmy spürt so etwas wie Freiheit, die Freiheit von der Vergangenheit, den Abschied vom Traum einer Familie.

Die kleinen Wunder sind es, die den Charme dieses Films von Neil Jordan ausmachen, der schon mit "Mona Lisa" durch unkonventionelle Bilder faszinierte (seine amerikanisch geprägten Filme wie "High Spirits" oder "We're no Angels" blieben weit dahinter zurück). Mit "Miracle" ist er nun wieder in seine irische Heimat zurückgekehrt. Seine beiden Helden sind Suchende nach Identität, Sinn des Lebens und neuen Gefühlen. Sie leben in einer Zwischenzeit, kein Kind mehr, noch kein Erwachsener. Diese Zeit ist mit Problemen befrachtet, weiß man doch nicht genau, wohin man gehört. So bedeutet Jimmys Verliebtheit in die Mittdreißigerin auch den Versuch, zur Erwachsenenwelt zu gehören. Obgleich er sich mit Rose herrlich versteht, übersieht er ihre Signale der Verliebtheit, aus Angst, ein "Junge" zu bleiben und nicht als "Mann" zu gelten. Auf der anderen Seite entspricht seine Logik der Träume, ein Anrecht der Jugend, nicht der Logik des Alltags der Erwachsenenrealität.

Träume und Realität mischen sich permanent, dass es manchmal schwierig ist, sie auseinander zu halten, was aber in der Intention des Filmemachers liegt: "Was ich in diesem Film gemacht habe, ist bewusst phantastisch. Es hat damit zu tun, Dinge irreal erscheinen zu lassen, anders erscheinen zu lassen als sie sind ... Alles ist sehr wie in einem Traum, und ich habe dieses Gefühl verstärkt, indem ich die Träume realistischer photographiert habe als die realen Szenen." Neil Jordan legt verschiedene Schwerpunkte: das Erwachsenwerden, Abschied von der Kindheit, erstes sexuelles Erwachen. Besonders herausgestellt wird aber die Beziehung zum (zerbrochenen) Heim. Die Familie existiert nicht mehr, das Idealbild von Vater, Mutter, Kind hat Risse bekommen, was bleibt, ist die Vorstellung, wie es hätte sein können. Zwar wird am Ende die ödipale Komponente zum Melodram, aber das reduziert Neil Jordan dann doch geschickt mit einem Schuss Magie und Poesie wieder auf ein erträgliches Maß. Die Jugendlichen setzen in ihrer Offenheit und Frische einen Kontrapunkt zur von Lügen aus der Vergangenheit belasteten Gegenwart der Erwachsenen, die ihren emotionalen Verstrickungen nicht entkommen können. Jimmy und Rose personifizieren die Kraft des Neubeginns, das Hoffen auf und das Glauben an Wunder, ohne die das Leben nur halb so lebenswert wäre.

Margret Köhler

 

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KJK-Ausgabe 48/1991

 

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