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Ausgabe 48-4/1991

Der Blick aus dem Inneren einer anderen Kultur

Gespräch mit Elmar Lorey anlässlich der Vorführung des Films "Karim und Sala" von Idrissa Ouedraogo auf dem 17. Internationalen Kinderfilmfestival in Frankfurt/Main

(Interview zum Film KARIM UND SALA)

"Karim und Sala" entstand mit Mitteln aus dem ZDF-Projekt "Eine Welt", das von der Redaktion Kinder, Jugend und Familie zur Förderung einheimischer Produktionen in den Ländern Afrikas, Asiens und Lateinamerikas vor drei Jahren eingerichtet wurde.

Mit dem ZDF-Redakteur Elmar Lorey unterhielt sich KJK-Mitarbeiter Lutz Gräfe.

KJK: Ein Regisseur aus der Dritten Welt hat mal gesagt: 'Wir wollen nicht mehr diesen Miserabilismus. Das Bild, das das Ausland von uns hat, wird bestimmt von Hunger und Elend einerseits und politischem Chaos andererseits. Wir wollen unsere Länder vernünftig darstellen und dabei das Elend nicht aussparen.' In diesem Zusammenhang leistet das ZDF ja quasi kulturelle Wiedergutmachung für noch fortdauernden Kolonialismus. Was hat das ZDF dazu bewogen, so zu handeln?
Elmar Leroy: "Ich weiß nicht, wer das ZDF ist. Das Konzept stammt aus einer Redaktion, die schon immer eigene Wege ging. Ich hab mit der 'Rappelkiste' angefangen und dann mit 'Neues aus Uhlenbusch' weitergemacht. Die Arbeit der Redaktion 'Kleine Reihen' folgt über die Jahre einer Linie: Der Blick aus dem Inneren einer anderen Kultur. So entstanden die berühmten Filme von Hans Rolf Strobel ('Spielen anderswo') in unserer Redaktion, auch wenn das heute keiner mehr sagt. Der Gedanke kam, als wir einen neuen Weg suchten. Und Strobel wollte einen Film über Paolo Freire machen. Wir boten ihm dann an: Bring uns den anderen ('Grüße aus Peru') noch mit, und dann verbuchen wir deinen Freire-Film auch darunter."

Bei "Juliana" – dem ersten Projekt – lag das Besondere ja gerade darin, dass das ZDF zwar das Geld gab, sich aber nicht als Befehlsgeber einmischte, und dass die Kinorechte bei den Filmemachern blieben. Wurde diese Konzeption beibehalten?
"Die Konstruktion ist geblieben. Wir erwerben nur die Senderechte fürs deutsche Fernsehen. Auch die Ausstrahlung der Kinoversion geschieht erst nach einer Kinoauswertung in Deutschland. So war das ja auch bei 'Yaaba'. 'Karim und Sala' wird auch in Afrika im Kino gezeigt werden, wenn die Produktionsfirma dafür Partner findet. Da sich aber auch in Afrika das Geschäft in den Händen der 'mayor companies' befindet, wird es wohl nur über den zweiten Weg funktionieren: also Initiativen und Wanderkino."

Wenn man von schwarzafrikanischem Kino spricht, muss man einschränkend ergänzen: Dieses Kino ist im Westen des Kontinents beheimatet und auch dort fast ausschließlich in den 'frankophonen' Ländern. Wie kommt das?
"Das kommt daher, dass Frankreich sich dort engagiert. Das hat verschiedene Ursachen. Die Franzosen haben teils aus einer kulturpolitischen Position heraus, teils aus ganz marktwirtschaftlichen Gesichtspunkten anders agiert als etwa die Briten. Sie beteiligen sich bei einheimischen Produktionen mit der Folge, dass die Endfertigung zumeist in Paris passiert. Das Problem der westafrikanischen Filmemacher ist, dass der französische Staat die Filmrechte für seine Kulturhäuser erwirbt. Das führt dazu, dass die afrikanischen Filme eben auch in Afrika kostenlos in den Kulturhäusern vorgeführt werden und die Menschen sich langsam daran gewöhnt haben, dass sie die einheimischen Filme umsonst sehen können. Außerdem sind diese dann auch in Frankreich kaum im Kino zu sehen. Damit wird der afrikanische Film zu einem Gratisfilm. Das ist natürlich absurd. Denn wenn der Film sich noch nicht einmal bei den Cineasten refinanziert, dann ist das recht zermürbend und demoralisierend."

Unabhängig von allen technischen Problemen ist eins der zentralen Probleme für die afrikanischen Filmemacher die Sonne, die es nur erlaubt, frühmorgens bzw. am späten Nachmittag zu drehen, weil sonst der Film in der Kamera verbrennt.
"Im Sahel-Bereich betragen die Mittagstemperaturen im Sommer 40 bis 45 Grad im Schatten. Die Schwierigkeiten liegen aber noch woanders. Man meint ja, da wäre genug Licht. Aber man braucht dort Lichtwagen, denn um auf der schwarzen Haut noch irgendwelche Strukturen erkennen zu können, muss man ständig aufhellen. Man muss Spiegel aufstellen, weiße Leinwände errichten, zusätzlich Licht machen, weil sonst überhaupt keine Physiognomie zu sehen ist. Dort ist die Sonne eine Katastrophe: Man muss den Drehort mit Tüchern abhängen, um die Hitze zu filtern und man muss Licht setzen. Und natürlich gibt's dort fast nirgends Strom, also muss man mit Motoren arbeiten, die weit genug weg sind, damit man überhaupt noch einen Primärton aufnehmen kann. Das ist so eines der winzigen technischen Probleme. Dazu kommt die ganze Logistik. Es existiert nirgendwo in Schwarzafrika ein Kopierwerk. So muss jede Filmdose mit dem Flugzeug nach Paris gebracht und dort entwickelt werden, damit dann dem Kameramann per Telefon und/oder Fax eine Rückmeldung gemacht werden kann. Da gibt's Kameraleute, die das ablehnen. Wenn Matthias Kälin sich bei 'Yaaba' darauf eingelassen hat, dann hat er da auch was riskiert. Er muss dann praktisch blind arbeiten. Das sind ganz schwere Bedingungen."

Es fällt auf, dass der Film den für afrikanisches Kino und gerade Ouedraogo typischen langsamen Erzählrhythmus hat. Ich hatte allerdings bei so manchem Schnitt das Gefühl, dass die Sequenz eigentlich noch dauern sollte und der Cut sehr abrupt kommt. Wie wurde der Schnitt gemacht?
"Ich teile Ihr Gefühl da völlig. Schon beim Rohschnitt – und bei der Vorführung jetzt wieder – ist mir bei einigen Schnitten auch ganz anders geworden. Der technische Ablauf war so: Wir haben auf Super 16 gedreht und es dann für das Kino auf 35mm aufgeblasen. Wir brauchten zwei Negative, also sind am Ort gleich zwei Versionen gedreht worden. Die Kinoversion ist in einigen Elementen schneller geschnitten. Das liegt am Auftraggeber FR3, der den Film als TV-Film am Abend zeigen will, und die Franzosen haben diese epische Breite nicht sehr goutiert. Für Idrissa war es ja wichtig, nicht nur bei den Cineasten anzukommen, sondern auch beim 'gewöhnlichen' Fernsehpublikum. In der TV-Version geht es etwas epischer zu.
Dennoch kam der Gedanke auf, den Film auch den Freilichtkinos in Afrika zugänglich zu machen, die ja auch zu 90 Prozent von ausländischer Ware dominiert sind. Sie müssen bedenken, wenn Sie afrikanische Kinder sehen, die ihren 14. Kung Fu-Film drin haben, dann haben die schon Sehgewohnheiten. Da nützt es nichts zu klagen, sondern das reflektiert auch den Widerspruch zwischen Stadt und Land. Die Metropolen entwickeln andere, schnellere Lebensstile, in denen Vergangenheit keine Rolle mehr spielt. Alles ist dominiert von Wünschen, und die Maschinerie der Wunschweckung ist dort noch grausamer als hier, weil nichts zu erreichen ist, sondern alles ein Fetisch bleibt, der am Himmel schwebt. Den Menschen werden mit diesen Bildern Fallen en masse gestellt. Unter diesen Bedingungen ist es die legitime Strategie des Regisseurs, im Kino bewusst in die Konkurrenz zu gehen mit dem, was dort läuft."

Das Gespräch führte Lutz Gräfe

 

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