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Ausgabe 49-1/1992

FRIDA – MIT DEM HERZEN IN DER HAND

FRIDA – MED HJERTET I HANDEN

Produktion: Teamfilm A/S, Norwegen 1990/91 – Regie: Berit Nesheim – Drehbuch: Berit Nesheim, Harald Paalgard – Kamera: Harald Paalgard – Schnitt: Lillian Fjellvaer – Musik: Geir Bohren, Bent Åserud – Darsteller: Maria Kvalheim, Ellen Horn, Helge Jordal, Kristian Mejdell Nissen u. a. – Laufzeit: 113 Min. – Farbe – Internationaler Vertrieb: Teamfilm A/S, Keysersgt. 1, N-0165 Oslo – Altersempfehlung: ab 12 J.

Gleich drei Männer hat sich die 13-jährige Frida zu ihren potenziellen Liebhabern auserkoren, und das macht ihr die Wahl natürlich besonders schwer. "Von Raymond träume ich, nach Andreas sehne ich mich und Martin sehe ich jeden Tag." "Simultane Fähigkeit" nennt sie ihren Balanceakt der Zuneigung in freier Anlehnung an Erich Fromm. Dessen Buch "Die Kunst des Liebens" hat sie sich angesichts ihres erwachenden Interesses für das andere Geschlecht und die damit einhergehenden Verwirrungen als Liebes- und Lebensratgeber auserkoren. Die lautstark daraus vorgetragenen Zitate sind so treffend wie abgehoben, was die Begeisterung ihrer Mutter und ihrer Schwester, aber auch ihres engsten Vertrauten Kristian in Grenzen hält. Dabei trifft seine Beschreibung des menschlichen Miteinander – zumindest für Frida – den Nagel auf den Kopf: Die Liebe ist eine harte Nuss.

Das führen ihr tagtäglich die Erwachsenen vor, schließlich sind ihre Eltern geschieden und beweisen im Knüpfen von neuen Beziehungen nicht gerade eine glückliche Hand. Zumindest empfindet es Frida so. Und weil ihre Mutter traurig über die anstehende erneute Heirat ihres Ex-Ehemannes zu sein scheint, nimmt Frida die Sache selbst in die Hand: Heimlich gibt sie für ihre Mutter eine Kontaktanzeige auf. Dabei hilft ihr eine Zufallsbekanntschaft, der etwas tollpatschig-liebenswürdige Religionswissenschaftler Karl P. Johanson, der aus einem ganz anderen Grund der Liebe misstrauisch gegenüber steht: Er entpuppt sich am Ende des Films als heimlicher Verehrer von Fridas Mutter. Da aber beide nicht ahnen, wie einfach ihnen zu helfen wäre, unterstützt Karl amüsiert Fridas Aktionismus in Bezug auf ihren zukünftigen Vater. Sie bestellen die passabelsten Beantworter ihrer Kontaktanzeige gleichzeitig zu einem Rendezvous auf den Platz der Monolith-Statuen, um sie mit einer Videokamera aufzunehmen. Das soll der Mutter die endgültige Wahl erleichtern.

Auch zwischen ihren eigenen Männern kann Frida sich nicht entscheiden: Andreas, der Klavierspieler, stellt sich als zu affektiert heraus. Raymond geht ihr mit seinem Fußballfanatismus auf die Nerven, und die zarten Bande mit Martin drohen nach anfänglich viel versprechenden Treffen durch ein Missverständnis wieder zu zerreißen. Der – ohne seine Braut – aus den USA zurückgekehrte Vater ist es, der die maßlos enttäuschte Frida von der Zweischneidigkeit der Liebe überzeugen kann und ihr damit hilft, ein Stück weit erwachsen zu werden. Fromms letztes Kapitel, in dem er die in seinem Buch dargelegte Theorie des Liebens nur als Hilfe zur Praxis beschreibt, nimmt Frida sehr wörtlich: Sie zerreißt das Buch und stellt sich der nicht immer rosigen Realität ihrer Gefühlswelt. Als erste Tat bekundet sie Martin ihr immer noch ernsthaftes Interesse. Erich Fromm braucht sie dazu nicht mehr.

Der 1945 in Bergen geborenen Norwegerin Berit Nesheim ist mit ihrem 1990/91 gedrehten Kinofilm "Frida" eine facettenreiche Studie über die Höhen und Tiefen der beginnenden Pubertät gelungen, die, als leichtgängige Komödie getarnt, Tiefgang nicht vermissen lässt, bei diesem schwierigen Thema eine nicht zu unterschätzende Leistung. Über den Zuschauer prasselt ein wahres Feuerwerk an geistreich-witzigen Dialogen – reich an Pointen, doch nie platt. Trotzdem sind die Worte nicht das Wichtigste. Die Regisseurin vertraut den Bildern, erzählt ganze Geschichten nur durch überlegte Einstellungen und legt dabei die Seelenwelt der Protagonistin offen. Die Schwimmbadszene, in der Frida mit ihrer Konkurrentin um die Gunst Martins buhlt, charakterisiert gänzlich ohne Dialoge nur mit aussagekräftigen Bildern, Nahaufnahmen und gekonnten Gegenschnitten die pubertäre Lebenswelt. Dazu trägt auch die glückliche Besetzung der Hauptrolle mit Maria Kvalheim bei, der die Frivolität und Neugierde erwachender Sexualität dieser Rolle auf den Leib geschrieben zu sein scheint.

Der rote Faden, der den Film zusammenhält, ist Fridas Suche nach einem passenden Partner für ihre Mutter. Der Film komplementiert dies mit der episodenhaften Darstellung von Fridas kindlich-jugendlicher Welt. Zuweilen geht das schlaglichtartige Beleuchten einzelner Szenen aus Fridas Alltag auf Kosten der Kontinuität. Dies mag daran liegen, dass der Kinofilm die erweiterte Ausarbeitung eines für das norwegische Fernsehen produzierten 45-Minuten-Films ist. Wie Berit Nesheim auf dem Kinderfilmfestival 1991 in Frankfurt sagte, ist sie der Grundidee ihrer ersten Version treu geblieben. Lediglich Frida wurde mit etwas mehr Ernsthaftigkeit und Tiefe dargestellt, was nicht zuletzt daran ersichtlich ist, dass ihre Lieblingslektüre sich von einem "BRAVO"-ähnlichen norwegischen Teenagermagazin in der Fernsehfassung zu Erich Fromms "Kunst des Liebens" in der Kinofassung gewandelt hat.

Der Film kann im positiven Sinne als "Familienfilm" bezeichnet werden, da er in gleichem Maße Erwachsene wie auch Kinder und Jugendliche anspricht. Die harmonische Verzahnung der verschiedenen Verständnisebenen lässt den Film zu einem Vergnügen für jede Altersstufe ab etwa 12 Jahren werden. Gerade Jugendliche finden in diesem Film Verständnis für ihre Lebenswelt und ihre Gefühle, ohne dass ständig der moralische Zeigefinger am Horizont auftaucht. Er vereinfacht nicht, macht aber Mut, den scheinbar unlösbaren Problemen des Erwachsenwerdens in die Augen zu schauen und sich in einer Welt neuartiger Gefühle und Empfindungen zurechtzufinden. Und Erwachsene finden vielleicht seit langer Zeit wieder einmal die etwas abgedroschen klingenden Zitate Erich Fromms erträglich, die auf ironisch-liebevolle Weise den Fakten des echten Lebens gegenüber gestellt werden.

Thomas Hübscher

 

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