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Ausgabe 49-1/1992

KINDER DES NEONLICHTS

LES ENFANTS DU NEON

Frankreich 1990 – Regie und Drehbuch: Brahim Tsaki – Kamera: Gerard Loubeau – Schnitt: Michel Patient – Musik: Jack Arel – Darsteller: Fanny Bastien (Claude), Rachid Ferrache (Djamel), Boumedienne Belasri (Karim) – Laufzeit: 87 Min. – Farbe – Altersempfehlung: ab 14 J.

Frühsommer 1991: In mehreren französischen Vorstädten – den sogenannten "Banlieues" – kommt es zu Revolten junger Maghrebiner, in Frankreich geborener Nordafrikaner der zweiten Generation. Ein Fakt, der angesichts des öden Lebens dort und der Perspektivlosigkeit sowie des auch in Frankreich wachsenden Rassismus niemand überraschen kann. Dennoch reagiert die Öffentlichkeit geschockt: Angesehene Blätter wie etwa der "Nouvel Observateur" befürchten einen "heißen Sommer" und untersuchen in Spezialausgaben die Lage in diesen neuen Ghettos.

Schon lange vor diesen Auseinandersetzungen – die im übrigen nicht die ersten waren und vermutlich auch nicht die letzten gewesen sein werden – haben sich engagierte Filmemacher mit diesem Thema befasst. Filme wie "Tee im Harem des Archimedes" oder auch "Lärm und Wut" zeigten auf ihre Weise Alltag und Leben in diesen Betonburgen. Auf dem letzten Europäischen Jugendfilmfestival "See You(th)" in Köln stellte der Algerier Brahim Tsaki mit seinen "Kindern des Neonlichts" den Eröffnungsbeitrag.

Irgendeine der zahllosen Banlieues von Paris: Grau ist der Beton und grau sind die Herzen der Menschen. Hier leben Djamel und sein taubstummer Freund Karim. Beide schlagen sich mit Geschäften am Rande der Legalität durchs Leben, etwa, wenn sie aus Abrisshäusern Metalle und andere wertvolle Gegenstände mitnehmen. Eines Abends retten sie die französische Studentin Claude vor einem Überfall. Zwischen Djamel und Claude entwickelt sich eine kleine Affäre, die jedoch schon bald einen Knacks bekommt, als Djamel sieht, wie sie sich mit einem Motorradfahrer trifft. Djamel beschließt, aus Rache das Motorrad anzuzünden. Auf der Flucht wird er von einem anonymen Schützen getroffen und sinkt tot auf der Straße zusammen.

Tsaki konzentriert sich ganz auf seine drei jugendlichen Protagonisten und zeigt uns die Welt aus der Sicht der beiden Jungs, die faktisch auf der Straße leben müssen. So ist es nur konsequent, dass der Film fast ausschließlich auf der Straße und zwischen den Hochhäusern spielt. Auch Erwachsene wird man in diesem Film vergeblich suchen. Die wenigen, die überhaupt und nur am Rande erscheinen, wirken wie die Jugendlichen selbst eher hilflos und desorientiert. Etwa das alte französische Paar, das von den vergangenen Zeiten träumt. Die Abwesenheit erwachsener (Leit-)Figuren betont noch die Verlogenheit einer Generation, die sich von den Erwachsenen verraten fühlt. Doch als wäre das nicht genug, sind die Protagonisten auch noch Ausländer und somit bedroht von rassistischen Ausfällen braver Bürger und faschistischer Schläger. In unaufdringlichen Episoden schildert Tsaki das Leben im Ghetto. Da ist etwa der Bruder, der seine Schwester schlägt, wenn sie ausgeht, sich aber andererseits von ihr aushalten lässt. Und wenn Djamel und Karim mal versuchen, aus dem Ghetto auszubrechen, werden sie schnell in ihre Schranken gewiesen. So endet der Besuch einer Party mit dem Rausschmiss und der Bemerkung eines Gastes: Der ist nicht von hier. Von den weißen Franzosen verachtet, von den eigenen Landsleuten verspottet wegen seiner Liebe zu einer Französin, steht vor allem Djamel in der klassischen Situation von Einwanderern der zweiten Generation: Nicht mehr Araber und noch nicht Europäer, sitzt er zwischen allen Stühlen.

Tsakis Film bietet ehrliches und anrührendes Sozialkino. Seine Alltagsgeschichte verrät mehr über das Lebensgefühl seiner Figuren als so manch angestrengte Reportage. Dazu tragen auch die überzeugenden Darsteller und die lebensnahe und ungekünstelte Sprache ihren Teil bei. Bleibt zu hoffen dass der Film auch hierzulande zu sehen sein wird und nicht nur auf ausgesuchten Festivals.

Lutz Gräfe

 

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