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Ausgabe 49-1/1992

DAS WUNDERKIND TATE

LITTLE MAN TATE

Produktion: Scott Rudin / Peggy Rajski, USA 1991 – Regie: Jodie Foster – Drehbuch: Scott Frank – Kamera: Mike Southon – Schnitt: Lynzee Klingman – Musik: Mark Isham – Darsteller: Adam Hann-Byrd (Fred Tate), Jodie Foster (Dede Tate), Dianne Wiest (Jane Grierson), Harry Connick jr. (Eddie) – Laufzeit: 99 Min. – Farbe – Verleih: Columbia (35mm) – Altersempfehlung: ab 12 J.

Während die Mutter ihrem Sohn klarzumachen versucht, dass er einen Teller in der Hand hält, hat der inzwischen schon auf der Rückseite den Firmennamen entziffert und liest ihn laut vor. Denn Fred Tate ist das, was man wohl als "Wunderkind" bezeichnet: Im Alter von einem Jahr konnte er schon lesen, mit vier verfasste er Gedichte. Inzwischen ist er sieben, malt mit Leichtigkeit wunderschöne Aquarelle, löst die schwierigsten mathematischen Aufgaben und spielt so ganz nebenbei meisterlich Piano. Seine alleinerziehende Mutter Dede wird damit nicht fertig. Sie jobbt als Kellnerin in einem chinesischen Restaurant, steht mit beiden Beinen im Leben und möchte nur, dass ihr Sohn so ist wie alle anderen.

In der Schule bleibt der Junge Außenseiter, den niemand mag, der durch sein Wissen nur Aggressionen herausfordert. Von diesem "Fall" erfährt die Psychologin Jane Grierson, die ein Institut für außergewöhnlich begabte Kinder leitet. Dede lässt den Filius nur ungern an einem Test teilnehmen, wird eifersüchtig auf die gebildete Frau, mit der sich ihr Sohn so blendend versteht. Dennoch darf er nach einigem Zögern an einem mehrtägigen Aufenthalt mit dem Namen "Odyssee des Geistes" teilnehmen, einem Treffen hochbegabter Kinder und Jugendlicher. Fred kommt begeistert zurück, hat er doch endlich adäquate Freunde gefunden, mit denen er wissensmäßig konkurrieren kann, die nicht über ihn lachen, wenn er an einem intellektuellen Problem tüftelt. Dede fühlt sich in der Defensive, fürchtet, ihren Sohn an die Psychologin zu verlieren. Als der dann wenig Lust zeigt, mit ihr, einer Kollegin und deren Kindern in den Ferien nach Miami zu fahren, sondern lieber den Sommer im Haus von Jane Grierson verbringen und in der nahe gelegenen Universität einen Kurs belegen möchte, fühlt sie sich zurückgestoßen, gibt aber nach. Mit Elan besucht Fred die Universität, fühlt sich endlich geistig herausgefordert, kann seinen Wissensdurst stillen. Durch die Freundschaft zu einem jungen Mann lernt er auch die kleinen Freuden des Alltags schätzen, beispielsweise das Billardspielen – sehr zum Missfallen seiner strengen Lehrerin Grierson. Irgendwann merkt Fred, dass er nicht nur als Wissensmaschine funktionieren will. Bei einer Talkshow blamiert er seinen weiblichen Mentor und läuft weg, irrt Stunden durch die Stadt und kehrt in die Wohnung seiner Mutter zurück, die schon auf ihn wartet.

Der Film endet mit einem Epilog. Fred feiert Geburtstag im Kreise seiner neuen Freunde, erhält jeweils eine Torte von Dede und von Jane. Für das Glück des Kindes sind beide Frauen bereit, den Konflikt zu beenden. Denn beide wissen, dass der Junge jede von ihnen braucht. In Erinnerung kommt der Geburtstag ein Jahr zuvor: Da hatte Fred in der Schule Einladungen verteilt und im geschmückten Wohnzimmer auf Freunde gewartet, die nicht kamen. Denn er hatte keine. Zwischen diesen beiden Geburtstagen spielt die Entwicklung des "Wunderkindes".

Jodie Foster zeichnet in ihrem Debüt als Regisseurin sensibel die Einsamkeit eines Kindes und die Suche nach Verständnis. Auch die "Gegenpole" sind gut getroffen: Jodie Foster als überforderte Mutter, die ihrem Kind nur Liebe und Wärme geben kann – Dianne Wiest als kühle, analytische Wissenschaftlerin, die Erfolg messbar macht, aber Emotionen nicht zulässt. Der kleine Junge merkt intuitiv, dass er beides braucht: Stärkung des Gefühls und die intellektuelle Auseinandersetzung, Kindsein und geistige Förderung. Manchmal setzt die Regisseurin aber stark auf herkömmliche Klischees: Da ist die gemeinsame Wohnung von Mutter und Sohn zwar etwas schlampig, aber gemütlich, so richtig was fürs Herz, das Haus der Wissenschaftlerin dagegen durchgestylt und rational geordnet. Bei Muttern gibt's auch schon mal das bei Kindern so beliebte "junk food", während die Psychologin gesunde, möglichst vegetarische Kost serviert. Diese Schwächen macht der Film aber wieder wett. So werden einfühlsam die Unsicherheiten der Mutter geschildert, die Ängste des Kindes, die menschliche Bedürfnisse oft negierende, ergebnisorientierte Wissenschaft. Am Beispiel des hochbegabten Jungen kritisiert Jodie Foster die Überbewertung des Intellekts und den Wissenschaftlerehrgeiz, zeigt aber auch die Schwierigkeit des Umgehens mit Kindern, die "anders" sind, sich nicht "normgerecht" verhalten. Denn nicht nur schlechte Leistungen in der Schule machen Kinder zu Außenseitern, auch das Gegenteil, Hochbegabung, lässt Kinder unter mangelndem Verständnis und Isolation leiden.

Margret Köhler

 

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