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Ausgabe 49-1/1992

Eine neue Erfahrung

Gespräch mit Karsten Wedel, Regisseur des Films "Ich bin Maria"

(Interview zum Film ICH BIN MARIA und zum Film ICH BIN MARIA)

Das Gespräch erfolgte anlässlich der Wiederaufführung dieses Films beim Seminar zur Informationsschau Skandinavischer Kinder- und Jugendfilme in Lübeck 1991

KJK: Sie haben den Film "Ich bin Maria" 1979 gemacht und jetzt in Lübeck noch mal gesehen. Was ist Ihr Eindruck nach so langer Zeit?
Karsten Wedel: "Es ist sehr interessant, den Film zu sehen, aber es ist noch mehr interessant, die Reaktionen des Publikums zu hören und zu erleben. Für mich war es auch eine neue Erfahrung. – Es ist schwer zu sagen. Ich finde, dass der Film noch heute gültig ist."

Was meinen Sie, wenn Sie sagen "gültig" – was ist für Sie besonders wichtig?
"Ich finde, die Probleme, die der Film berührt, sind noch nicht gelöst. Deshalb meine ich, die Zeit hat dem Film nichts anhaben können – die Zeit kann viele Filme töten, aber so ist es bei diesem Film nicht. Das ist natürlich subjektiv, aber ich denke, wenn ich heute den Film machen würde, wäre er nicht viel anders. Natürlich, jedes Mal, wenn man mit einem Film fertig ist, will man etwas verändern, am Rhythmus oder so, das vielleicht auch an diesem Film. Aber die wichtigen Sachen, die würde ich nicht verändern."

Hat sich am Thema, was Sie in diesem Film bearbeitet haben – die Probleme des Zusammenlebens zwischen Jung und Alt – in der Zwischenzeit in Schweden etwas verändert?
"Alle diese Probleme haben wir noch heute und wir werden sie auch behalten für lange Zeit, glaube ich. Zum Beispiel denkt man immer noch, dass jemand, der allein ist oder ein Original, also so ein Außenseiter, immer etwas gefährlich ist. Natürlich kann man von diesem Maler im Film sagen, ja, der trinkt und ist früher im Hospital gewesen – es gibt Grund dafür – aber ich glaube, diese Probleme sind im Film weniger, weil das elfjährige Mädchen ganz gerade und natürlich war zu ihm. Sie hat so viel Wärme, und sie hat den Schlüssel zu diesem Mann gefunden, als sie die Bilder gesehen hat."

Ist die Geschichte des Films ein Originalstoff oder basiert der Film auf einem Buch?
"Das ist eine Serie mit dem Titel 'Ich bin Maria, ich' von einem sehr beliebten schwedischen Autor, Hans-Eric Hellberg, der viel gelesen wird von jungen Menschen. Ich versuchte anfangs, den ersten Band zu verfilmen, aber das gab zu wenig Dramatik, zu kleine Probleme und war auch schwerer für den Produzenten zu verstehen. Als ich die literarische Vorlage für den Film übersetzte, habe ich viele Teile sehr genau gemacht, anderes weggelassen, und ich denke, ein Drittel des Films ist ganz neu, das kann man nicht in den Büchern finden."

Zum Beispiel?
"Erstens habe ich den Maler verändert. Der Autor war durch einen bekannten naiven schwedischen Maler inspiriert für die Buchfigur, aber nur ein wenig. Ich liebe diesen Maler, der auch ganz andere Stile gemalt hat. Er heißt Limjo-han, ist 1937 gestorben. Wir fanden nur 28 Bilder von ihm, und ich zeige 27 im Film, keine Originale, aber sehr gute Drucke. Und wenn ich schildere, wie er berühmt wird und alle die Bilder finden, so ist das nicht meine Phantasie, sondern das hat das Leben so geschrieben. Man hat diese Bilder auf Toiletten gefunden, ganz gering geachtet, und hat entdeckt, dass diese Bilder wertvoll sein müssen – und das ist wirklich tragikomisch. Davon stand in den Büchern nichts, die Bilder waren dort ganz anders beschrieben. Limjohan war auch ein Ausgestoßener."

Und dieses Buch haben Sie als Kind gelesen?
"Nein, als Erwachsener, als ich nach Stoffen für einen Film suchte, denn ich dachte, alle diese Astrid-Lindgren-Filme sind sehr gute Geschichten, aber alle sind wie Märchen und von anno dazumal, und ich wollte einen Film von heute machen, mit realistischen Problemen, wo man zueinander spricht wie Menschen und nicht so eine Kindersprache braucht. Ich wollte keine Sonnenschein-Geschichte machen, sondern ein junges Mädchen finden und wollte zeigen, genau dieses Mädchen hat Schwierigkeiten verschiedener Art, pubertäre Probleme, das Gefühl des Ausgestoßenseins. Ich bin Dokumentarist und will deshalb auch richtige Stimmungen und Authentizität vermitteln. Das schloss nicht die Möglichkeit von Träumen aus – wir haben in dem Film Träume und Ideen, aber auch die sind Wirklichkeit."

Der Film hat so lange gelegen, kam nicht richtig – bei uns gar nicht – ins Kino. Wie geht es Ihnen, wenn plötzlich, nach so langer Zeit, Leute kommen und sagen, der Film ist interessant, den Film brauchen wir?
"Herrlich zu hören, das macht mich glücklich, dieses Gespräch gestern beim Seminar. Das war eine wunderbare Erfahrung für mich, dass man vieles gesehen und vieles gefühlt hat. Natürlich kommen immer Fragen zu diesem Schluss, warum der alte Mann so willig war, mit Maria davonzugehen, aber für Maria ist das mehr klar als für das Publikum: Er sagt, ich kann nicht mehr hier malen. Und ich glaube, dass man mit Bildern erzählt, ist so wichtig – meine Eltern sind Maler, meine Frau ist Malerin – in Bildern kann man so viel erzählen. Film muss Bilder benutzen. Die Worte sind auch wichtig, die Musik, die Darsteller. Doch ich versuche immer herauszufinden: Kann ich dies ohne Worte erzählen. Ist es möglich, so sein Gefühl zu zeigen oder kann Maria etwas machen, das zeigt, sie hat es nicht gut, sie hat Sehnsucht nach ihrer Mutter – das kann man mit Bildern zeigen. Das macht das Publikum aktiv. Wenn man die ganze Zeit spricht, wird das Publikum passiv, es bekommt alles und versucht zu folgen, aber es ist passiv."

Die Dialoge in dem Film waren aber auch sehr präzis.
"Wobei ich zu der kleinen Maria sagte, sie soll am Anfang das Manuskript nur einmal lesen, nicht mehr. Wir schaffen dann Situationen mit jedem Bild, und dann kommen die Dialoge ganz wie geschrieben. Aber man muss am Anfang die Motivation haben, die Situation finden und fühlen, auf diese Weise kommen die Reaktionen ganz natürlich. Wenn der alte Mann zum Beispiel mit der Bandage kommt, dann empfindet sie den Schreck ganz natürlich. Ich sage nicht: Jetzt musst du schlucken! Da geht es nicht. Man muss die richtige Situation schaffen, die Stimmung finden, das macht Spielfilm auch ein wenig dokumentarisch.

Haben Sie Lust bekommen, nachdem "Ich bin Maria" jetzt erfolgreich wieder aufgeführt wurde, einen neuen Kinderfilm zu machen?
"Ich will gerne Kinderfilme machen, aber ich finde nicht, dass 'Ich bin Maria' ein Kinderfilm ist. Es ist ein 'Menschenfilm', für alle interessant. Ich finde, was Kinder interessiert, muss auch andere Menschen interessieren, oder man muss es so machen, dass es für andere interessant ist – und umgekehrt. Auch in meiner neuen Komödie ('The Bump') gibt es viele Kinder und die Hauptperson ist ein Kind, mein Thema ist: Man muss seine Passionen pflegen, man darf sie nicht unterdrücken. Man muss machen, wozu man Lust hat, natürlich gibt es Grenzen. Aber man muss die Passionen pflegen wie eine Pflanze. Darum ist Musik auch so wichtig, nicht nur für den Film, sondern für das Leben. Und in meinem neuen Film gibt es viele verschiedene Arten von Musik."

Noch einmal zurück zum Begriff – es gibt ja den Begriff Familienfilm, der aus dem amerikanischen Filmgeschäft kommt, was meinen Sie dazu?
"Natürlich gibt es Familienfilme, aber es ist schwer, eine klare Definition zu geben. Ich glaube, 'Maria' ist ein gutes Beispiel für einen Familienfilm. Über die Altersfreigabe für 'Maria' haben wir gestern hier auch gesprochen, und ich sagte, dass es kein Problem für die Kinder ist, sondern ein Problem für die Eltern. Die kommen und sagen, ach diese Duschszene, während die achtjährigen Kinder es sehen und keine Probleme dabei haben, und für die zwölfjährigen ist es interessant, aber die Eltern sind empört. Ich verstehe es, wenn man den Film in Ländern zeigt, wo Religion oder Tradition es unmöglich macht, nackte Menschen zu zeigen. Aber hier bei uns, glaube ich, ist dieses Verhalten lächerlich."

Mögen Sie, wenn man sagt, Ihr Film hat eine Botschaft?
"Für mich ist das gut, aber in der Filmbranche ist es der Tod für einen Film!"

Der Schluss Ihres Films – der Gang ins Altersheim – ist Realität, was könnten Sie sich als gesellschaftliche Utopie vorstellen?
"Ich glaube, dass der alte Mann in ein Heim zurückgehen muss. Er war früher dort, und er weiß, dass er da malen kann. Es wäre natürlich für ihn besser, allein in seinem Haus zu sein. Aber in unserer Gesellschaft ist das Heim die Lösung, und das ist eine wichtige Erfahrung für Maria. Darin liegt auch die Kritik an dieser Gesellschaft. Und wir sehen, dass die Erlebnisse Maria nicht ganz verändern können, doch sie können den Charakter pflegen und aufbauen. Wir erleben am Anfang, wenn sie in den Zug geht und den Vogel drinnen sieht, ihre erste Reaktion: sie stürzt hin und öffnet das Fenster, um den Vogel herauszulassen. Das zeigt, sie hat Mut, sie kann mit Herz reagieren, sie kann spontan sein, das bleibt ihr."

Christel und Hans Strobel

 

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