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Ausgabe 49-1/1992

"Meine Arbeit muss mir in Vietnam Erfolg bringen"

Regie-Porträt der vietnamesischen Filmemacherin Viet Linh

(Interview zum Film WANDERZIRKUS)

Viet Linh wurde in Europa durch ihren Film "Wanderzirkus" ("Ganh Xiec Rong") bekannt, der 1990 beim Filmfestival in Nantes und 1991 beim Kinderfilmfest/Internationale Filmfestspiele Berlin gezeigt wurde, wo er eine lobende Erwähnung der UNICEF-Jury erhielt. Es ist die Geschichte vom Leben ohne Wunder: Ein Wanderzirkus kommt in ein von Hunger und Not geplagtes Dorf. Die Bewohner haben für die Darbietungen der kleinen Truppe weder Interesse noch Geld, bis der Zirkusdirektor einen Trick findet, der alle fasziniert: Er zaubert aus einem leeren Korb Reis für alle. Der Junge Dat, der für sich und seine kleine Schwester sorgen muss, ist allerdings bitter enttäuscht, als er entdeckt, dass es nur ein Schwindel ist. "Wanderzirkus" ist der dritte Film von Viet Linh, den sie 1988 im Ghai Phong-Filmstudio in Ho-Chi-Minh-Stadt gedreht hat.

Vietnam hat zwei Filmstudios, eins im Norden des Landes, in der Hauptstadt Hanoi, das andere im Süden, das Ghai Phong-Studio. Es hat eine revolutionäre Vergangenheit. Ghai Phong heißt Befreiung. Als die Amerikaner gegen Nordvietnam Krieg führten, um das US-freundliche Thieu-Regime im Süden zu halten, drehte dieses Studio Propagandafilme für die Vietcong und Vietnams Unabhängigkeit. Das war vor 1975, vor dem Frieden und der Vereinigung von Nord- und Südvietnam. Heute sind beide Studios staatliche Organisationen, etwa gleich groß, und beide produzieren im Jahr bis zu 20 Spielfilme. Das Budget ist knapp. Ein Film darf 20.000 Dollar kosten – so auch der "Wanderzirkus". Um jeden Monat, den die Filmprüfstelle des Kulturministeriums den "Wanderzirkus" zurückhielt, wuchs Viet Linhs schlechtes Gewissen gegenüber ihrem Studio. Sie meinte, das ohnehin knappe Budget vergeudet zu haben. Bis vor vier Jahren hat der Staat die Produktionskosten der Filme getragen. Seit der Wirtschaftsreform müssen die Studios die Filme durch Bankkredite vorfinanzieren, und die Kinoaufführungen müssen die Kosten einspielen.

In Vietnam lagert Viet Linhs Film immer noch ungesehen im Regal: "Früher musste man das Drehbuch bei der Zensurbehörde zur Prüfung und Genehmigung vorlegen. Jetzt braucht man das nicht mehr. Die Behörde interessiert nur das Endprodukt. Bevor der Film ausgestrahlt wird, muss er zugelassen und genehmigt werden. Beim "Wanderzirkus" verweigerte die Behörde zwar letztendlich nicht die Ausstrahlung, aber sie teilte mit, sie brauche Zeit zur Begutachtung. Und das hat dann zwei Jahre gedauert."

Der Direktor des Ghai Phong-Studios, Herr Ngoc, sieht seine Arbeit durch die Zensurstelle nicht behindert. Er meint, heute entscheide der Geschmack des Publikums über den Erfolg eines Films: "Früher gab es Propagandafilme mit politischem Inhalt. Aber solche Filme sind zurzeit nicht gefragt. Die bekommen kein Echo vom Publikum. Wir können endlich gute Filme mit gutem Inhalt anbieten. Überwiegend junge Leute gehen in die Kinos. Und sie schauen sich gerne Liebesfilme an oder Filme, die sich sozialer Probleme annehmen. Seit der Reformpolitik dürfen die Studios die Drehbücher selbst schreiben. Die Überprüfung durch das Kulturministerium ist eine reine Formalität. Warum das so ist? Es sind jetzt Privatstudios zugelassen, und die treten in Konkurrenz zu den staatlichen Studios. Deshalb bemühen sich alle, gute Filme zu machen."

Ein Sprecher ergänzt diese Aussagen. In Ho-Chi-Minh-Stadt arbeiten derzeit zehn freie Filmgruppen. Allerdings sind sie – entgegen der Aussage von Herrn Ngoc – keine ernst zu nehmende Konkurrenz. Sie haben kein eigenes Equipment und müssen die Filmausrüstung vom Ghai Phong-Studio leihen. Die Kinoplakate in der Stadt lassen erahnen, welche Filme das Publikum tatsächlich liebt, ja vielleicht sogar das vietnamesische Kulturministerium: Kung Fu und Liebesschnulzen. Das hat fatale Folgen für die künftige Planung der Studios. Anspruchsvolle oder kritische Filmvorhaben – sind sie erst einmal als nicht rentabel eingeschätzt – werden gar nicht gedreht. Eine neue Schere im Kopf!

Viet Linh wird es in Zukunft nicht leicht mit ihrer Arbeit haben. Zurzeit stellt sie eine Dokumentation über vietnamesische Frauen her. Es ist eine Auftragsproduktion für das Zweite Deutsche Fernsehen und eine erste Resonanz auf ihren Erfolg bei den Kinderfilmfestspielen in Berlin. Sie hat zudem Einladungen zu Festivals in Kanada und Europa erhalten. Ob sie fahren darf, weiß sie nicht. Im Sommer 91 hat sie in Paris den regimekritischen Journalisten Hai Hac geheiratet. Er darf derzeit nicht in Vietnam schreiben.

Viet Linh liebt ihr Land, für dessen Befreiung sie gekämpft hat. Ihr Vater war Kommunist, sie selbst hofft auf die vor vier Jahren eingeleitete Reformpolitik der Kommunistischen Partei. Vietnams KP hat dem neuen politischen Kurs den Namen Doi Moi, Erneuerung, gegeben. Weil das Vietnam von heute so ganz und gar von einer gerechten und menschwürdigen Gesellschaft entfernt ist, behält sich Viet Linh wie andere Intellektuelle ihrer Generation eine sozialistische Option auf die Zukunft offen. Sie hofft auf Doi Moi und ist deshalb nach Hause, nach Vietnam, zurückgekehrt: "Für den Film habe ich mich schon als Kind interessiert. Mit 15 Jahren bin ich dann meinem Vater zum Befreiungskampf in den Dschungel gefolgt. Er arbeitete beim Ghai Phong-Filmstudio. Diese Zeit im Dschungel, als ich noch ein kleines 15-jähriges Mädchen war, hat mein Leben sehr stark beeinflusst. Im Ausland möchte ich deshalb nicht bleiben. Denn erstens bin ich eine selbstständige Frau von Haus aus, das ist eine Eigenschaft von mir, und zweitens meine ich, meine Arbeit muss mir in Vietnam Erfolg bringen und sie erfüllt viele meiner Wünsche."

Bio-/Filmografie Viet Linh

Geboren 1952 in Ho-Chi-Minh-Stadt, Drehbuchautorin, Filmstudium an der VGIK in Moskau, 1985 Regiediplom, 1986 Spielfilmdebüt, 1989 ein Video über den japanischen Autor Kaoru Morimoto. Filme: "La ou regne la paix", "Les oiseaux chantent" (1986); Le jugement a besoin du juge" (1987); "Ganh Xiec Rong/Wanderzirkus" (1988); Une vie volée" (1989; Video).

Jutta Neupert

 

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