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Ausgabe 83-3/2000

KEINER WENIGER

NOT ONE LESS

Produktion: Columbia Pictures Filmproduktion Asien Präsentation / Guangxi Filmstudios & Neue Filmverleihgesellschaft Produktion; Volksrepublik China 1999 – Regie: Zhang Yimou – Buch: Shi Xiangsheng – Kamera: Hou Young – Schnitt: Zhai Ru – Musik: San Bao – Darsteller: Wei Minzhi (Schülerin), Zhang Huike (Schüler), Tian Zhenda (Bürgermeister Tian), Gao Enman (Lehrer Gao), Sun Zhimei (Schülerin) u. a. – Länge: 106 Min. – Farbe – FSK: o. A. (beantragt) – Verleih: Columbia TriStar (35mm) – Altersempfehlung: ab 8 J.

Lehrer Gao unterrichtet in einer Dorfschule in der chinesischen Provinz. Um seine schwerkranke Mutter zu pflegen, muss er für einen Monat Urlaub nehmen. Da niemand sonst zur Verfügung steht, übernimmt die vollkommen unerfahrene 13-jährige Wei Minzhi seine Vertretung und hält sich dabei strikt an die Verhaltensregeln, die ihr der Dorflehrer eingeprägt hat: Auf keinen Fall Schüler zu verlieren (daher der Filmtitel) und täglich eine Lektion aus dem Schulbuch durchzunehmen, ohne dabei mehr als ein Stück der teuren Kreide zu verbrauchen. Schon kurze Zeit später ist der elfjährige Zhang Huike verschwunden, der in der Klasse besonders aufmüpfig war. Wei erfährt von dessen kranker Mutter, dass er zum Arbeiten in die Stadt gefahren sei, um die Schulden der Familie abzutragen. Die mahnenden Worte des Lehrers im Gedächtnis, plant Wei Minzhi in die ferne Stadt zu fahren, um den Jungen zu suchen und zurückzubringen. Doch ohne Geld in der Tasche ist das nicht so einfach ...

"Keiner weniger", 1999 in Venedig mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet, ist die erste Regiearbeit des für seine Filme bereits mit vielen internationalen Preisen bedachten chinesischen Regisseurs Zhang Yimou für die Columbia Pictures, ein Unternehmen der Sony Pictures Entertainment. Vom Filmstil und der Thematik her ist von dieser Kooperation allerdings wenig zu spüren. Yimou setzt sich vielmehr unmittelbar mit Gegenwartsproblemen seines Landes auseinander und erzählt eine einfache, mitunter melodramatische Geschichte, die in ihren Tiefenstrukturen universellen Charakter gewinnt. Auf zahlreichen Ebenen arbeitet er dabei mit Gegensätzen, etwa den ungleichen Lebensbedingungen der Menschen auf dem Land und in der Stadt, die sich oft auch im Unterschied von Arm und Reich manifestieren und jährlich eine Million schulpflichtiger Kinder zwingen zu arbeiten, anstatt den Unterricht zu besuchen. Oder er zeigt den Einbruch der westlichen in die traditionelle chinesische Kultur – symbolisiert in einer bemerkenswerten Szene, als die 27-köpfige Schulklasse von ihrem gemeinsam erarbeiteten Geld gerade mal zwei Cola-Dosen kaufen kann, die in einer feierlichen Zeremonie schluckweise wie Champagner getrunken werden.

Darüber hinaus vermitteln sich Gegensätze vor allem im Verhalten der Menschen, etwa bei der Vermittlung von Wissen und Bildung, deren grundlegende Bedeutung für die Bewältigung des Alltags ständig aufs Neue zum Ausdruck kommt. Wei Minzhi (alle Laiendarsteller im Film spielen übrigens sich selbst und haben keinen Rollennamen) führt zunächst Frontalunterricht und nimmt wenig Rücksicht darauf, ob ihre nur zwei Jahre jüngeren Schüler sich für den Stoff interessieren. Ganz anders funktioniert das Lernen, als es um ein gemeinsames Ziel geht und die Kinder – voll bei der Sache – plötzlich die schwierigsten Aufgaben gemeinsam lösen statt Widerstand zu leisten.

Auf ähnliche Weise werden Egoismus und Solidarität miteinander verglichen oder auf spielerische Weise der Konflikt zwischen Autorität und Gehorsam vermittelt, beispielsweise ob und in welchen Situationen die (Be-)Achtung von Autoritäten und Regeln sinnvoll und notwendig oder eher Eigeninitiative gefragt ist. In diesem Sinne ist "Keiner weniger" ein pädagogischer Film über die Erziehung des Menschen, der zum Glück aber nie belehrend wirkt und von tiefen Emotionen getragen ist. Dies und die Bewunderung für den unbeirrbaren Mut und das Durchhaltevermögen der jugendlichen Heldin machen den Film für nahezu jede Altersgruppe sehenswert.

Holger Twele

 

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