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Ausgabe 83-3/2000

"Sie hat die Gabe, Brücken zu schlagen ..."

Gespräch mit dem Regisseur Bernd Sahling über seine Langzeitdokumentation "Gymnasium oder wir werden sehen"

(Interview zum Film GYMNASIUM ODER WIR WERDEN SEHEN)

Bernd Sahling wurde 1961 in Naumburg geboren, arbeitete von 1983 bis 1986 als Volontär und Regieassistent bei der DEFA, vor allem für Rolf Losansky und Helmut Dziuba, studierte von 1986 bis Anfang der 90er-Jahre an der HFF Potsdam und entdeckte dort seine Vorliebe, mit Kindern und Jugendlichen dokumentarisch zu arbeiten. In seinem Volontariatsfilm, der Dokumentarkurzfilm "Ein Lied für Anne" (1985), porträtierte er zum ersten Mal das blinde Mädchen Anne, das damals gerade in einen ganz "normalen" Kindergarten aufgenommen wurde. Außerdem drehte Bernd Sahling den Dokumentarfilm "Wenn man so leben will wie ich" über einen Punk aus Berlin. Am Ende seines Studiums an der HFF widmete er seinen Abschluss- bzw. Diplomfilm nochmals Anne ("Im Nest der Katze", 1991) und dem Punk, der mittlerweile in Berlin-Kreuzberg lebte und schwer heroinabhängig war ("Alles wird gut"). Auch in seiner Diplomarbeit beschäftigte er sich mit den Erfahrungen und Problemen bei Langzeitdokumentationen. 1995 ging Bernd Sahling für ein Jahr nach Chicago und studierte dort Szenaristik. Nun ist im letzten Jahr seine dritte Dokumentararbeit über Anne fertig gestellt worden. "Gymnasium oder wir werden sehen" erzählt von dem Alltag und den Schwierigkeiten, die Anne und ihre Mitschüler zu bewältigen haben, nachdem sie als erste Blinde Thüringens auf Probe in ein "normales" Gymnasium eingeschult wurde. Dabei wird deutlich, dass dieser Integrationsprozess für beide Seiten schwieriger ist, als sie es sich vorgestellt haben. Anne bleibt eine Außenseiterin in der Klasse, zumal sie ohnehin eine Art Doppelleben führt, denn nach der Schule geht sie wieder in ihr Internat, lebt als Blinde unter Blinden. Ihre engsten Freunde hat sie dort.

In dem fast 100-minütigen Film lässt sich Bernd Sahling viel Zeit, Anne bei ihren täglichen Verrichtungen zu begleiten, zeigt, mit welchen Schwierigkeiten ein blindes Mädchen in unserer Welt zurechtkommen muss und mit welcher Kraft sie diese meistert. Besonders beeindruckend sind die Gespräche, die er mit Anne, ihren Mitschülern und den Jugendlichen aus dem Internat führt. Mit einer faszinierenden Ehrlichkeit und Tiefgründigkeit erzählen sie über sich und ihre Probleme beim Zusammenleben. "Gymnasium oder wir werden sehen" hat bis jetzt noch keinen Verleih gefunden, obwohl er gerade für die Bildungsarbeit wichtig ist.

KJK: Was hat Sie daran gereizt, nochmals einen Film über Anne zu drehen?
Bernd Sahling: "Als ich aus Chicago zurückkam, war Anne in einer völlig neuen Situation. Seit der 1. Klasse musste sie ja eine Spezialschule besuchen und in einem Internat leben, nun hatten ihre Eltern erkämpft, dass sie als erste Blinde versuchsweise ein Normalgymnasium in Weimar besuchen konnte. Das war sozusagen ein Modellprojekt. Diesen Integrationsprozess wollte ich dokumentieren. Das Schlimme war, dass ich sofort anfangen musste zu drehen, weil die Zeit wegrannte. Ich habe dieses Projekt beim MDR eingereicht, beim ORB, zwei Jahre habe ich dafür gekämpft, aber umsonst. Keine Kinder- und Jugendfilmredaktion war bereit, Dokumentarfilme für Kinder zu machen, sie sahen einfach keine Sendemöglichkeit in ihrem Programmspektrum. Wir haben also zunächst auf eigene Kosten gedreht, bis dann das ZDF – 'Das kleine Fernsehspiel' – das Projekt genommen hat. Das war ein großes Glück für mich, ich hatte mehr Geld und weniger Druck."

Haben Sie diesen Film für ein jugendliches Publikum konzipiert?
"Ich hatte den Anspruch, dass er Jugendliche interessieren sollte, die 15-, 16jährigen, über die ich hier auch erzähle. Ich glaube, der Film funktioniert gut in Verbindung mit einer Diskussion, wo man hinterher noch zusammensitzt und darüber redet. Meine ersten Erfahrungen sind positiv. Meist wird der gesamte Film in zwei Ethikstunden gezeigt. Es gibt da sicher auch eine Dürrephase bei den Schülern, aber am Ende gab es immer Beifall und eine Art Dankbarkeit, weil sie sich selbst auch wiederfinden und sich ernst genommen fühlen. Viele Jugendliche sagten mir, dass der Einstieg sehr schwer für sie war, weil man nicht genau vorgesetzt bekommt, was man davon zu halten hat und sich eine eigene Meinung bilden muss. Aber gerade das halte ich für eine Bereicherung in der Jugendarbeit."

Was war Ihnen wichtig in diesem dritten Film der Langzeitdokumentation über Anne?
"Letztendlich geht es um die Frage, sind Behinderte eigentlich wie wir oder sind sie ganz anders und kann man mit ihnen klarkommen. Und darum, inwieweit man überhaupt die Möglichkeit hat, sich in jemand anderen hineinzuversetzen. Das ist ja sehr begrenzt, man ist immer nur daneben. Man kann sich zwar ein Tuch vor die Augen binden und so eine Zeitlang herumlaufen, aber man würde genauso viel erfahren wie über Ausländersein, wenn man vierzehn Tage als Tourist durch New York stiefelt. Es gibt einfach Dinge, die kann man nicht nachvollziehen und das muss man akzeptieren. Und in diesem Konflikt stehen die jungen Leute in meinem Film. Sie können sich nicht in die Gefühlslage von einer Blinden hineinversetzen, weil sie es selbst nie erfahren haben und trotzdem müssen sie täglich damit klarkommen. Das ist der Schlüssel im Umgang mit Behinderten, wo auch Anne zum ersten Mal knallhart sagt: 'Wir werden nie genauso sein wie die, also nicht nur, dass wir nicht sehen können – ich weiß auch gar nicht, ob ich das wollen würde.' Das ist für mich die Schwierigkeit, die wir mit allen Leuten haben, die einen ganz anderen Hintergrund haben, sei es durch eine Behinderung oder durch einen anderen Kulturkreis, in dem sie groß geworden sind. Da fängt die Komplexität von Toleranz eigentlich an."

Hat sich auch in Ihrem Denken etwas verändert, nachdem Sie Anne bisher 16 Jahre lang filmisch begleitet haben?
"Meinem ersten Film über Anne, aus dem ich hier viel verwendet habe, stehe ich heute kritisch gegenüber. Ich habe mich nicht der Tatsache gestellt, dass es nicht so einfach geht, sondern es eher verklärt gesehen: Das ist doch toll, wie sie das alles schafft, trotzdem! Wirkliche Nähe und Hilfe Behinderten gegenüber entsteht jedoch nur durch genaues Kennen der Details und durch ungeschminkte Auseinandersetzung mit den Härten und Problemen, die eine Behinderung mit sich bringt. Mein erster Film ist sehr geschminkt. Er war ehrlich, das war das, was ich damals empfunden habe. Er hat auch viele bewegt, aber er ist für mich weit entfernt von den Dingen, die ich heute sehe."

Wie sind Sie damals auf Anne gekommen?
"Mich hat immer schon der Umgang mit Kindern und Jugendlichen interessiert, die anders sind, die ein gravierendes Problem haben. Mit Annes Eltern bin ich schon lange befreundet, noch bevor Anne auf der Welt war. Dann bekamen sie ihr erstes Kind und wussten nach wenigen Wochen, dass es blind sein wird. Anne war ein sehr aufgeschlossenes Kind und ich war eng befreundet mit dieser kleinen Person damals. In meinem Volontariat hatte ich die Möglichkeit, mit einer 'stummen' 35mm-Kamera einen Kurzfilm zu machen zu Übungszwecken. Annes Eltern versuchten gerade, ihre Tochter in einen Kindergarten mit sehenden Kindern zu geben, was für die damalige Zeit in der DDR ungewöhnlich war. Sie haben Petitionen geschrieben und überall vorgesprochen, bis sich am Ende eine Kindergartenleiterin bereit gefunden hatte, die Verantwortung zu übernehmen. So drehte ich meinen ersten Kurzfilm über Anne. Ich war sehr berührt von dieser kleinen Person, habe extra ein Lied für sie geschrieben, was ich dann selbst in der DEFA eingesungen habe. Der Film kam sogar als Vorfilm ins Kino."

Auch ich bin sehr berührt durch Anne. Sie ist so lebendig, fantasievoll ...
"Anne hat die Gabe, Brücken zu schlagen. Das bringt einen enormen Vorteil für dieses Projekt, das ja Brücken schlagen sollte. Durch ihren Charme haben wir die Möglichkeit Dinge zu erzählen, Wissen und Gefühle zu vermitteln, die Behinderten vielleicht ein bisschen mehr Möglichkeit geben, ins öffentliche Bewusstsein zu rücken, auch klarzumachen, was sie brauchen."

Was war der Anlass für den zweiten Film über Anne, "Im Nest der Katze"?
"Eigentlich der Rückschritt: Anne musste, nachdem sie im Kindergarten immer mit Sehenden umgehen konnte, auf einmal in eine Spezialschule gehen und im Internat leben. Das war in Chemnitz, am Rande der Stadt, ein um die Jahrhundertwende gebautes, schon ziemlich heruntergekommenes Blindendomizil, mit Mauern umgeben, mit Schlafsälen, wo Blinde teilweise ihr ganzes Leben verbracht haben. Anne hat sehr unter dieser Art von Vereinsamung gelitten. Manche Kinder hatten eine Mehrfachbehinderung und wenn man nur mit Leuten zu tun hat, die ähnlich sind in ihrem Handicap, ist das keine günstige Lösung für Kinder. Der Film erzählt von der Flucht, der inneren Emigration in die Fantasie, eines Kindes, das sich schlagartig einer überaus harten Realität stellen muss. Und von der Hilflosigkeit der Eltern, die immer davon geträumt haben, dass Anne nicht isoliert und zu den Blinden gesteckt wird, wo sie kaum noch Chancen hat, andere kennen zu lernen. Es ist zwar ein heiterer Film geworden durch die Fantasie des Mädchens und durch ihre Gabe, mit ihren Tagträumen Fluchtpunkte zu schaffen. Faszinierend war auch, was für eine Kraft so ein achtjähriges Mädchen entwickeln konnte, aber insgesamt ist die Situation bitter gewesen. Damals war gerade die Wende und es gab im ZDF einen Riesenbonus jungen ostdeutschen Filmemachern gegenüber, so dass ich diesen Film sofort für das Kleine Fernsehspiel machen konnte."

Inwieweit haben Ihre Filmhelden die Möglichkeit zu bestimmen, was in der Öffentlichkeit gezeigt wird?
"Ich habe das Grundprinzip: Wir dürfen bei allem drehen, wir dürfen aber nicht alles verwenden. Das heißt, ich mache den Rohschnitt und stelle ihn den Betroffenen vor. Wenn es tatsächlich Vorbehalte gibt und sie sich entstellt oder verfälscht vorkommen, gilt mein Versprechen, dass wir ändern können. Ich habe nie etwas dem Fernsehen preisgegeben, wovon nicht eine Einigung mit den Jugendlichen zustande gekommen ist. Als wir zum Beispiel Anne den Rohschnitt unseres zweiten Films vorführten, haben wir ihre Reaktionen aufgenommen. Und so ist der Anfang des Films entstanden, wo sie sagt: 'Naja, ich find das schon ganz gut, aber dass ich nicht blind sein will, das habe ich nie gesagt! Das stimmt überhaupt nicht!' Bei den Rohschnittdiskussionen mit der Familie gab es auch kaum größere Probleme. Bei diesem Film waren der Schuldirektor und die Lehrerinnen vom Gymnasium nicht immer begeistert, aber sie sagten: So ist es. Der Direktor, übrigens ein mutiger Mann, der uns alle Freiheiten beim Drehen gelassen hat, meinte noch: 'Aber wenn Anne da so ganz allein die Treppe hinuntergeht, ist das nicht ein bisschen zu hart?' – 'Für mich ist es nicht nur hart, sondern zeigt auch Annes Kraft', sagte da die Mutter, 'und es ist dafür verdammt ehrlich. Wenn die Wahrheit nun mal so aussieht, dann sollte man die der Öffentlichkeit auch so vorstellen!' Anne selbst hatte großes Interesse an diesem Film, um etwas dafür zu tun, dass blind nicht gleich blöd bedeutet. Ihre Mitschüler standen dem Projekt am Anfang relativ emotionslos gegenüber. Später merkten sie, dass es auch um sie geht und haben den Film mehr und mehr zu ihrem Film gemacht."

Wie lange dauerten die Dreharbeiten für die dritte Dokumentation?
"Gedreht haben wir von 1998 bis 1999. Die eigentliche Arbeit beginnt dann beim Sichten. Beim Drehen gab es ja keine Pläne, also habe ich mir immer, wenn gedreht wurde, hinterher gleich die Aufnahmen angesehen und eine Auswertung gemacht. Insgesamt hatten wir 45 Stunden Material. Die schwierigste Phase ist die vor dem Rohschnitt, wenn die Schnittmeisterin wissen will, wo wir schneiden. Beim Spielfilm passiert das schon bei der Bucharbeit."

Soll diese Langzeitdokumentation weitergeführt werden?
"Für mich ist erst einmal Schluss, ich werde mich nicht an dem Wettbewerb beteiligen, die allerlängste Langzeitdokumentation zu machen. Ich habe ein neues Projekt in Arbeit. Dabei bewege ich mich auf einem ähnlichen thematischen Gebiet, allerdings inszeniert. Da nach meinen Erfahrungen so wenig Geldgeber an Dokumentararbeiten mit Kindern und für Kinder interessiert sind, habe ich jetzt begonnen, ein Spielfilm-Projekt zu entwickeln, das auch in einem Internat spielt mit ähnlichen Problemen, wie wir sie mit Anne kennen lernten: ein 12-, 13-jähriges blindes Mädchen wohnt mit ihrer Freundin zusammen und begegnet durch Zufall einem Jungen von draußen. Glücklicherweise bekam ich eine Förderung vom Kuratorium junger deutscher Film, mein langjähriger Mentor Helmut Dziuba hat großes Interesse gezeigt und hat am Ende sogar mitgeschrieben und jetzt ist die erste Fassung da. Es soll ein Kinofilm für Kinder werden, den ich dann auch selbst inszenieren möchte."

Mit Bernd Sahling sprach Barbara Felsmann

 

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