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Ausgabe 83-3/2000

Porträt Majid Majidi

(Hintergrund zum Film DIE FARBE DES PARADIESES, zum Film DER VATER und zum Film HIMMELSKINDER)

Große Beachtung fand das "Regie-Porträt Majid Majidi" beim 18. Kinderfilmfest / Filmfest München (24.6.-1.7.2000) mit der Vorstellung von vier Filmen und einem in Kooperation mit dem Bundesverband Jugend und Film veranstalteten Seminar. Das Programm umfasste die Filme "Das letzte Dorf" (1993), "Der Vater" (1996), "Kinder des Himmels" (1997) und "Die Farbe des Paradieses" (1999); der ebenfalls anvisierte "Baduk" (1991), Majidis Spielfilmdebüt, konnte wegen technischer Probleme nicht rechtzeitig von Farabi Cinema nach München geschickt werden. Majid Majidi war Gast beim Kinderfilmfest und gab Einblick in sein Filmschaffen.

"Im Namen Gottes" steht noch vor dem Filmtitel in der Kopie seines neuesten Werkes "Die Farbe des Paradieses": Majid Majidi denkt und fühlt weniger in religiösen Kategorien als in reinen Vorstellungen von Idealismus, einer ständigen Annäherung an das Ideale. Kinder sind diesen Idealen am nächsten, weil sie frei sind von allen Mechanismen der Unwahrheit und Manipulation. Und wenn am Ende dieses Films der Vater seinen leblosen Sohn in den Armen hält, spürt auch er diesen Augenblick der Wahrheit, weil er eine schwierige und richtige Entscheidung getroffen hat. Das war so, als hätte Gott, der nichts anderes als eine Metapher für eine Art Instanz des Idealen ist, diesen Mann durch eine harte Prüfung geschickt.

Genug der Philosophie, die nur ein Aspekt der facettenreichen Kraft von Majid Majidis Filmen – und ebenso auch nur eine Seite seiner Person – ist. Der Iraner ist vor allem ein Mann, den eine kreative Neugier treibt und ein Wissensdurst auf die ursprünglichen, unverdorbenen Verhaltensweisen und die natürliche Ethik der Menschen unter besonderen Bedingungen oder auch in extremen Situationen motiviert. Er erzählt, wie er selbst sagt, von "normalen Menschen". Sozial sind sie der Mittelklasse und auch der ärmeren Schicht zuzuordnen, wo man das Miteinander ganz direkt und noch ohne etablierte Verlogenheiten praktiziert. Majidi braucht keine Spezialeffekte, weder für seine Filme noch für sich selbst. Ganz einfach: Menschen sind die Spezialeffekte dieses bemerkenswerten Iraners.

Kinderfilm – ein Begriff, der allzu leicht in der Gefahr ist, ghettoisiert zu werden im Sinne von niedlichen Geschichten für die ebenso niedlichen Kleinen. Filme, die uns Erwachsene nicht interessieren oder höchstens als elterliche Begleitperson, damit wir dem Kind notfalls die Augen zuhalten können, wenn etwas Schreckliches auf der Leinwand passiert. Das ist der Grund, weshalb Majid Majidi auch darauf besteht, dass seine Filme keine "Kinderfilme" sind. Für ihn sind Kinder keine unfertigen Wesen, sondern haben genauso eigene Gefühle, Gedanken, Meinungen, Handlungs- und Verhaltensweisen wie Erwachsene. Und so nehmen uns Majidis Filme immer mit auf eine Reise durch eine Zeit der Kindheit, die in das Erwachsensein führt.

In Teheran ist Majid Majidi 1959 geboren und mit vier Brüdern geboren, die alle "normale Berufe" haben, wie er es nennt. Nur er selbst ist die Ausnahme mit der kreativ künstlerischen Karriere. Und eigentlich erklärt er sich das so, dass er selbst nicht im landläufigen Sinne erwachsen geworden ist. "Ich habe das Gefühl, selbst noch ein Kind zu sein. Als kleiner Bub habe ich schon mit zwölf, dreizehn Jahren Theater gespielt. Das war eine schöne Zeit, an die ich mich gern erinnere. Ich glaube, das Theater hat mich so fasziniert, weil ich dort vieles ausdrücken konnte, was zu Hause nicht möglich war. Als Kind und auch noch als Jugendlicher hat man doch immer das Gefühl, sehr viel zu sagen zu haben. Und man kann es nicht loswerden bei den Erwachsenen, weil man spürt, dass sie einen nicht verstehen. Man langweilt sich mit ihnen."

Und so hat Majidi "Kinder des Himmels" gedreht, den Film, der seinem eigenen Leben am nächsten kommt. Auch er hat dieses enge Miteinander in der Familie erlebt, einer ist für den anderen da, setzt sich für den anderen ein, auch als Kind hat man teil an allem. Dieses Zusammengehörigkeitsgefühl, fürchtet er, geht heute mehr und mehr verloren. Auch im Iran. Denn die Materialisierung des täglichen Lebens, die Macht des Technischen haben auch dort bereits Einzug gehalten. Der Bezug zum Lebendigen geht für die Kinder heute mehr und mehr verloren. Majidi selbst hat eine 18-jährige Tochter und einen 13-jährigen Sohn. "Ich mache mir Sorgen", sagt er, "dass meine Kinder aufwachsen ohne das Gefühl für Verantwortung wirklich in seinem ganzen Umfang zu erfahren." Umso mehr freute er sich darüber, dass sein Sohn und dessen Freunde Kleidung und Schuhe einer Wohltätigkeitsorganisation spontan gespendet haben, nachdem sie "Kinder des Himmels" gesehen hatten.

Die Hoffnung hat Majidi glücklicherweise noch nicht ganz aufgegeben. Es ist auch wichtig für ihn, dass seine Kinder an seiner Filmarbeit teilnehmen: Er bespricht mit ihnen die Geschichten, die er erzählen will und probiert vor allem auch auf emotionaler Ebene die Themen aus, die ihn beschäftigen. So bleibt er mit der Welt der Kinder in ständigem Kontakt – erst zu Hause und dann auch außerhalb.

Für seinen Film "Die Farbe des Paradieses" hat er vor den Dreharbeiten ein Jahr mit den blinden Kindern gelebt, viel von ihnen gelernt, sich mit ihnen angefreundet. So waren dann die Filmarbeiten eine große Zeit der Freundschaft – fünf ganze Monate lang. Denn diese Kinder wurden – auch für Majidi eine neue Erfahrung – immer sehr schnell müde, so dass sie täglich nur wenige Stunden drehen konnten. Aber sie haben ihn mit eindrucksvoller Leinwand-Präsenz belohnt. Und durch ihn haben sie etwas Neues entdeckt: den Fluss und das Meer. Weder hatten sie bis zu diesem Film die Geräusche dieser Gewässer gehört noch waren sie jemals in solchen Wassern. Und Majidi wiederum hat etwas völlig Neues erfahren: die Sprache der Steine. Am Ufer des Flusses haben die blinden Kinder begonnen, die Steine zu "lesen", sie ertastet, sie in Buchstaben und Zahlen geordnet. "Wir haben vor, diese Sprache der Steine in Buchform zu veröffentlichen", sagt Majid Majidi. Man versteht, warum die Geschichten dieses Iraners die einzig wahren Reisen ins Erwachsensein sind – weil sie nie enden und wir nie aufhören, Kinder zu sein.

Frauke Hanck

 

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