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Ausgabe 90-2/2002

EINSCHNITTE

GLASSKÅR

Produktion: Paradox Produksion AS / Film i Väst; Norwegen / Schweden 2001 – Regie: Lars Berg – Buch: Harald Rosenløw Eeg, Lars Berg, nach dem gleichnamigen Kinderbuch von Harald Rosenløw Eeg – Kamera: Gaute Gunnari – Schnitt: Inge-Lise Langfeldt – Musik: Sverre Indris Joner – Darsteller: Eirik Evjen (Viktor), Jonas Lauritzsen (Ole Kristian), Martin Jonny Raaen Eidissen (Roger), Eirik Stigar (Amor), Kristine S. Gjertsen (Car), Lasse Kolsrud (Viktors Vater), Janne Kokkin (Viktors Mutter), Robert Skjærstad (Onkel Reidar) u. a. – Länge: 76 Min. – Farbe – Weltvertrieb noch offen – Altersempfehlung: ab 12 J.

"Einschnitte" ist der dritte Spielfilm des 1959 in Oslo geborenen Regisseurs Lars Berg. Mit seinem zweiten, "Maja Steingesicht", war er 1997 zum Kinderfilmfest der Berlinale eingeladen, 2000 wurde sein Kurzfilm "Der Teufel im Schrank" durch die Kinderjury mit dem Gläsernen Bären ausgezeichnet, und in diesem Jahr erlebte seine neueste Produktion nicht nur die Welturaufführung in Berlin, sondern war zudem auch noch Doppelpreisträger.

"Einschnitte" erzählt von dem schwierigen Prozess des Erwachsenwerdens in einer Familie, in der aus vermeintlicher Rücksichtnahme auf die Kinder Probleme totgeschwiegen werden. Im Mittelpunkt steht der 13-jährige Viktor. Zusammen mit seinen Freunden Roger und Amor gründet er eine Band. Die Jungen hoffen, so den Mädchen imponieren zu können. Besonders Amor ist unentwegt auf der Suche nach dem ersten Kuss. Aber auch Viktor möchte kein Kind mehr sein. Sein großes Vorbild ist der ältere Bruder Ole Kristian, der nicht nur richtig gut Eishockey spielen kann, sondern auch weiß, wie man mit Mädchen umgeht und vor nichts und niemandem Angst zu haben scheint. So wie er möchte Viktor einmal werden.

Eines Tages stellt sich nach einem Unfall heraus, dass Ole Kristian schwerkrank ist und – was Viktor noch viel mehr schockt – einen anderen Vater hat, nämlich den sogenannten Freund der Familie, Onkel Reidar. Mit seinen Eltern kann Viktor weder über Oles Krankheit noch über Reidar reden, selbst auf seine Fragen reagieren sie mit Schweigen oder mit Ausflüchten. So bekommt er erst durch einen Zufall heraus, dass sein Bruder Leukämie hat. Die Krankheit schweißt die beiden noch enger zusammen. Je schlechter es Ole Kristian geht, um so mehr muss der jüngere Bruder in die Rolle des Stärkeren wachsen. Viktor wird dessen engster Vertrauter und erfährt als erster, dass Oles Freundin Car ein Kind von ihm erwartet. Als Ole Kristian stirbt, findet Viktor die Kraft, mit dem Versteckspielen in seiner Familie Schluss zu machen.

"Einschnitte" wurde nicht zufällig von der Kinderjury sowie von der internationalen Fachjury ausgezeichnet, denn es ist ein Film, der Kinder bzw. Jugendliche und Erwachsene gleichermaßen angeht und berührt. Die Erzählperspektive bleibt konsequent bei Viktor. Einerseits ist er mit seiner Unerfahrenheit und seiner Naivität eben noch ein Kind, andererseits ist er – was Offenheit, Ehrlichkeit und Wahrhaftigkeit betrifft – den Erwachsenen haushoch überlegen. Dadurch wird die sehr ernsthafte und traurige Stimmung des Films immer wieder gebrochen. Das genaue Maß an ernsten und komischen Elementen ist es, was Gleichaltrigen die Möglichkeit gibt, sich mit Viktor zu identifizieren und Erwachsenen wiederum vor Augen führt, wann sie ihre Kinder unterfordern und wie sie durch ihre Unaufrichtigkeit deren Vertrauen verlieren. Überzeugend agiert dabei Eirik Evjen in der Rolle des Viktors, wunderbar auch Eirik Stigar als dessen Freund Amor.

Im Gegensatz dazu spielt Jonas Lauritzsen den älteren Bruder Ole Kristian etwas zu brav und später etwas zu leidend, sprich: insgesamt zu überzeichnet und ins Klischeehafte abrutschend. Das hängt sicher damit zusammen, dass dieser Film eigentlich zwei gleichstarke Geschichten erzählt, die an seiner Person festgemacht werden. So muss Ole Kristian nicht nur mit der Lüge seiner Eltern fertig werden, sondern sich mit seiner schweren Krankheit und der Angst vor dem Sterben auseinander setzen. Wahrscheinlich wäre es der Figur wie auch dem gesamten Film dienlicher gewesen, wenn man sich auf den Aspekt der "Familiengeheimnisse" konzentriert hätte. So hätte man auch den Beweggründen und den Ängsten der Eltern etwas mehr Raum geben können, denn die Frage, warum sie so befangen sind, interessiert Kinder und Jugendliche genauso stark. Es allein auf die Formel zu bringen, die Kinder schonen zu wollen, ist zu einfach, denn bei genauem Hinsehen wollen sich die Eltern meist selbst schonen, leben sie lieber mit einer schönen Lüge, als mit einer Wahrheit, die weh tut.

Alles in allem aber ist "Einschnitte" ein wichtiger, intensiver Film, der dem deutschen Publikum zugänglich gemacht werden sollte.

Barbara Felsmann

Zu diesem Film siehe auch:
KJK 90-2/2002 - Interview - "Ich sollte den Film Johnny Weissmuller widmen"

 

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