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Ausgabe 91-3/2002

LOVELY RITA

Produktion: coop filmproduktion / Prisma Film / Essential; Österreich 2001 – Regie und Buch: Jessica Hausner – Kamera: Martin Gschlacht – Schnitt: Karin Hartusch – Darsteller: Barbara Osika (Rita), Christopher Bauer (Fexi), Peter Fiala (Busfahrer), Wolfgang Kostal (Ritas Vater), Karina Brandlmayer (Ritas Mutter) u. a. – Länge: 80 Min. – Farbe – Verleih: Alamode – Altersempfehlung: ab 16 J.

Die 15-jährige Rita, die mit ihren Eltern am Stadtrand von Wien lebt, ist eine Außenseiterin. In der katholischen Schule fehlt sie oft, weil ihre Mitschüler sie belächeln und die Lehrer sie nicht mögen. Wenn ihre Eltern mit ihr nicht zurechtkommen, sperren sie das Mädchen einfach ein. Rita, die unter ihrer Einsamkeit leidet, bleibt hartnäckig in ihrem Bemühen, sie selbst zu sein und trotzdem ihrer Umwelt Zuneigung abzuringen. Erste erotische Annäherungsversuche mit dem 13-jährigen asthmatischen Nachbarsjungen Fexi gehen jedoch ebenso schief wie die mit einem biederen Busfahrer. Der aufgestaute Frust der Außenseiterin entlädt sich in einer nur schwer nachvollziehbaren Tat: Rita erschießt ihre Eltern.

Nach "Nordrand" von Barbara Albert und "Mein Stern" von Valeska Grisebach hat mit Jessica Hausner eine weitere junge Wiener Hochschulabsolventin gleich mit ihrem ersten langen Spielfilm eine faszinierende Milieustudie vorgelegt. In dem irritierend nüchternen Sozialdrama "Lovely Rita" schildert Jessica Hausner in präzisen, fast dokumentarisch wirkenden Beobachtungen die Irrungen und Wirrungen einer zunehmend isolierten Pubertierenden und hält die Zuschauer mit langen statischen Einstellungen und kargen Dialogen zum genauen Hinsehen an. In der präzisen Analyse des österreichischen Spießertums, der familiären Sprachlosigkeit und unkontrollierter Gewaltausbrüche erinnert die Milieustudie an Arbeiten von Michael Haneke.

Mit der Schülerin Barbara Osika hat die Regisseurin nach viermonatiger Suche in österreichischen Schulen eine Laiendarstellerin gefunden, die die Verstörung des pubertierenden Mädchens so authentisch und eindringlich auf die Leinwand bringt, dass es einen manchmal fröstelt. Mit ihrer kühlen Härte geht diese Figur noch über die Intensität der mörderischen Protagonistin in dem thematisch verwandten US-Drama "Willkommen im Tollhaus" von Todd Solondz hinaus.

In einem Interview hat Hausner die zentrale Außenseiterfigur als Platzhalter für das Thema Einsamkeit bezeichnet. Die Außenseiterin Rita trage wie die Helden ihrer beiden vorherigen Filme das Gefühl des Alleinseins in sich und darüber hinaus "die Sehnsucht, Kontakt aufzunehmen zu anderen Menschen und sich auszutauschen, jemandem nahe zu sein und Sympathie zu erfahren; manchmal gelingt das auch, aber eben nur kurz."

Irritierend wirkt insbesondere, dass die Regisseurin in ihrem kammerspielartigen Langfilmdebüt vordergründige Psychologisierungen oder simple Erklärungsversuche für die Katastrophe vermeidet. Die eher episodenartige Erzählweise verweigert sich überdies der klassischen entwicklungspsychologischen Dramatisierung. Gerade dadurch wirft diese bedrückende Teenager-Studie, die auf Video gedreht wurde und nur selten durch Momente schwarzen Humors aufgelockert wird, beim Publikum umso mehr Fragen auf und zwingt zum Nachdenken über die Frage, wie es so weit kommen konnte.

Reinhard Kleber

 

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KJK-Ausgabe 91/2002

 

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