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Ausgabe 91-3/2002

SPIRIT – DER WILDE MUSTANG

SPIRIT: STALLION OF THE CIMARRON

Produktion: DreamWorks; USA 2002 – Regie: Kelly Asbury, Lorna Cook – Buch: John Fusco – Schnitt: Nick Fletcher – Musik: Hans Zimmer, Bryan Adams (Anstelle von Adams singt in der deutsche Fassung Hartmut Engler von PUR) – Länge: 83 Min. – Farbe – FSK: o. A. – Verleih: UIP (35mm) – Alterseignung: ab 8 J.

Pferde, zumal jene im Wilden Westen, haben schon in vielen Realfilmen und Fernsehserien das Publikum begeistert, ob sie nun "Fury", "Mein Freund Flicka", "Black Beauty", "Champion", "King" (aus "Vilma und King"), "Smoky" oder "Tonka" hießen. Speziell bei den Spielfilmen war darunter so manches Rührstück, in dem die Pferde fürchterlich leiden mussten, ehe es ein Happy End unter gütigen Menschen oder in der freien Wildbahn gab.

Nun hat Jeffrey Katzenberg, der Ex-Disney-Produzent, mit "Spirit" diese Tradition aufgenommen. Spirit wächst zunächst unbekümmert in der amerikanischen Wildnis auf (Anklänge an "Bambi" sind hier zu erkennen), ehe er den ersten Menschen begegnet, die nichts Gutes mit ihm im Schilde führen. Spirit wird gefangen und an die Kavallerie verkauft. Es versteht sich von selbst, dass die Soldaten unter Leitung eines Colonel das Pferd zähmen wollen. Vergebens. Aber schließlich gelingt mit dem Indianer Little Creek Spirits Flucht. Und beim Indianerdorf naht das Happy End in Gestalt der Stute Rain, die Spirits Mustangherz im Nu erobert.

Ganz neu und überraschend ist die Story eigentlich nicht. Wenn es um die Erlebnisse wilder Pferde im Wilden Westen geht, noch dazu um Mustangs, die Menschen kennen, aber dennoch das Leben in freier Wildbahn genießen, dann fallen einem zunächst die Comic-Hefte um "Silver" ein, das Pferd des maskierten Westernhelden Lone Ranger. Sie sind aber nur ein Eckpunkt auf dem Weg zur Einschätzung von Spirit. Wesentlich deutlicher sind da schon einige Anklänge an den 1958 gedrehten Disney-Realfilm "Tonka", in dem es auch um ein Wildpferd geht, das zur Kavallerie kommt und in dem von Sal Mineo gespielten Indianerjungen Little Bull einen wahren Freund findet. (Tonka Wakan bedeutet "der Großartige" und er hat laut seinem jungen Indianerfreund Mut und Esprit, kurz er ist ein "big spirit", aber das nur nebenbei.) Der bei "Spirit" auftretende Colonel sieht übrigens dem Custer-Verschnitt im Disneyfilm verblüffend ähnlich.

Obwohl die Geschichte von "Tonka" einen anderen Hintergrund, eine andere Intention und einen anderen Verlauf hat, zeigt sie doch, dass man Pferdegeschichten im Wilden Westen durchaus auch als Realfilm drehen kann. Allerdings macht der Vergleich auch deutlich, dass der Realfilm früher weniger fantastische Möglichkeiten hatte als sie der Trickfilm bietet. Manche der Szenen von "Spirit" sind einfach zu gewaltig und in der Inszenierung zu gewagt, um sie in einem Realfilm riskieren zu können, bei dem der Tierschutzverein darüber wacht, dass keines der auftretenden Tiere zu Schaden kommt. Die riesigen, von unten gezeigten Sprünge über Abgründe sind so schön und elegant – und risikolos – in der freien Natur einfach nicht machbar, vor allem dann nicht, wenn die Szene womöglich wiederholt gedreht werden muss.

Allein bei Disney findet man auf Anhieb verschiedene Pferde als Handlungsträger, etwa das Pferd von Prinz Philipp in "Dornröschen und der Prinz", das Pferd in "101 Dalmatiner" oder das Pferd in der Disney-Version der Legende von "Sleepy Hollow". Die Liste ist wesentlich länger und widerlegt die Behauptung der "Spirit"-Macher, Pferde wären im Trickfilm noch nicht aufgetreten. Wichtiger als solches Gerede zur Abgrenzung gegenüber anderen Filmen ist nämlich allemal, dass man sich für "Spirit" eine Geschichte ausgedacht hat, die ein Gefühl für die Schönheit der Natur und die Einzigartigkeit des amerikanischen Kontinents vermitteln und ein Plädoyer für die Freiheit sein soll.

Das gelingt in der Kombination von herkömmlicher Zeichentechnik und Computeranimation, die in diesem Film praktisch nahtlos erfolgt. So erhält die Erzählung den Hauch von Frei- und Wildheit, den sein Titel-beseelender "Geist" benötigt. Das einzige Problem, das dieser Film bei aller modernen Geisteshaltung hat, ist wohl, dass die Handlung altmodisch ist und nur die alten Pferderührstücke in die moderne Zeit überträgt. Das ist vor allem auch deshalb ein Problem, weil die ganze Erzählung im ständigen Widerstreit zwischen dem angestrebten Realismus und der Zeichentricktechnik steht.

Der Film ist ambitioniert, optisch opulent und anspruchsvoll, aber gerade das ist auch seine Schwäche, weil er wegen der hohen Produktionskosten eigentlich ein so großes Publikum benötigen würde, wie er es verdient hätte. So schön der Film ist, er wird vermutlich wohl leider doch nicht auf Anhieb der erhoffte große Renner, aber er wird sich auf lange Sicht als einer der ambitionierteren, beseelteren und – auf Video und DVD – immer wieder empfohlenen und auch gern gesehenen Zeichentrickfilme etablieren, der auf seine Weise ein Klassiker ist, aber eben kein Disney-Klassiker.

Wolfgang J. Fuchs

 

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