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Ausgabe 91-3/2002

Porträt Ulf Stark

Eigene Kindheitsempfindungen als Quelle der Inspiration

(Hintergrund zum Film TSATSIKI – TINTENFISCH UND ERSTE KÜSSE, zum Film LASS DIE EISBÄREN TANZEN und zum Film SIXTEN)

Ulf Stark, Schriftsteller und Drehbuchautor aus dem Kinderfilmland Schweden (Jahrgang 1944) spricht in seinem neuen Buch "Mitt liv som Ulf" (Mein Leben als Ulf, 2001) erstmals über sich und seine Kindheit. Der Titel ist eine bewusste Anspielung an Reidar Jönssons Kindheitsschilderung "Mitt liv som hund", verfilmt von Lasse Hallström, ein internationaler Erfolg, der in Deutschland unter dem Titel "Mein Leben als Hund" 1985 ins Kino kam. "Mein Leben als Ulf" ist eine Sammlung autobiografischer Geschichten und Betrachtungen, die von Ulf Starks Kindheit, seinen "chaotischen" Jugendjahren und seinen ersten schriftstellerischen Versuchen erzählen. Damit wird klar, dass eigene Kindheitserinnerungen und -empfindungen eine Quelle der Inspiration darstellen. Der "Ulf" der Bücher und Filme ist immer so um die zehn Jahre alt, hat einen größeren Bruder (wie in "Percy"), einen netten Großvater (wie in "Kannst du pfeifen, Johanna?"), einen fürsorglichen Vater (wie in "Sixten"). Aber eine Mutter scheint es nicht zu geben. In "Sixten" hat sie den Vater verlassen, nur in "Als Papa mir das Weltall zeigte" erscheint sie kurz. So vermischt sich die Welt seiner Figuren mit der realen Lebenswelt des Autors.

Ulf Stark wuchs in dem südlichen Stockholmer Vorort Stureby heran. Dort hatte sein Vater Kurth eine Zahnarztpraxis im Haus der Familie, so dass der Junge zumindest räumlich seinem Vater immer nahe war. Aber ganz heile Welt war die Vater-Sohn-Beziehung nicht. Es erging dem jungen Ulf nicht anders als vielen anderen Kindern der damaligen Zeit. Ulf Stark: "Da lebt man in seiner ganzen Kindheit so dicht beieinander und kommt sich doch nicht näher. Das ist doch eigenartig." Aber auch in der Mentalität waren Vater und Sohn sehr verschieden. Der Vater war ein Mensch von festen Prinzipien und Regeln und die Praxis funktionierte nach eigenen Gesetzmäßigkeiten, die dem Jungen fremd blieben: "Mein Vater war ein Mensch, der in alles Ordnung und System bringen wollte." Wie viele Jungen versuchte auch Ulf Stark, den väterlichen Ansprüchen und Erwartungen zu entsprechen. Weil ihm das so schwer fiel, rettete er sich in großartige Lügen: "Ich log, damit wir eine fröhliche und glückliche Familie blieben."

Wenn Ulf Stark später in seinem schriftstellerischen Schaffen Vater-Sohn-Beziehungen problematisiert und etwa die verzweifelten Bemühungen eines Kindes um Annäherung an den unerreichbaren Vater oder an einen älteren Bruder schildert, dann spiegelt sich darin die Erinnerung an seine eigene Situation als Kind wieder. Ulf Stark bewunderte seinen größeren Bruder und sein nur selten erfüllter Wunsch war es, mit ihm und seinem Freund spielen zu dürfen. Und wenn dieser Wunsch mitunter in Erfüllung ging, dann war es nicht immer ein ungetrübtes Vergnügen für den kleinen Ulf.

Seine Erlebnisse Themen verarbeitete Ulf Stark literarisch, zum Beispiel in den Bilderbüchern "Storebrorsan" (Mein großer Bruder, 1995) und "Ensam med min bror" (Mit meinem Bruder allein, 2000). In "Min syster är en ängel" (Meine Schwester ist ein Engel, 1997) wird der reale Bruder durch die Wunschvorstellung einer Schwester ersetzt, die der Ich-Erzähler "Ulf" nie gekannt hat, weil sie schon im Mutterleib verstorben ist. Natürlich geht es in Ulf Starks Büchern nicht nur um Vater und Bruder, die ganze Welt seiner Kindheit spiegelt sich darin. All seine Kindheitsgeschichten handeln vor der Kulisse des kleinen Ortes Stureby, in dem er aufwuchs, fern der großen Stadt Stockholm, deren Nähe nur durch den nächtlichen Lichtschein am Abendhimmel sichtbar wurde. Die Atmosphäre des Lebens in dieser Gegend zu dieser Zeit kehrt wieder in den Büchern wie "Min vän Percys magiska gymnastikskor" (Mein Freund Percy, 2001) und "Min vän shejken i Stureby" (Mein Freund der Scheich in Stureby, 1995), die beide fürs Schwedische Fernsehen verfilmt wurden. Seine Bücher beschreiben und die Filme zeigen Welten, in denen "das Zuhause selbstverständlich die Basis war, die Bäckerei das Leben symbolisierte und die Kapelle des Altenheims für den Tod stand. Dazwischen gab es das Paradies, das Gebüsch mit kleinen Kletterbäumen".

Das örtliche Alten- und Pflegeheim bekam für Ulf Stark eine besondere Bedeutung. Der kleine Ulf las sehr viel und mit seiner lebhaften Phantasie wurde die Handlung der Bücher mitunter für ihn so lebendig, dass er sie als Realität begriff. So machte er sich nach der Lektüre von Astrid Lindgrens Kinderbuch "Rasmus und der Landstreicher" auf den Weg zum Altenheim, um einen der älteren Insassen als Oskar zu identifizieren. Damals muss Ulf Stark schon zwölf Jahre alt gewesen sein, denn das Buch erschien in Schweden erst 1956, ein Jahr nach der Verfilmung. Zu dieser Zeit lebte Ulf Stark größtenteils im Internat, einer feinen Privatschule, wie Stark es später benannte. Denn sein Vater hatte große Pläne mit dem Sprössling. Die Internatsschulzeit erlebte der Junge aber eher als Verbannung, wie er später sagte: "Diese Zeit bereitet mir immer noch Albträume." Er fühlte sich ausgeschlossen, nicht weil seine Mitschüler älter waren, sondern durch deren Standesdünkel. Die Knaben aus feinster Gesellschaft sahen auf den kleinen Vorstadtjungen herab.

Ulf Stark lebte lieber in der Phantasiewelt der Bücher, vertiefte sich in großartige Heldensagen, später las er mit Vorliebe Federico Garcia Lorca, Albert Camus und Dylan Thomas. Seine Schriftstellerlaufbahn begann mit kindlichen Gedichten und phantasievollen Schulaufsätzen, die Teenagerzeit hat Ulf Stark sehr humorvoll in "Inget trams" (Kein Quatsch, 1997) aufgearbeitet. Das bedeutendste Ereignis dieser Zeit war wohl eine Sprachreise nach England. Hier erlebte er seine erste große Liebe, die zugleich seine erste unglückliche wurde. Als Zwanzigjähriger debütierte er mit der Veröffentlichung einiger Gedichte. Ein weiterer Lyrikband und ein Roman für Erwachsene folgten. Nach eigenem Bekenntnis fühlte er sich schon selbst fast erwachsen. Erst später, als er wirklich erwachsen geworden war, kam ihm die nachdenkliche Erkenntnis, dass er damit vielleicht seine Kindheit und Jugend gedanklich allzu schnell übersprungen und verlassen hatte.

Neugierig erforschte er seine eigene Vergangenheit und stellte fest, dass noch vieles in ihm lebendig war und darauf wartete, verarbeitet zu werden. Er wusste noch – ähnlich wie Astrid Lindgren – wie Kinder denken, so dass er in der Lage war, kindliche Erlebnisse in kindgemäßer Sprache zu formulieren. Das war der Start für seine Karriere als Kinder- und Jugendbuchautor. Er begann mit "Leichtlesebüchern" für kleine Kinder. Es sollte noch fast zwanzig Jahre dauern, bis Ulf Stark in Schweden zum Starautor avancierte. Er beteiligte sich erfolgreich an einem Wettbewerb, ausgeschrieben von dem renommierten Bonniers-Verlag, der auf der Suche nach spannenden, phantasievollen und unterhaltsamen Kinderbüchern war, die den Lebensmut und die Lebensfreude stärken. Das genau war die Art von Kinder- und Jugendliteratur, die Ulf Stark sich vorstellte und zu der er mit seinem – 1984 preisgekrönten – Buch "Dårfinkar och dönickar" (Dummköpfe und Dumpfbacken) beitragen wollte: Bücher über das wahre Leben, um die Leser lebenstauglich zu machen – aber dieses ernsthafte Anliegen versteckt unter einer gehörigen Prise Humor und verrücktester Einfälle.

Ulf Stark ist davon überzeugt, dass "alles Schwierige mit Humor gesagt werden kann – auch wenn das nicht jeder kann". Er nutzt seinen Humor auch gern als Situationskomik, aber nie auf Kosten der Schwachen. "In der Wirklichkeit ist das zwar nicht immer so, aber der Humor lässt seine Opfer weich fallen." Darum behandelt Ulf Stark seine Figuren immer mit viel Liebe, denn das Credo seines Schaffens lautet: Für etwas so Unbegreifliches wie das Leben bedarf es ganz viel Liebe, und so entstehen "die übermütigsten Bücher über den Ernst des Lebens", wie es ein Kritiker treffend formulierte.

Hauke Lange-Fuchs

 

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