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Ausgabe 91-3/2002

"Bei einem guten Kinderfilm sollte man alle Fäden wieder zusammenbringen"

Gespräch mit Ulf Stark

(Interview zum Film TSATSIKI – TINTENFISCH UND ERSTE KÜSSE, zum Film LASS DIE EISBÄREN TANZEN und zum Film SIXTEN)

KJK: Der Kinderfilm ist mit Ihrem Namen verknüpft, wie kamen Sie zum Kinderfilm?
Ulf Stark: "Schon als Kind bin ich wahnsinnig gern ins Kino gegangen, das mache ich immer noch. Als ich klein war, gingen meine Eltern mit mir, und Mama hat immer so furchtbar gelacht im Film, dass Papa geschimpft hat. Später ging ich mit einem Mädchen ins Kino. Das war praktisch. So konnte ich neben der sitzen, die ich ganz toll fand, und einfach schweigen. Denn ich war ein schüchterner Junge."

Welches war Ihr erstes Filmerlebnis?
"Ein Disney-Film, ich glaube 'Bambi'. Aber das Erste, was mich überhaupt fasziniert hatte im bzw. am Kino war, dass das Licht ausgemacht wurde und man trotzdem was sehen konnte. Natürlich habe ich furchtbar viel geweint in 'Bambi' und ich weine immer noch im Kino. Vielleicht ist das mit ein Grund, warum ich Drehbücher schreibe für Filme, die große Gefühle auslösen."

In "Tsatsiki" gibt es zwei Happy Ends, ist das nicht ein bisschen zu viel des Guten?
"Natürlich hätte ich den Film auch in Griechenland enden lassen können, aber da es ein Kinderfilm ist, wollte ich alle Fäden wieder zusammenbringen. Deshalb das doppelte Happy End – das war doch gut, der Grieche (Tsatsikis leiblicher Vater) und der Göran (neuer sympathischer Freund der Mutter), in unserem eigenen Leben wollen wir doch auch ganz viele Happy Ends haben. Warum nicht auch im Kinderfilm?"

Filme wie "Sixten", "Lass die Eisbären tanzen", "Tsatsiki" berühren Kinder wie Erwachsene durch ihre Wahrhaftigkeit und auch durch unaufgeregte und deshalb tiefgehende Inszenierungen – auch ein Verdienst des Drehbuchautors Ulf Stark?
"Meine Filme haben kein schnelles Tempo, denn die Dinge sollen sich langsam entwickeln. Ich möchte, dass die Filme kontemplativer sind, dass die Kinder Zeit haben, ihre eigenen Empfindungen mitlaufen zu lassen, dass sie nicht überfallen werden von den Bildern. Im Gegensatz zu den kommerziellen amerikanischen Filmen ist es doch so, dass man leicht die Qualität des Films erhöhen kann, indem man das Tempo vermindert. Wenn ich meine Drehbücher schreibe, denke ich dabei – eher wie in der Musik – in Passagen. Passagen lösen sich ab, es gibt einen Bogen in der Bildersprache und dadurch wird das Tempo bestimmt. Ich schreibe es mit hinein. Das Problem sind die ersten zehn Minuten. Der Einstieg ist das Wichtigste. Wenn man einmal drin ist, vergisst man die Zeit. Zeit ist dann Filmzeit. Das gilt ebenso für ein gutes Buch. Es ist auch nicht so wichtig, dass man alles versteht. Kinder sind es sowieso gewohnt, nicht alles zu verstehen ..."

Das heißt also: Ulf Stark ist der Komponist, der Regisseur dann der Dirigent ... Nehmen Sie Einfluss auf die Regisseure?
"Das kommt auf den Regisseur an. Die meisten Filme mache ich mit Rumle Hammerich. Ich mache Vorschläge, der Regisseur nimmt sie an – oder nicht. Am Ende jedenfalls sitzen Drehbuchautor und Regisseur am Manuskript, gehen es Seite für Seite durch und reden über alles."

Sind Sie bei den Dreharbeiten dabei?
"Ich würde das gern machen, aber ich traue mich nicht, weil ich glaube, dass es die Regisseure stört."

Mehrere Ihrer Verfilmungen waren Debütspielfilme der jeweiligen Regisseure, zum Beispiel Catti Edfeldt mit "Sixten", Birger Larsen mit "Lass die Eisbären tanzen" oder Harald Hamrell mit "Eine Hexe in unserer Familie" – Zufall oder Absicht?
"Es könnte in der Tat so sein, dass die Produzenten für Debütanten einen erfahrenen Drehbuchschreiber bestimmen. Ich habe viele Preise für meine Regisseure gewonnen! (Das sagt er mit sanfter Ironie.) Manchmal werden ja die Drehbuchautoren nicht einmal erwähnt. Umso schöner die Broschüre zur Werkschau – denn so groß habe ich meinen Namen noch nie gelesen ..."

Jeder Autor schreibt sich selbst – in welchem Film sind Sie am meisten Sie selbst?
"Jeder Film zeigt eine neue Seite von mir, in jedem Film suche ich neue Seiten an mir selbst. Aber da ich die Filme ja nicht allein mache, bin nicht nur ich darin, sondern auch alle anderen Beteiligten. Doch 'Kannst du pfeifen Johanna' ist mir am nächsten. Ich bin Ulf (in der deutschen Synchronisation Uffe).

Ulf Stark-Geschichten spielen meist in der Lebenswirklichkeit der Kinder von heute. Besonders beeindruckend der Film "Sixten".
"Das Problem bei 'Sixten' und überhaupt ist: Kinder sind meist klüger als Erwachsene denken. Sixten wünscht sich eine Frau für seinen Vater, weil er nicht mehr länger die Verantwortung für ihn tragen will. Es ist ein Befreiungsfilm! Ich wundere mich, dass 'Tsatsiki' so erfolgreich ist. Sixten ist ein mindestens ebenso guter Film."

Worauf beruhen Ihre Bücher?
"Auf eigenen Kindheitserfahrungen und -empfindungen. Wenn man selbst Kinder bekommt (seine eigenen sind heute 23 und 21 Jahre, ein 17-jähriger ist dazugekommen) wird man ja nochmals mit der eigenen Kindheit konfrontiert, kollidiert auch ständig mit ihr. Und wenn man als Erwachsener Kinderfilme schaut, sieht man möglicherweise sich selbst. Man identifiziert sich sicher mehr mit dem Kind als mit den Erwachsenen im Kinderfilm. Kinderfilme sind viel direkter als Erwachsenenfilme, weil sie direkt etwas in uns berühren, etwas Ungeschütztes."

Schreiben Sie an einem neuen Buch?
"Ja, und auch an einem neuen Drehbuch anlässlich des 200. Geburtstages von Hans Christian Andersen, eine biografische Geschichte, die Andersen im Alter zwischen vierzehn und zwanzig Jahren zeigt, ein Straßenjunge in Kopenhagen, der versucht das Bürgertum zu verführen mit seinen Künsten – eigentlich ein früher Popstar ..."

Und was für ein Buch?
"Ein Zwischending zwischen 'Puh, der Bär' und 'Warten auf Godot', ein Roman mit eigenen Tusche-Zeichnungen."

Können Sie das?
"Nein, aber es ist mein großes Interesse zu zeichnen."

Wo und wie schreiben Sie?
"Zu Hause oder irgendwo anders – ich kann überall schreiben. Und wenn ich schreibe, schreibe ich es gleich richtig. Skizzen und Notizen, das ist nicht meine Sache, ich finde es besser, gleich ernst zu machen mit dem Schreiben."

Nun noch eine grundsätzliche Frage: Welches sind Ihre Kriterien für einen guten Kinderfilm?
"Es ist ein bisschen das Problem – was ist ein gutes Buch, was eine gute Geschichte? Ich habe fünfhundert Filme gesehen, die ich alle gut fand, zwanzig davon unglaublich gut. Was ist das Gemeinsame? Dass sie nichts gemeinsam haben, dass jeder für sich auf eine eigene, ganz persönliche Weise gut ist. Man muss etwas erzählen wollen. Es müssen echte Gefühle da sein. Ein Film soll sich nicht an Kinder 'ranschmeißen', sich nicht augenzwinkernd anbiedern. Und man soll natürlich genauso viel Geld für Kinderfilme ausgeben dürfen wie für Erwachsenenfilme. Es ist manchmal wesentlich teurer Kinderfilme zu machen, weil man mit den Kindern keine professionellen Schauspieler hat und viel wiederholen muss. Ein Merkmal für den guten Kinderfilm ist auch: Man kann ihn sich immer wieder anschauen."

Mit Ulf Stark sprachen Gudrun Lukasz-Aden und Christel Strobel

 

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