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Ausgabe 95-3/2003

"Für mich ist es ein Geschenk, mit Amateuren zu arbeiten"

Gespräch mit Pia Bovin, Regisseurin und Co-Autorin des Films "Nenn mich einfach Axel"

(Interview zum Film NENN MICH EINFACH AXEL)

Axel, 10, will Muslim werden, um zu den coolen Jungs in der Nachbarschaft zu gehören. Mit zunehmendem Eifer verfolgt er sein Ziel, während sich Mutter und Schwester über Achmed, wie Axel hinfort genannt werden will, lustig machen. Am Ende dieses turbulenten, witzigen Films hat Axel es geschafft, nicht nur neue Freunde, sondern auch seine Selbstsicherheit zurück zu gewinnen. Wir sprachen mit Pia Bovin nach der Eröffnungsvorstellung des Münchner Kinderfilmfests am 28. Juni 2003.

KJK: Woher kam die Idee zu diesem ungewöhnlichen Filmthema?
Pia Bovin: "Meine Tochter ging mit einem Jungen in eine Klasse, der zum Islam konvertierte als er elf Jahre alt war. Das war der Anstoß, aber es ist nicht seine Geschichte. Ich wollte einen realistischen Film im Dänemark von heute machen, wo man sieht, wie die Menschen zusammenleben."

Sie sagen, Sie wollten einen realistischen Film machen. Er ist aber auch sehr idealistisch.
"Das Hauptthema war, eine gute Geschichte für Kinder zu erzählen, denn sie sollen sehen, dass es sehr verschiedene gesellschaftliche Schichten gibt. In meiner Geschichte ist etwas sichtbar und vieles unsichtbar."

Erst die Idee – dann die Recherche?
"Ja, denn es ist schwierig, zwei Kulturen (die islamistische und die christliche) zusammen zu mixen. Ich entwickle die Geschichten gern selbst, habe Ideen und Phantasie. Schreiben kann sie jemand anders."

Ein Stoff für Kinder, war das ein neues Terrain für Sie?
"Nein, alle meine Geschichten haben mit Kindern zu tun. Überall kommen Kinder vor, das ist doch nichts Negatives, oder?"

War die Arbeit mit Kindern etwas Besonderes für Sie?
"Man erwartet ja nicht, dass Kinder wie Erwachsene spielen. Sie sind sich ihres Spiels nicht bewusst, im Gegensatz zu professionellen Schauspielern. Deshalb war es mir wichtig, dass die Kinder nicht Schauspieler sind. Ich bin der Meinung, dass Kinder mit Filmerfahrung Augen wie Erwachsene haben – man sieht es ihnen an. Für mich ist es ein Geschenk, mit Amateuren zu arbeiten, die Stimmung ist gut, die Kinder sind engagiert dabei. Es ist nicht so wichtig, einen Satz richtig zu sagen, es ist wichtig, richtig zu sein. Die Film-Eltern von Annika und Axel sind Profischauspieler, die Kinder und die muslimische Familie nicht."

Woher kommt die muslimische Großfamilie im Film?
"Es sind zwei muslimische Familien, die in Kopenhagen leben. Ich erzählte ihnen von der Story, war sehr nah an ihnen dran, arbeitete mit ihnen zusammen."

Wie hoch ist der muslimische Bevölkerungsanteil in Kopenhagen?
"Das weiß ich nicht genau, es sind nicht so viele."

Wie lange dauerte es, bis aus der Idee ein Drehbuch wurde?
"Die Idee war in zwei Tagen zu Papier gebracht. Es war kein fertiges Drehbuch. Wenn nicht viel Geld da ist, muss es schnell gehen. In dem Sinne gab es also kein Drehbuch, aber ein Manuskript. Das Wichtigste war geschrieben, viel entstand beim Drehen. Da es beispielsweise meinen muslimischen Darstellern zu langweilig war, immer dasselbe zu wiederholen, improvisierten sie. Und wenn sie in ihrer Sprache redeten, verstanden wir nichts, genauso wenig wie der Zuschauer, denn diese Passagen wurden nicht übersetzt."

Woher kommt Axel?
"Durch eine Casting-Anzeige in der Zeitung. Erst zwei Tage vor Drehbeginn wurde der zehnjährige Adam Gilbert Jerspersen gefunden!"

Der Name Bovin taucht in den Credits mehrmals auf ...
"Ja, meine Tochter Pia, 16, spielt Axels Schwester, und meine jüngere, 10, ist bei einer der Mädchengruppen auf der Bühne im Freizeitheim."

Welche Rolle hat der Hund im Film?
"Er ist ein Flüchtling, ein Illegaler, den keiner haben will. Die Kinder wollen ihm helfen. Es gab verschiedene Geschichten, die ich mixen wollte, die Siedlung, die Häuser – jeder macht seinen Weg zwischen den Häusern."

Wir lernen ja drei Familien kennen, Fatimas, Axels und Annikas – Familien mit speziellen Eigenheiten.
"Du kannst in ein Haus mit fünf Parteien gehen und überall ist es verschieden. Ich habe zwei Jahre in einer solchen Siedlung gelebt."

Fatima und Annika gewinnen beim Wettbewerb den zweiten Preis, obwohl sich alle Kinder wünschen, dass sie Erste werden.
"Es war mir sehr wichtig, sie nicht gewinnen zu lassen. Ich hatte die Diskussion mit dem Produzenten, denn Kinder lieben es natürlich zu gewinnen. Ich sagte, nein, no way, es muss glaubwürdig sein. Der zweite Platz ist doch kein Unglück und ich habe den Film nicht für die letzten fünf Minuten gemacht, in denen die Entscheidung des Wettbewerbs fällt. Die Mädchen sind auch ohne den ersten Preis zufrieden und Axel hat auch ohne Sieg hinzugewonnen, hat sich solidarisch verhalten, hat seine Fehler wieder gutgemacht."

Axel ist ja nicht gerade das, was man sich unter einem netten Jungen vorstellt. Er kümmert sich weder um den Hund noch um den gemeinsamen Auftritt, überlässt den Mädchen alle Verantwortung.
"Es ging mir um die Komplexität, die alle Menschen haben, auch Kinder. Die sind nicht nur immer nett und freundlich, sondern auch egoistisch und unsolidarisch. Wie Axel, der seine Freunde manipuliert, um etwas zu erreichen."

Wie können Sie sich so gut in einen kleinen Jungen hineinversetzen?
"Axel – das bin ich selbst. Sein Charakter ist fast identisch mit meinem!"

Viel ist mit der Handkamera gedreht worden – warum?
"Es war die Idee, dass der Film die Realität zeigt und nicht nur schöne Arrangements. Realismus macht man besser mit der Handkamera. Sowieso: Wenn es um Kinder geht, ist es besser, die Kamera folgt den Kindern und nicht umgekehrt."

Wurde in einer echten Moschee gedreht?
"Ja, das war kein Problem. Wir hatten eine enge Zusammenarbeit mit dem Imam. Er hat das Skript gelesen und wusste, was ich machen will. Zu Beginn war er etwas ängstlich. Aber dann war er zufrieden."

Spielt der Imam sich selbst?
"Nein, es ist ein Schauspieler. Der echte Imam ist sehr nett, offen und humorvoll, aber er war zu beschäftigt, um im Film mitzuwirken."

Was hat der Imam zu der Szene gesagt, in der Axels Mutter und Schwester sich über Axel lustig machen, Kopftücher tragen und Gebete gen Mekka senden?
"Er und auch die anderen Muslime haben darüber gelacht, fanden es lustig. Der Produzent nicht, der hatte ein wenig Angst wegen 'political correctness' und so. Es geht ja im Film auch um Axels Familie, die sogar für dänische Verhältnisse etwas verrückt ist. Und im Film ist klar, für Axel ist es eine neue Marotte – erst Superman, dann Muslim."

Wie lange wurde gedreht?
"Sechseinhalb Wochen."

Wie hoch waren die Kosten für Ihren Film?
"Ungefähr eine Million Euro."

Hatte der Film Erfolg in Dänemark?
"Er war vier Monate im Kino zu sehen, aber er lief nicht besonders gut, obwohl er gute Kritiken hatte. Das Thema war nach dem 11. September ein bisschen tabu."

Hat sich nach dem Regierungswechsel die Kinosituation in Dänemark verändert?
"Schon seit Dogma hat sich vieles verändert. Du kannst Filme machen oder Movies, aber du musst beides, eine gute Geschichte erzählen und Geld machen. Auch bei uns wollen alle Hits, denken nur ans Geld, aber wir dürfen nicht aufgeben. Wir müssen die dänische Filmlandschaft beschützen, sie nicht im Kommerziellen untergehen lassen. Ich lasse mich nicht verbiegen, werde weiter für meine Projekte kämpfen."

Interview: Gudrun Lukasz-Aden / Christel Strobel

Pia Bovin, Jahrgang 1963, studierte Regie an der Filmhochschule Kopenhagen. Während des Studiums drehte sie zwei Kurzspielfilme, danach arbeitete sie für den dänischen Fernsehsender TV2, u. a. drehte sie 30 Episoden für die Serie "Hotellet". "Nenn mich einfach Axel" ist ihr Debüt als Spielfilmregisseurin.

 

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