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Ausgabe 98-2/2004

JARGO

Produktion: Ö-Film, Löprich & Schlösser, in Koproduktion mit X-Filme, Berlin / WDR, Köln / RBB, Potsdam; Deutschland 2003 – Regie und Buch: Maria Solrun – Kamera: Birgit Gudjonsdottir – Schnitt: Uta Schmidt – Musik: Henning Rabe – Darsteller: Constantin von Jascheroff (Jargo), Nora von Waldstätten (Mona), Oktay Özdemir (Kamil), Josefine Preuß (Emilia), Udo Kier (Jargos Vater), Marc Hosemann (Jan Janowitz), Ulrich Noethen (Schuldirektor), Eladio Pamaran (Ying), Joel Olano (Yang) u. a. – Länge: 90 Min. – Farbe, 35mm – Verleih: noch offen – Altersempfehlung: ab 14 J.

Was soll man schon von einem Film erwarten, der mit dem Ende anfängt, um dann die Handlung in einer Rückblende zu erzählen. Das ist schon die erste Falle, in die Autorin und Regisseurin Maria Solrun die Zuschauer tappen lässt, denn das angekündigte böse Ende der Geschichte ist gar nicht der echte Schluss des Films. Vor allem ist dies ein Jugendfilm übers Fremdsein eines deutschen Arabers und eines türkischen Deutschen, über die Liebe, über Verrat und über die Schwierigkeiten, erwachsen zu werden. Bald wird Jargo sechzehn und zu seinem Geburtstag will er vor allem eins: endlich ein Mann werden. Denn sein Vater, der sich in Saudi-Arabien in den Selbstmord stürzte, hat seinem Sohn eine Lebenslosung mitgegeben: "Mit 16 musst du ein Mann sein."

Das ist leichter gesagt als getan, denn Jargo, der in Saudi-Arabien aufgewachsen ist, landet unmittelbar in einer Berliner Trabantenstadt. Jargo fühlt sich in Deutschland fremd und ausgeschlossen. Er muss sich zurechtfinden, doch andere Länder, andere Sitten: Wallende Rockgewänder gehören in mitteleuropäischen Breiten nicht unbedingt zur typischen Bekleidung für Jungs. Er vermisst seine vertraute Umgebung und sehnt sich nach wärmender Sonne. Emilia, ein Mädchen aus seinem Haus im Märkischen Viertel, findet Gefallen an diesem neuen Jungen. Sie zeigt ihm offen, dass sie sich zu ihm hingezogen fühlt, aber das merkt Jargo (noch) nicht, denn bei einem nächtlichen Discobesuch lernt er die geheimnisvolle Mona kennen und verliebt sich in sie. Zu seinem Glück trifft er bald auf den coolen Kamil, einen türkischen Deutschen, der weiß immer, wo es langgeht – bei den Mädchen und auch sonst.

Die beiden werden richtig dicke Freunde und planen ihren ersten gemeinsamen Coup: einen Einbruch bei den Filipinos der Zigarettenmafia. Schwierig wird die Sache, als Jargo erfahren muss, dass ausgerechnet Mona auch die große Liebe seines neuen Freundes Kamil ist. Und da dies "eine Geschichte von Liebe und Verrat" ist, hat Jargo trotzdem Sex mit der Freundin des besten Freundes, denn die Gefühle sind stärker als jede Vernunft. Und dann kommen auch noch Drogen ins Spiel, denn die abhängige Mona erpresst Jargo und benutzt ihn als Drogenkurier. Kamil, der Drogen verabscheut und nicht möchte, dass Mona wieder abhängig wird, wird doppelt betrogen und rächt sich. Rasend vor Eifersucht lässt er Jargo in eine Falle laufen ...

"Jargo" ist ein Film voller Überraschungen: "Mit 16 musst du ein Mann sein" wird nicht nur behauptet, sondern auch gesungen – das ist schon ziemlich schräg; so schräg wie der aus HipHop, Rap und Türk-Pop gemixte Soundtrack. Noch abgedrehter ist da nur Jargos toter Vater, der sich ständig ins Leben seines Sohnes einmischt: Er ist in allen Krisensituationen zur Stelle und hat auch Ratschläge parat, ob das allerdings immer die besten sind, bleibt zweifelhaft. Udo Kier spielt diesen Geist herrlich abgehoben, als käme er wirklich aus einer anderen Welt. Ausgerechnet der tote Vater ist so ziemlich der einzige Erwachsene, der in diesem Film auftaucht. Da ist Jargos Mutter, die der Zuschauer ebenso nicht zu sehen bekommt wie die Eltern von Mona oder Kamil. Und auf dem Schulhof ist zwar ein Lehrer zugegen, doch den gibt es auch nur in Rückenansicht. Maria Solrun hat mit ihrem ersten langen Spielfilm fast einen Jugendfilm in Reinkultur gedreht: Er konzentriert sich auf seine vier Protagonisten, Erwachsene spielen in diesem Drama keine Rolle. Es sei denn indirekt, in dem sie wie Monas Eltern einen Hausarrest verfügen.

Ein unwahrscheinlich witziger Film ist "Jargo", weil die kulturellen Gegensätze und daraus resultierende Probleme zwar vorhanden sind, aber ständig mit Augenzwinkern und starken Sprüchen überspielt werden. Geradezu rührend wird es, wenn Jargo so cool sein möchte wie sein Freund Kamil: Da sitzen sie mal wieder gemeinsam im Auto und Jargo gibt einen Rap zum Besten, da hat er lange dran geübt, aber keiner wird eben von heute auf morgen so cool wie Kamil, der die Vorstellung mit einem Lächeln aus Hilflosigkeit und Anerkennung quittiert. Das junge, unverbrauchte, aber ungeheuer talentierte Quartett der Schauspieler balanciert überzeugend zwischen Gefühlen und Coolness – absoluter Star des Ensembles ist Oktay Özdemir als Kamil.

Regisseurin Maria Solrun hat zudem die Grenzen ihrer jungen Darsteller klar erkannt und so zum Beispiel für die Liebesszene zwischen Constantin von Jascheroff und Nora von Waldstätten im Gebüsch eine glaubhafte Lösung gefunden: Ihre Körper sind mit fluoreszierenden Farben angemalt, so wird der erste Sex zu einem aufregenden Farbenspiel. Insgesamt agieren die Jungs unverschämter als die Mädchen. Und Josefine Preuß als Emilia, obwohl sie eine stille Beobachterin ist, die ihr Ziel nicht aus den Augen verliert, wirkt verführerischer als Mona, die so gerne ein Vamp wäre. "Jargo" ist ganz starkes Kino: Der Film kreist um die Alltagssituation junger Leute, ist nah an der Realität einer Jugend zwischen den Kulturen und trotz seiner dramatischen Geschichte ein Berlin-Film mit witzigen Dialogen und Raps. Intensiv und unterhaltsam vermittelt "Jargo" sehr eindringlich das Lebensgefühl dieser Jugendlichen. Und das ist viel, viel mehr, als man von einem Film erwarten kann, der mit dem (vermeintlichen) Ende anfängt.

Manfred Hobsch

Zu diesem Film siehe auch:
KJK 98-2/2004 - Interview - "Wenn es um Liebe und Freundschaften geht, spielt die Herkunft keine Rolle"

 

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