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Ausgabe 98-2/2004

DIE RÜCKKEHR

WOSWRASCHTSCHENIJE

Produktion: REN FILM; Russland 2003 – Regie: Andrej Swjaginzew – Buch: Wladimir Moisejenko, Alexander Nowotozkij – Kamera: Michail Kritschman – Schnitt: Wladimir Moguljewskij – Musik: Andrej Dergatschew – Darsteller: Wladimir Garin (Andrej), Iwan Dobronrawow (Iwan), Konstantin Lawronjenko (Vater), Natalija Wdowina (Mutter) u. a. – Länge: 106 Min. – Farbe – FSK: ab 6 – Verleih: Movienet (35mm) – Altersempfehlung: ab 12 J.

Die Brüder Iwan (12) und Andrej (14) hängen mit Freunden rum, beweisen ihren Mut mit Sprüngen von einem Aussichtsturm ins kalte Wasser. Iwan bleibt als Letzter oben, friert und kann sich nicht überwinden. So findet ihn seine Mutter, nimmt ihn in den Arm und tröstet ihn mit den Worten: "Ich werde es niemandem erzählen." Doch für die anderen ist er ein Feigling und als sein Bruder ihm das ins Gesicht sagt, rastet Iwan aus. Atemlos kommen sie zu Hause an, treffen auf ihre Mutter, die gedankenverloren vor der Tür steht und raucht. Sie mahnt die Jungen zur Ruhe, weil "er" schläft. Wer? Der Vater, der zehn Jahre nichts von sich hat hören lassen. Der ältere Andrej ist von Anfang an fasziniert von dem durchtrainierten Kerl mit dem Auto vor der Tür, nennt ihn bereitwillig "Papa". Iwan hingegen geht auf Distanz zu dem Fremden, dem er nicht traut.

Der Vater nimmt die beiden Jungen mit auf einen Angelausflug. Als die Fische gut beißen, drängt er zum Aufbruch. Überhaupt scheint er getrieben, ist sprunghaft in seinen Entscheidungen, ohne Rücksicht auf die Söhne, appelliert einerseits an ihre Eigenverantwortung, fordert andererseits unbedingten Gehorsam. Andrej findet's spannend, Iwan wird immer zorniger, will vom Vater wissen, wofür er sie jetzt, nach zehn Jahren, auf einmal braucht. Doch bevor der Sinn dieses dramatischen Unternehmens, das auf einer menschenleeren Insel immer mehr zu einem Überlebenstraining wird, klar werden könnte, spitzt sich die Vater-Söhne-Beziehung zu. Selbst Andrejs Zuneigung scheitert an der autoritären Härte und Iwan schreit den Vater verzweifelt an: "Ich könnte dich lieben, wenn du anders wärst, aber ich hasse dich!" Die Geschichte eskaliert, endet mit einem tödlichen Unfall des Vaters in dem Moment, als er mit väterlichem Beschützerinstinkt Iwan aus schwindelnder Höhe retten will.

Für sein Spielfilmdebüt erhielt der 1964 in Nowosibirsk geborene Regisseur Andrej Swaginzew 2003 den Goldenen Löwen in Venedig und viele weitere internationale Auszeichnungen. Als 18-Jähriger sah er in seiner Heimatstadt eine Tarkowski-Retrospektive, was seinen beruflichen Werdegang bestimmte. Er war "tief erschüttert über das Menschliche, das bei Tarkowski so stark hervortritt". Und dieses tiefe Menschliche in seinem archaischen Vater-Sohn-Drama, inszeniert mit der Absicht, "das Herz der Väter zu den Söhnen und das Herz der Söhne zu den Vätern zu bekehren", zieht alle in Bann. Der Film lässt mehrere Deutungen zu, ist eine Parabel auf die entwurzelte russische Gesellschaft, ohne Verbindung zur Vergangenheit und ohne Perspektive für eine Zukunft. In diesem Niemandsland suchen Iwan und Andrej ihren Weg zu dem unbekannten Vater, dem Iwan alles Schlechte zutraut.

"Die Rückkehr" ist eine beeindruckende, immer dichter werdende Inszenierung, mit einer stringenten Dramaturgie, konzentriert auf das Wesentliche: Der letzte Blick auf den toten Vater im Boot nimmt den ersten Blick der Söhne auf den schlafenden Vater im Bett wieder auf. Auch das Motiv des Turms wiederholt sich an entscheidender Stelle. Sieben Tage liegen dazwischen – eine Woche, die die Gefühlswelt der Jungen radikal verändert, in der sie für ihr ganzes Leben dazugelernt haben. Erst nach dem Tod des Vaters schließen die Söhne Frieden, entwickeln ungeahnte Kräfte, um von ihm in Würde Abschied nehmen zu können. Und erst jetzt kann Iwan aus tiefstem Herzen "Papa" über die Stille des riesigen Sees rufen. Die nordrussische Landschaft am Ladogasee, die unberührte Natur, bildet auch eine Projektionsfläche für Wünsche und Träume, von denen Andrejs Schwarzweiß-Fotos im Abspann des Films zeugen – ein poetischer Ausklang, der Hoffnung vermittelt.

Gudrun Lukasz-Aden / Christel Strobel

 

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