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Ausgabe 98-2/2004

"Wenn es um Liebe und Freundschaften geht, spielt die Herkunft keine Rolle"

Gespräch mit Autorin und Regisseurin Maria Solrun zu ihrem Film "Jargo"

(Interview zum Film JARGO)

Maria Solrun wurde am 1. August 1965 in Reykjavik, Island, geboren. Von 1985 bis 1989 war sie als Regie- und Produktionsassistentin in Island tätig, studierte von 1988 bis 1995 Filmwissenschaft, Kunstgeschichte und Politologie an der FU Berlin. 1995 und 1996 arbeitete sie bei der Marko Röhr Produktion und für das Finnische Fernsehen (YLE) in Island und studierte 1997 und 1998 an der Drehbuchakademie der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin (DFFB). Seit 1998 ist Maria Solrun dramaturgische Beraterin und seit 2000 Mitglied der Bewerbungsjury an der Drehbuchakademie/DFFB. Nach den vier Kurzfilmen "Oh Bodo" (1993), "Fall Fässler" (1994), "Zwei Mädchen im Krieg" (1995) und "Dive into Earth's Crust" (1998) ist "Jargo" ihr Spielfilmdebüt. Für die beiden Fernsehfilme "Autsch, du fröhliche" (2000), eine Weihnachtskomödie gegen die Auflösung einer Familie, und "Wie kriege ich meine Mutter groß" (2002), eine "Bella Martha"-Variante mit Katja Flint, hat sie die Drehbücher geschrieben.

KJK: Wenn ich Ihren Film "Jargo" als "schräg" bezeichne, empfinden Sie das dann als ein Kompliment? Wollten Sie einen schrägen Film inszenieren?
Maria Solrun: "Als Kompliment schon. Mein Ziel war es, ein großes Publikum zu erreichen, aber es dabei in einem ganz persönlichen Stil umzusetzen. Ich habe nicht in erster Linie versucht, einen schrägen Film zu machen."

Eigentlich mag ich keine Filme, die mit dem Ende anfangen und dann zurückblenden, um ihre Geschichte zu erzählen, weil man dann als Zuschauer schon weiß, wie es ausgeht. Dass es am Ende bei Ihrem Film "Jargo" doch ein bisschen anders ist, konnte ich am Anfang nicht wissen. Warum haben Sie die Form der Rückblende gewählt?
"Ich wollte die Leute fesseln, ich wollte sie sofort auf eine böse Erwartung einstimmen, denn der Film fängt wie eine Komödie an. Der Zuschauer könnte auch schnell der Meinung sein, dass dies nur wieder so ein Teeniefilm ist, denn alles wirkt nur so leicht und lustig. Deshalb sollten die Leute von vornherein wissen, es wird etwas Böses passieren."

Das Lebensmotto für Jargo ist: "Wenn du 16 bist, musst du ein Mann sein". Muss man das wirklich?
"Nee, das muss man nicht, aber das ist ein verdammt guter Anfang. Meiner Meinung nach sind die Menschen in Mitteleuropa zu lange Kinder, sie leben viel zu behütet. Besonders für die Jungs ist es wichtig, denn die Mädchen bekommen irgendwann ihre Tage und werden so gezwungen, zur Frau zu werden. Ich finde es zum Beispiel nicht in Ordnung, dass wir in unserer Kultur die Initiationsriten abgeschafft haben."

Dagegen steht aber, dass die Kinder immer früher mit der Schule anfangen oder dass die Schulzeit zum Abitur verkürzt wird. Da geht doch auch immer mehr Kindheit und Jugendlichkeit verloren ...
"... aber es ist doch auch alles so vorprogrammiert. Ich glaube nicht, dass sich dadurch die Kindheit verkürzt. Ein Verlust wäre es doch viel eher, wenn die Kinder schon Verantwortung tragen müssten, wenn sie in jungen Jahren nicht wüssten, wie sie ein Dach über den Kopf bekommen oder wo sie ihre nächste Mahlzeit herbekommen sollen."

Also in diesem Sinne sind die Kinder schon behütet ...
"... meine Beobachtung ist, dass die Kinder, die eine optimale Kindheit gehabt haben, auch wenn es nicht gerade viele sind, es besonders schwer haben, erwachsen zu werden. Sie bleiben länger zu Hause, sie bleiben auch länger an den Schulen oder Universitäten. Und sie kriegen keine Kinder oder eben erst sehr spät."

Das Motto "Wenn du 16 bist, musst du ein Mann sein" hat Jargos Vater ausgegeben ...
"... das Motto des Films ist für mich eher 'Was nicht tötet, härtet ab'."

Jargos Vater ist tot – und er ist der einzige Erwachsene, den wir sehen ...
"... weil er tot ist."

Ansonsten bleiben die Erwachsenen fast generell draußen. Ein Jugendfilm in Reinkultur, warum haben Sie die Erwachsenen ausgeblendet?
"Das war mir sehr wichtig, denn in meiner Erinnerung an die Jugend fand alles ohne die Erwachsenen statt, für mich sind sie in der Rückbesinnung gesichtslos. Das Wichtigste spielte sich unter den Jugendlichen ab. Es interessiert mich einfach nicht, warum die Eltern so oder so sind, ihre Probleme sollte man nicht sehen. Besonders schwierig war es mit Jargos Mutter, ursprünglich gab es ein paar kleine Szenen mit ihr, aber die habe ich dann am Ende doch weggelassen."

Hätte man dann nicht auch noch auf Jargos Vater verzichten können?
"Auf gar keinen Fall, denn er steht auch symbolisch dafür, dass dich der Geist des Vaters verfolgt. Erst wenn man die Geister seiner Eltern los ist, dann kann man richtig reifen. Normalerweise ist das sicher eine Entwicklung, die erst später stattfindet. Plötzlich empfindet man, dass man schon wie sein Vater oder wie seine Mutter geworden ist. Das muss man dann akzeptieren und trotzdem seinen eigenen Weg suchen."

Udo Kier spielt den toten Vater, der seinem Sohn wieder und wieder als Geist erscheint: Wie kam es zum Engagement von Udo Kier? Und wie war die Zusammenarbeit?
"Die war sehr, sehr schön. Wir haben beide den gleichen Agenten in Deutschland, so kam schon mal der Kontakt zustande und dann hat er das Buch auf Anhieb sehr gemocht. Er ist in der Zusammenarbeit sehr angenehm und vor allem sehr professionell. Und dem Constantin von Jascheroff, der den Jargo spielt, hat er auch jede Menge Tipps gegeben – er hat seine Vaterrolle sehr ernst genommen."

Die beiden Jungs in Ihrem Film sind recht wilde Mixturen verschiedener Kulturen, Jargo ist deutscher Araber und Kamil ein türkischer Deutscher. Gab es Vorbilder für diese Multi-Kulti-Knaben?
"Vielleicht meine Freunde oder auch ich selbst, denn ich bin auch als Zwanzigjährige in dieses Land gekommen. Die unterschiedlichen Kulturen treten aber dann ganz schnell wieder in den Hintergrund, wenn es um Liebe und Freundschaften geht, denn Emotionen hat jeder, egal wo er herkommt. Die Herkunft spielt dann keine Rolle mehr."

In "Jargo" gibt es vier Hauptpersonen, die in Liebe und Verrat verstrickt sind. Ihr Film wurde als Melodram bezeichnet, wie würden Sie ihn nennen?
"Ein abgenutzter Begriff vielleicht, aber ich würde ihn Tragikomödie nennen. Melodram könnte aber auch hinhauen, der Begriff hat auch so einen bösen Beigeschmack ..."

Sie kommen aus Island und erzählen eine Geschichte über Jargos Fremdsein in Deutschland. Wie fühlen Sie sich in diesem Land?
"Ich fühle mich sehr wohl, sonst wäre ich nicht schon seit fast zwanzig Jahren hier. Ich bin sehr glücklich, habe hier zwei Kinder geboren, sie sind zur Hälfte Finnen und zur anderen Hälfte Isländer, aber sie bezeichnen sich selbst als Berliner. Und so fühle ich mich auch. Ich kann nicht sagen, ich bin Deutsche, denn mir fehlt dieser Ursprung, aber ich bin Berlinerin."

Wie haben Sie die jungen Darsteller für Ihren Film gefunden? War die Suche schwierig?
"Die kamen schon alle über eine Casting-Agentur, die auf Kinder und Jugendliche spezialisiert ist. Constantin von Jascheroff hat in den letzten Jahren hauptsächlich Filme synchronisiert, aber davor hatte er schon in Serien oder TV-Filmen wie 'Titus, der Satansbraten' mitgemacht. Aber bekannt als Darsteller ist er so gut wie überhaupt nicht, das Gleiche gilt auch für den Türken Oktay Özdemir. Der hatte mit zehn Jahren in einem Spielfilm mitgewirkt und danach nichts mehr gemacht. Die Bekannteste von allen ist die Josefine Preuß, weil sie in der Serie 'Schloss Einstein' mitgespielt hat. Und diese Serie kennen alle Kinder – wenn wir unterwegs waren, wurde sie laufend angesprochen und um Autogramme gebeten. Einfach jedes Kind wusste, wer sie war. Und die Nora von Waldstätten kommt aus Wien und hat auch schon etwas Erfahrung."

Für mich sind die Jungs in Ihrem Film überzeugender als die Mädchen. George Cukor war ein Frauen-Regisseur: Kann es sein, dass Sie eine Männer-Regisseurin sind?
"Ich glaube ja, obwohl ich auch Drehbuchautorin bin und schon Frauen-Geschichten geschrieben habe und gerade jetzt plane ich eine Geschichte mit drei Mädchen. Ich möchte auf keinen Fall eine Kinderfilm-Regisseurin sein, viel lieber will ich in die Action-Ecke gehen und eher mit Männern Filme drehen."

Die Musik in Ihrem Film ist eine recht gewagte Mischung aus Lied, Rap und Türkisch-Pop. Wie haben Sie das konzipiert?
"Das habe ich mit dem Komponisten Henning Rabe gemacht. Für mich sollte es von Anfang an ein mächtiges Durcheinander sein. Natürlich habe ich schon einen eigenen Musikgeschmack, aber das Wichtigste dabei ist immer, dass es mich auch berührt, da ist es dann egal, ob es Pop oder Klassik ist. Bei der Musik habe ich mich ausgetobt, das ist genau so geworden, wie ich es haben wollte. Das ist natürlich auch ein Risiko, weil manch einer mit dieser Mixtur vielleicht nichts anfangen kann."

Wenn man über Sie im Internet recherchiert, findet man dort den Namen Maria Solrun Sigurdardottir. Ist das ihr vollständiger Name?
"Ja ..."

Unter diesem Namen findet man aber auch den Hinweis, dass Sie den Film "Regina!" inszeniert haben. Stimmt das so?
"Nein, diesen Film habe ich nicht gemacht. Es gibt eine großartige Frau in Island, die auch Sigurdardottir heißt und sie hat diesen Film gemacht. Bei der Berlinale-Vorbereitung hat das auch für Verwirrung gesorgt. Keiner kommt auf die Idee, dass es aus Island zwei weibliche Regisseure gibt, die beide Sigurdardottir heißen."

Interview: Manfred Hobsch

 

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