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Ausgabe 100-4/2004

"Die Blindgänger"

Anregungen für eine Begleitaktion zum Film

(Hintergrund zum Film DIE BLINDGÄNGER)

Ich habe aus einem Lehrbuch Deutsch der Sek. I Regeln für das menschliche Sein (anonym) entdeckt, die mir beim Nachdenken über Vor- und Nachbereitungsmöglichkeiten zum Film "Die Blindgänger" wieder in die Hände gerieten. Eine heißt:

"Du wirst einen Körper empfangen. Du magst ihn lieben oder hassen, aber er wird für die Zeit deiner Anwesenheit der Deinige sein." Sich selbst zu akzeptieren, wie man ist, das bleibt lebenslang. Mit Menschen zusammen zu sein, die man liebt und denen man vertrauen kann, wünscht sich jeder Mensch.

Marie und Inga sind zwei humorvolle Teenager, die recht ge- und beschützt in einer Internatsschule, einem alten Kloster, aufwachsen. Beschützt, weil sie blind sind und für das normale Leben draußen vorbereitet sein müssen. Sie sind taff genug, sich jeder Sache zu stellen, wahrscheinlich mutiger als viele "Guckis" – Sehende. Eine Begründung für eine lobende Erwähnung (Internationale Jury, Berlinale 2004) zum Film hieß: "Vom ersten Bild an werden wir in diesem Film an einen Ort geführt, an dem ganz andere Bedingungen gelten. Und dennoch ist das wesentliche gleich geblieben: das Bedürfnis, jemanden zu haben, den man liebt ..."

Bei Mädchen und Jungen ab 12 Jahre beginnen das aktive Interesse und die Auseinandersetzung mit dem Thema Liebe und Sexualität. Sie realisieren dabei sehr genau, dass ihnen viele Angebote aus TV und Kino unwirkliche Darstellungen präsentieren, die oftmals zu falschen Erwartungshaltungen führen, weil eigene Vorstellungen fehlen. Filme wie "Die Blindgänger" nehmen sich dem Thema erste Liebe behutsam und sensibel an, um lebensnahe Orientierungen im menschlichen Miteinander dem potenziellen Zuschauer anzubieten.

Vor dem Film schon etwas von der Geschichte preis zu geben, nimmt Spannung und Neugierde auf das zu erwartende Kinoerlebnis. Eine Möglichkeit ist, an sinnliche Aspekte anzuknüpfen. Wie wir mit unseren Sinnen umgehen, das macht einen großen Teil unserer Persönlichkeit aus. Beispielsweise wird unsere Körpersprache davon beeinflusst und damit unsere Ausstrahlung auf andere Menschen. Um unsere Sinne aktiver und intensiver im Alltag einzusetzen, können sie trainiert werden. Menschen sind übrigens gegenüber Tieren "Sinneszwerge". Tiere nutzen solche natürlichen Kräfte wie Elektrizität, Erdmagnetfelder oder Wärme und Kälte und den Orientierungssinn viel stärker als wir. Diesen Mangel sucht der Mensch durch technische Erfindungen auszugleichen. Doch der Umgang mit Maschinen hat Grenzen. Daher gilt es, unsere ursprünglichen Sinneskräfte wach zu halten und zu entwickeln.

Kinder beschreiben nach dem Film, dass ihnen gezeigt wurde, wie Blinde leben. Wie gut fehlendes Augenlicht durch Tast- und Hörsinn bei Blinden und Sehschwachen kompensiert wird, imponiert ihnen. Sehenden wird damit eine Welt erschlossen, mit der sie sich kaum beschäftigen und die doch zum Leben gehört.

Im Folgenden beschreibe ich einige Sinnesübungen, die auf den Film einfühlsam einstimmen, körpersprachliche Signale wecken und sensibilisieren. Bewusst wird natürlich damit, dass Sehende nur so tun können, als ob sie blind sind, doch gängige Verhaltensmuster durch diese Übungen klar werden. Eine spezielle Funktion haben Übungen, die mit Körperkontakt verbunden sind. Sie sind für Sehschwache und Blinde eine intensive Möglichkeit, Menschen ihrer näheren Umgebung zu erfahren. Kinder ab 10 Jahren haben durch ihre körperliche Entwicklung in die Pubertät oftmals Probleme, einem anderen in die Augen zu schauen oder ihn anzufassen. Im Spiel wird das eher akzeptiert und hilft, Komplexe abzubauen.

Sensibilisierung zur Orientierung im Raum und des Hörens

Der Film beginnt mit einer Szene, in der wir sehen, wie Marie einen ihr vertrauten Weg entlang der Klostermauer zum Internat geht. Sie weiß genau, wann der Baumstamm kommt oder eine Mauerecke. Wie orientiert sie sich? Zum Beispiel durch Abzählen ihrer Schritte und wieder erkennbaren Geräuschen. Jeder Mensch nimmt verschiedenste Geräusche auf, die unterschiedlich entfernt sind und entsprechend seiner Erfahrungswelt registriert werden. Diese Unterschiede sollen beim folgenden Spiel vermittelt und ausgetauscht werden.

Die Spieler sitzen entspannt im Kreis und hören ca. eine Minute nur auf die Geräusche außerhalb des Raumes. Sie werden verbal ausgetauscht. Danach lauschen alle den Geräuschen im Raum. Wieder geschieht ein Austausch darüber. Nun horcht man in den eigenen Körper hinein. Durch das Selektieren des Gehörten findet eine Sensibilisierung in die Welt der Töne, der Klänge/ Musik, Sprache und Geräusche statt.

Danach werden die Stühle zur Begrenzung des Spielraumes aufgestellt. Die Spieler laufen im Raum umher und bleiben auf ein Signal (Glocke oder Händeklatschen) hin stehen. Sie schließen die Augen. Eine Aufgabe folgt: Zeigt mit Eurem rechten Arm in Richtung Fenster, ... Richtung Tür, ... Richtung Uhr, ... Richtung einer benannten Person!

Eine weitere Möglichkeit ist, auf einem Gang (z. B. Flur vor Klassenzimmern) einen Geräusche- und Klangweg mit Laufhindernis zu installieren. Die Spieler gehen diesen Weg erst sehend ab und versuchen es dann "blind" mit einem sehenden "Assistenten" (Mitspieler). Welche Erfahrungen werden dabei gemacht? Was fällt schwer, was leicht? Welche sinnlichen Hilfsmittel (ich orientiere mich an den Geräuschen, ich zähle meine Schritte, ich fühle Atem neben/ vor/ nach mir usw.) wurden benutzt?

Einander fühlen

Zum Berühren gehört Mut und Gelassenheit. Tasten und etwas fühlen sind zwei ganz besondere sinnliche Wahrnehmungsmöglichkeiten. Im Spiel fällt Körperkontakt oftmals weniger schwer, denn es gibt fordernde Spielregeln, an die sich alle halten. Ich schlage ein Spiel vor, das Anonymität bewahrt und auf Spielspaß aufgebaut ist.

Ein Standbild unterm Tuch – Ein Spieler stellt sich in einer selbst gewählten Position unter einem Tuch hin. Das Tuch muss leicht und von weicher Qualität sein. Ein zweiter Spieler tastet mit geschlossenen Augen den unter dem Tuch ab und stellt sich neben ihn in der gleichen Position für alle sichtbar hin. Das Tuch wird entfernt und verglichen, ob die beiden synchron sind. Varianten ohne Tuch sind natürlich möglich.

Da es das eigene Erwachsenwerden betrifft, gibt es nach dem Film genügend Gesprächsstoff mit dem interessierten jungen Publikum. Hier als Beispiele einige Gedanken als Anregung, die mit einem Ampel-feedback* verbunden werden können, um die normalerweise eintretende Kunstpause nach dem Film zu überbrücken.
- Inga und Marie haben keine Vorstellungen davon, wer in einer Band spielen müsste.
- Marie und Inga sollten sich als Freund lieber einen aus ihrer Schule suchen ...
- Marie handelt falsch, wenn sie einem Kriminellen hilft.

* Ampel-feedback: Es wird ein Gedanke oder eine Frage vorgestellt. Die Gesprächsteilnehmer können mit dem Daumen abstimmen, ob sie dem zustimmen = Daumen nach oben, sich unschlüssig in der Beurteilung sind, dies auch äußern wollen = Daumen waagerecht, oder ablehnender Meinung sind = Daumen nach unten.

Weitere Meinungen können vor der Aktion mit den Zuschauern auf Zetteln zusammengetragen und mit dem Ampel-feedback zur Diskussion gestellt werden.

Mögliche Fragen nach der Filmansicht:

IMPULSE zu "besinnen"
- Was spürst du am deutlichsten in deinem Körper?
- Welche Farben, Formen fallen dir ein, wenn du an den gerade gesehenen Film denkst?
- Welche Klänge, welche Musik hast du vom Film noch im Ohr?
- Fühle die Innenflächen deiner Hand. Spüre deinen Atem!

Zur Filmgeschichte
- Was wird im Film erzählt? Kannst du das in drei Sätzen ausdrücken?
- Welchen anderen Titel könntest du dem Film geben?
- An welche Szene erinnerst du dich am meisten, warum? Kannst du sie allein oder mit anderen als Standbild mit Text der Figuren in diesem Bild nachstellen?
- Wie hätte bei dir die Filmgeschichte ausgehen sollen oder ist das Ende für dich so OK?

Ein Versuch, ein Wort in Brailleschrift zu entdecken, kann eine schöne sinnliche Abschlussaktion zur Filmbegleitung sein. Louis Braille war im 19. Jahrhundert der Lehrer, der an der Pariser Blindenschule die heute noch gültige Blindenschrift, aufgebaut auf höchstens 6 Punkten, aus einem schon bestehenden System konzipierte und lehrte. – Wie wäre es mit dem Wort BLINDGÄNGER? Das Blindenschrift-Alphabet erhält man zum Beispiel beim Blindenhilfswerk Berlin, e-mail: Blindenhilfswerk.Berlin@t-online.de

Regine Jabin

Literatur zum Thema:

Josef Broich, Körper- und Bewegungsspiele, Maternus Verlag, Köln, 1993
Erich Schriever, Ulrich Wehmeier, Aktion Erfahrungswelt Spiel & Phantasie, 1989, herausgegeben und zu bestellen über GPM, 40215 Düsseldorf, Morsestr. 5.
Hedwig Wilken, Voll Sinnen spielen, Ökotopia Verlag Münster, 1999, ISBN 3-931902-34-X
Hugo Kükelhaus, Organ und Bewusstsein, Verlag Reiner Brouwer, Stuttgart 2000, ISBN 3-925286-26-8

 

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