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Ausgabe 136-4/2013

"Bekas"

Filmdokumentation

(Hintergrund zum Film BEKAS)

Produktion: Sonet Film AB u. a.; Schweden / Finnland / Irak 2012 – Regie und Buch: Karzan Kader – Kamera: Johan Holmquist – Schnitt: Sebastian Ringler, Michal Leszczylowski – Musik: Johana Lehtiniemi – Darsteller: Zamand Taha (Sana), Sarwal Fazil (Dana) u. a. – Länge: 92 Min. – Farbe – Weltvertrieb: TrustNordisk – Verleih: Edel Germany GmbH – Altersempfehlung: ab 10 J.

Dokumentation der Schulvorstellung am 05.07.2013 im Vortragssaal der Bibliothek (Gasteig) im Rahmen des 31. Kinderfilmfestes München

Inhalt
Zwei elternlose Brüder verlassen ihr Heimatdorf im irakischen Kurdistan, um in Amerika ein besseres Leben zu beginnen. Ihr Amerika liegt allerdings nicht weit hinter den Bergen am Horizont und ist die Stadt, in der ihr Filmheld Superman wohnt. Er soll ihre durch Saddam Hussein getöteten Eltern wieder zum Leben erwecken und die Bösen, allen voran Saddam, bestrafen.

Reaktionen während der Vorstellung
Gleich ab der ersten Szene, die die Brüder Sana und Dana beim Fußballspiel zeigt, gehen die Kinder und Jugendlichen im Publikum mit, lachen (z. B. über das Tor) und reagieren mit lauten Ausrufen auf den rauen Umgang der Erwachsenen mit den Kindern. Geflüsterter Widerspruch erhebt sich, als die Brüder Amerika für eine große Stadt halten. "So leben die Kurden", kommentiert ein älterer Junge die Bilder aus dem Heimatort der Brüder. Die Kuss-Szene wird von einem anderen Schüler zunächst falsch eingeschätzt ("Jetzt klatscht sie ihm eine", dann: "Nein, doch nicht"), aber vom Publikum insgesamt eher gelassen aufgenommen. Generell wird die Liebesgeschichte zwischen Dana und Helia weder positiv noch negativ kommentiert, es scheint, dass sie von geringem Interesse ist. Interessant sind die Reaktionen auf die offensichtliche Armut der Brüder: Da wird sich nicht lustig gemacht, sondern Mitgefühl und auch Entsetzen geäußert: "Arme Jungs, aber ehrlich", "Sag nicht, die duschen dort?!" (ein Eimer Wasser im Freien, keine Seife, keine Handtücher). Ebenso deutlich empört reagieren die Schüler auf die Schläge, die die beiden Brüder häufig von den Erwachsenen einstecken müssen. Über den fettleibigen Jungen ("Fetti") wird erwartungsgemäß gelacht, der Typus des Dicken, oft auch Doofen, fungiert in Filmen ja ebenso häufig wie zuverlässig als Witzfigur.

Die Konzentration gerade der jüngeren Kinder im Saal lässt in dialogreicheren (und damit aktionsärmeren) Szenen nach, insbesondere, sobald Erwachsene involviert sind – was schon oft bei ganz unterschiedlichen Filmen festzustellen war. Hier ist dies der Fall etwa bei dem Gespräch zwischen Sana und dem blinden Alten, Baba Jalid, oder den Versuchen Danas, bei den Männern im Café gefälschte Pässe und einen Grenztransport zu organisieren. Der "gewonnene" Esel namens Michael Jackson und seine BMW-Plakette sorgen dann wieder für Aufmerksamkeit und viel Heiterkeit. Überhaupt nehmen die Schüler erstaunlich viele Details wahr, neben erwähnter Plakette auch die Wasserpfeife (mehrfach im Publikum identifiziert als Shisha), und bei der Militärkontrolle werden die Automarken erraten. Sanas (viel zu) helle Kinderstimme wird nachgeäfft, als dieser den Esel anschreit und die Brüder voneinander getrennt werden. In der folgenden Szene, in der Sana und der alte Mann auf dem Karren eine "Pinkelpause" einlegen und der Mann seinen Blick vor Sanas "Pimmel" schützt, herrscht helle Aufregung, es wird geschrien und gelacht. Ähnlich stark sind die Reaktionen später, wenn Sana unter dem LKW hängend pinkelt und einer der Männer das vermeintliche Kühlwasser vom Finger leckt. Davon abgesehen steigt die Aufregung im Publikum merklich in den für die Brüder gefährlichen Situationen, z. B. bei der Fahrt unter dem LKW und der Spiegelkontrolle der LKW-Unterseite – zwar ziehen mehrere Kinder den Vergleich zu Spiderman, aber Nägelkauen, zwei Jungen mit zugehaltenen Ohren und Kommentare wie "Wie kann der das alles aushalten?" oder "Der wird sterben" zeugen von der generellen Anspannung. Mucksmäuschenstill ist es bei der Szene, in der die Brüder in einem Sack Bohnen versteckt im Kofferraum liegen und der Grenzsoldat mit einem Messer mehrfach zusticht. Danach kollektives Aufatmen und erlösende Bemerkungen: "Ich hätt’ mir jetzt ein paar Bohnen eingepackt."

Die letzte brenzlige Situation, als Dana auf eine Landmine tritt, wird von den meisten Schülern gleich richtig interpretiert. Wieder halten sich ein paar der Kinder die Ohren zu und lehnen sich zur Seite, als Dana mit der Zwille auf seinen Bruder zielt (damit dieser die Gefahrenzone verlässt) – gerade so, als ob sie den Steinen ausweichen wollten. Danas beherzten Sprung begleitet vielstimmiges Lachen, ein, zwei Kinder applaudieren kurz. Nachdem die Gefahr gebannt ist, bemerkt eine Schülerin: "Manchmal explodieren die nicht."

Reaktionen nach der Vorstellung
Von verschiedenen Seiten wird erst einmal Kritik am Film geübt: Es fehlten eingangs Informationen über die Eltern der Jungen, so bleibt unklar, warum die Mutter tot ist (bzw. die Eltern tot sind). Als "gar nicht gut", "doof" und "ätzend" beurteilen die befragten Schulkinder die Schläge, die die beiden Jungen häufig und widerspruchslos von diversen Erwachsenen einstecken müssen. Hier ist ein großes Unrechtsempfinden bei allen Schülern erkennbar. Als übertrieben werden die Szenen empfunden, in der die Brüder sich verlieren und tränenreich wiederfinden. Auch die leider misslungene Synchronisation vor allem des jüngeren Bruders wird bemängelt, er klingt "voll kindisch" und "wie ein Baby". Davon abgesehen hat der Film aber allen befragten Schülern gut bis sehr gut gefallen; sie würden ihn ab 11 oder 12 Jahren empfehlen.

Interessant ist der Wissensstand der Schüler, die aus einer Förderschule (6./7. Klasse, zwischen 11 und 14 Jahren) und einem Gymnasium (5. Klasse, 10/11 Jahre) kommen: Allen sind Land- bzw. Tretminen ein Begriff ("So eine Art Bombe", "Ein Plastikteil, wenn man drauftritt und wieder runtergeht, explodiert das"). Wo die Brüder leben, kann keiner so recht beantworten; "Kurden" hat sich ein Junge behalten, "Türkei" offeriert ein Mädchen, wird aber gleich abgelehnt. Man einigt sich mehrheitlich auf "Iran oder Irak". Den Namen Saddam haben die älteren der Schüler zumindest schon einmal gehört, einige halten ihn für den Grund, warum die Brüder weggehen. Den jüngeren Kindern sagt Saddam nichts, nur eine Schülerin erklärt, Saddam sei "so was wie Hitler".

Der Film lässt vor allem eine Frage bei den Kindern und Jugendlichen offen: Kommen die Brüder je in Amerika an? Und zwar im echten Amerika, das eindeutig nicht gleich hinter den Bergen liegt, darin sind sich alle befragten Schüler einig. Die vorherrschende Meinung: "Die bleiben doch da", auch wenn "es ihnen da schlechter geht als in den USA". Abschließend werden die Schüler nach der Bedeutung des Filmtitels "Bekas" befragt. Die Förderschüler vermuten "Glück" oder "Allah", die Fünftklässler des Gymnasiums versuchen es mit "Zusammenhalt", "Geschwister", "Brüder" und, nicht ganz ernst gemeint, mit "Superman".

Verwendbarkeit des Films für die Kinderkulturarbeit
Dieses Roadmovie erzählt vom Zusammenhalt zweier auf sich gestellter Brüder, die anders nicht überleben könnten. Ohne Eltern und ein Zuhause und ohne auf Unterstützung seitens der Erwachsenen (oder der Gesellschaft) zählen zu können, fristen sie ein armes und hartes Leben, wie es bei uns kaum vorstellbar ist – wie wenig, davon zeugen die betroffenen Reaktionen der Schüler während der Vorführung und im Anschluss. Dass die Brüder an die Möglichkeit eines besseren Lebens glauben und sich dafür auf einen strapaziösen und gefährlichen Weg machen, Schwierigkeiten gemeinsam und mit Einfallsreichtum überwinden, berührt und bewegt gleichermaßen. Die Reise ist spannend und humorvoll inszeniert, so dass die Kinder und Jugendlichen von Beginn an mit den Brüdern mitfiebern, Vergleiche zu ihren eigenen Lebensumständen ziehen und Fragen stellen – eine gute Ausgangsposition für eine angeregte Diskussion. Für die Kinder- und Jugendkulturarbeit ist der Film sehr empfehlenswert.

Ulrike Seyffarth

 

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KJK-Ausgabe 136/2013

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