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Ausgabe 106-2/2006

... am Anfang hörte es sich wie Krach an ...

Begleitmöglichkeiten zum Dokumentarfilm "Rhythm is it!

(Hintergrund zum Film RHYTHM IS IT)

Regie: Thomas Grube und Enrique Sánchez Lansch, Deutschland 2004, 100 Min., FSK 6, empfohlen ab 10 Jahre

"Am Anfang hörte es sich wie Krach an, doch jetzt höre ich die Geschichte raus, und jetzt hört es sich wie Musik an." Eine der 239 SchülerInnen, die an dem ersten education-Projekt im Januar 2003 der Berliner Philharmonie unter Leitung von Sir Simon Rattle teilnahmen, sagte diesen Satz in einem Interview.

Simon Rattle brachte das Konzept des education-Programms aus Großbritannien mit. "Jeder Mensch kann Musik machen. ... Wenn Kinder eine Sportart lernen, schauen sie nicht einfach zu, sondern spielen wirklich. Aber wenn wir sie mit Musik vertraut machen wollen, erwarten wir oft, dass sie stillsitzen. Das ist sicher nicht der richtige Weg."

Welchen Weg man zwischen professioneller Musik und Kindern + Jugendlichen, die einen kreativen Zugang zur Welt der Musik bekommen sollen, finden und sich dabei für die sozialen Belange in Berlin engagieren kann, zeigt dieses Projekt beispielhaft. Zu einer klassischen Musik wurde in 4 Gruppen (Kinder und Jugendliche aus zwei Grundschulen, zwei Oberschulen und zwei Tanzwerkstätten) mehr als sechs Wochen für eine Tanzperformance geprobt. Das geschah unter der professionellen Anleitung des Choreographen Royston Maldoom, denn es war das Ziel, einen Auftritt (28.1.2003) in der Treptower ARENA vor 2500 Zuschauern zu realisieren.

Strawinskys "Le Sacre du Printemps" (Das Opfer für den Frühling) bietet sich an, weil diese Musik energiegeladen und kraftvoll ist. Es geht um Entwicklung und Erblühen im übertragenen Sinn. Genauso wie Strawinskys "Le Sacre" nichts Niedliches hat, ist Pubertät nichts Niedliches oder Nettes. Die Musik ist geeignet, Unerfahrenen im Tanz Ausdruck zu verleihen, den körperlichen Möglichkeiten der Kinder und Jugendlichen zu entsprechen – natürlich ein langer Prozess.

Die Dokumentarfilmer Thomas Grube und Enrique Sanchez Lansch beschäftigten sich schon eine Weile mit der Idee, wie man Musik im Film zeigen und lebendig erfahren kann. Sie hatten Filmmaterial von 200 Stunden zur Verfügung. Auswahl und Montage erfolgte so, dass parallel der Prozess des Projektes und fünf Porträts entstanden, die z. T. das Umfeld und die Umstände dieser Menschen in ihrer Entwicklung bebildern. Die Musik, ob im Rap "Versteck dich nicht. Komm einfach mal raus. Zeig, was du kannst und ernte den Applaus ..." oder in der schrittweisen Annäherung an Strawinskys Musik, unterstützt und unterstreicht das zu Sehende.

Meine Erfahrungen mit diesem ungewöhnlichen Filmerlebnis für Jugendliche sind unterschiedlich verlaufen. Zum Teil wird in den Kommentaren der künstlerischen Akteure im Film einer bestimmten Klientel von Schülern (besonders Hauptschüler) ein Spiegel über ihr alltägliches Verhalten vorgehalten. Deshalb wird der Film gerade in pädagogischen Kreisen gern empfohlen. Die Jugendlichen reagierten während des Films darauf eher genervt oder gelangweilt, ließen sich mehr über die Porträtschilderungen auf den Film ein als auf die Musik. Jugendliche, die über einen Musiklehrer auf den Film vorbereitet wurden, waren für "Le Sacre" offener. Eine Lehrerin sagte auch, dass sie den Film ausgewählt habe, damit ihre Schüler zur Musik sich Bilder ähnlich ihrer Videoclip-Erfahrung vorstellen können.

Ich habe den Zuschauern vor dem Film eine "Sehaufgabe" gestellt:

Entdeckt, was mit FOCUS gemeint ist!

Royston Maldoom spricht im Film davon, dass das Geheimnis des Tanzes die Stille ist, auch die Musik mit der Stille beginnt. Findet diese Momente in den Filmbildern und haltet sie für euch in der Erinnerung fest! – Verfolgt im Film eine der Personen, die näher porträtiert werden! – Empfindet die Musik im Film! Kann sie auch Bildeindrücke stören?

Nach dem Film wird die Sehaufgabe besprochen, den Focus zu finden, ausprobiert.

Porträtcluster (Übung bis 30 Personen)

Die Teilnehmer werden in fünf Gruppen eingeteilt und beschäftigen sich intensiv mit einem Filmporträt. Auswahl: Royston Maldoom, Sir Simon Rattle, Marie, Martin, Olayinka

Alles wird auf einem A2-Blatt notiert, was der Gruppe zur Filmperson aufgefallen ist.

Sammelt und beschreibt das Umfeld, das Leben, die Familie der Person!

Welchen Eindruck habt ihr von dieser Person durch den Film bekommen?

Welche filmischen Mittel wurden eingesetzt? (Vorstellen der Orte, Mitmenschen, Interviews, Kamerabeobachtungen)

Hat sich die Person während des Projektes entwickelt, wie?

Wie stellt ihr euch den weiteren Lebensweg der Person vor?

Das Gesammelte in der Gruppe wird den anderen in einem kurzen Vortrag präsentiert. Auf die eigene Körpersprache und -haltung bei der Vorstellung wird hingewiesen.

Rhythmus im Blut ...

Um einfache Körperrhythmen aufzuspüren, muss man selbst einmal in dieser Lage sein. Dann versteht man auch, wie wichtig jeder Einzelne als Teil des Ganzen ist.

Im Kreis stehend, wird ein Klatscher mit Blickkontakt von einem zum anderen weiter gegeben. Es entsteht ein einfacher Rhythmus. Der Klatscher kann nach rechts oder links oder quer weiter gegeben werden. Die Spieler entscheiden das spontan. Der Rhythmus ändert sich dadurch ständig.

Mit den Füßen: links, rechts, links, rechts ..., links beginnend, wird von allen ein Takt weiter gegeben. Wenn der rechte Fuß auftritt, wird gleichzeitig dem Nachbarn nach links oder rechts zu geklatscht. Takt und Rhythmus ziehen sich durch den ganzen Körper.

Wie verändert sich die Wirkung, wenn der Rhythmus anders wird? Wann wird es interessant in der Gruppendynamik?

Musik und Rhythmus (Übung bis 30 Personen)

Musik kann Geschichten erzählen, eindeutige Bilder ohne eindeutige Handlungen initialisieren, lebt aus sich selbst (absolute Musik).

Die Teilnehmer werden in vier Gruppen geteilt. Aufgabe: Zur eingespielten Musik fällt jeder Gruppe eine einfache Bewegung ein, die sie gemeinsam ausführen. Die Gruppen setzen mit ihrer Bewegung versetzt wie bei einem Kanon ein und schließen ebenso versetzt die Übung ab. Welche Wirkung hat Bewegung und Musik auf den Zuschauer?

Musikbeispiele: Michael Nyman live / Strawinsky, Le sacre / Techno

Abschließende Gesprächsrunde

YOU CAN CHANGE YOUR LIFE IN A DANCE GROUP ...

Ist die Botschaft des Films beim Zuschauer angekommen? Warum ja, warum nein.

Spätestens in dieser Gesprächsrunde entscheidet sich, was die Zuschauer berührt hat und was nicht. Sehr genau haben die angesprochenen Jugendlichen meistens erfasst, was mit "You can change your life ..." gemeint ist. Doch in ihrer Wirklichkeit und ihrem Umfeld sehen sie diese Chancen oftmals nicht. Vielleicht gibt der Film dafür einen Denkanstoß.

Regine Jabin

 

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