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Ausgabe 132-4/2012

"Ich saß im verhangenen Auto und musste mit dem Team per Walky Talky kommunizieren"

Informationen zum Film "Wajda"

(Hintergrund zum Film WADJDA)

Wie dreht man einen Film in einem Land, das nicht gerade als Film-Mekka gilt und in dem Kinos verboten sind? "Das fragen wir uns im Nachhinein auch. Wenn man es probiert, klappt es unter Umständen und in diesem Fall hat es funktioniert", so Roman Paul von der deutschen Produktionsfirma Razor Film, die "Wadjda" koproduzierte. Der Projektvorschlag selbst kam per e-mail. Regisseurin und Drehbuchautorin Haifaa Al Mansour stand in Kontakt mit dem Sundance Filmfestival und aufgrund der guten Verbindung von Razor Film zu Sundance guckten sich Paul und Gerhard Meixner das Projekt an und entwickelten es weiter. Erst wollte man in den Emiraten drehen, aber "dann stellen wir Haifaa die Frage, darf man keinen Film in Saudi-Arabien drehen? Die salomonische Antwort: Man darf dort nicht keinen Film drehen. Und dann waren wir die ersten", erinnert sich Meixner. Das gute Drehbuch öffnete in Deutschland Türen bei Förderung und Fernsehanstalten.

Haifaa Al Mansour, die an der Amerikanischen Universität in Kairo studierte und in Sydney ihren Master in Regie machte, arbeitete jahrelang an dem Film. Sie stammt aus einer kleinen saudischen Stadt, war das achte von zwölf Kindern und besuchte die öffentliche Schule. Dort gäbe es Mädchen wie Wadja, die ihre Träume leben und Saudi-Arabien neu gestalten möchten. Dass sich ihr Berufswunsch erfüllte, verdankt sie ihren liberalen Eltern, vor allem der Mutter, "einer sehr starken Frau". Sie sei nicht "sehr traditionell" erklärt Haifaa Al Mansour im Gespräch. Mit ihrem Mann lebt sie in Bahrein und genießt dort mehr Freiheiten als in ihrer Heimat, wo sie seine Erlaubnis bräuchte, um das Land zu verlassen. Wie ist die Situation der Frauen im konservativen Königreich? "Es ist schon frustrierend, wenn Frauen nicht in manche Restaurants dürfen, sich verhüllen müssen, nicht Autofahren oder joggen dürfen, sich nicht in der Öffentlichkeit frei bewegen können."

Sie hofft auf Reformen: "Saudi-Arabien ist eine zweigeteilte Gesellschaft, sehr religiös und konservativ, eine große Rolle spielt die Stammeszugehörigkeit. Auf der einen Seite leben Frauen in der Unsichtbarkeit, auf der anderen durfte jetzt eine Sportlerin an den Olympischen Spielen teilnehmen, manche Familien schicken ihre Töchter zum Studium ins Ausland, es eröffnen sich Möglichkeiten im medizinischen Bereich. Die Änderungen werden nicht über Nacht kommen, aber es gibt kleine Schritte". Allein die Entstehung ihres Films sei ein Erfolg. Die Dreharbeiten seien hart gewesen, besonders die Szenen "on location": "Ich saß im verhangenen Auto und musste mit dem Team per Walky Talky kommunizieren. Ziemlich nervig, weil ich als Regisseurin nicht nur vor dem Monitor sitzen, sondern auch den Darstellern nahe sein sollte." In manchen Vierteln Riads war es unmöglich, draußen in Erscheinung zu treten, in anderen nur mit größter Zurückhaltung: "Wir mussten ständig Grenzen austesten."

Die deutschen Koproduzenten begleiteten das Team (die Head of Departments kamen aus Deutschland) während der dreißig Drehtage: "Wir setzten auf größte Diskretion, um keine Gefühle der Einheimischen zu verletzen. Die Dreharbeiten waren kein Spaziergang und nichts für Anfänger. Es zählte Fingerspitzengefühl, Diskretion und Respekt. Auf keinen Fall durften wir die Besserwisser spielen." Die Zusammenarbeit mit den Saudis soll schön, aber nicht einfach gewesen sein, der strikte deutsche Arbeitsrhythmus war den Saudis etwas fremd, zumal die Kultur des Spielfilmmachens noch weitgehend unbekannt ist; in dem Land dreht man relativ schnell TV-Soaps mit der Videokamera ab.

Fast einem Wunder gleicht die Besetzung mit der elfjährigen Waad Mohammed. Sie kam als Letzte zum Casting, zeigte unbekümmert ihre lockigen Haare, trug Turnschuhe, Lederjacke und Jeans, hörte aus dem Kopfhörer Pop-Musik. Und im Gegensatz zu vielen Eltern, die der Regisseurin absagten, waren ihre Eltern einverstanden. Dass sie noch ein Mädchen war, erleichterte die Arbeit. Eine junge Frau mit 16 Jahren hätte wohl Schwierigkeiten bekommen. Haifaa Al Mansour möchte weiter Filme realisieren, gerne über und in ihrem Land, dem sie Vielfalt bescheinigt: "Es gibt so viele Geschichten zu erzählen, die Welt sollte mein Land mit anderen Augen sehen." Sie könnte sich auch vorstellen, im Ausland zu arbeiten, "Hauptsache die Geschichte ist ehrlich und die Gefühle haben etwas mit mir zu tun".

"Wadjda“ wird in Saudi-Arabien auf DVD vertrieben und im Fernsehen laufen. Viele Saudis gehen am Wochenende in Bahrein ins Kino und können den Film dort auf der Leinwand sehen. Haifaa Al Mansour braucht Geduld, ist dennoch optimistisch: "Wir durchleben gerade eine aufregende Zeit. Wenn Frauen kämpfen, können sie überall ihren Platz erobern. Auch in Saudi-Arabien."

Margret Köhler

 

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