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Ausgabe 1-1/1980

Mädchenfilme – Stiefkinder der Filmproduktion

(Hintergrund zum Film ICH BIN MARIA)

Nur in zwei Filmen des 3. Kinderfilmfestes spielten Mädchen die Hauptrollen. Der eine Beitrag kam aus Schweden mit dem Titel "Ich bin Maria" ("Jag är Maria" – Regie: Karsten Wedel, 1979; 100 Min. empfohlen ab 10 J.). Er war der herausragende Film des Kinderfilmfestes. Im Mittelpunkt dieses Films steht die zwölfjährige Maria (Liselotte Hjelm), die – bedingt durch Wohnungsschwierigkeiten ihrer Mutter – für einige Zeit bei ihren kleinbürgerlichen Verwandten in einer Kleinstadt untergebracht wird. In dieser Stadt wird Maria auf den alten Jon (Peter Lindgren) aufmerksam, der einen verwahrlosten Eindruck macht und von dem die Leute behaupten, dass er trinke, etwas verrückt sei und deswegen für Kinder kein richtiger Umgang ist. Maria lernt ihn persönlich kennen, als er von einem Auto angefahren wird. Maria und Jon freunden sich an. Sie entdeckt, dass er sehr schöne Bilder malt. Im Laufe der Zeit erfährt sie den Grund für seine Zurückgezogenheit: Er hat durch einen Verkehrsunfall seine Frau und seine beiden Kinder verloren. Doch die Verwandten verbieten Maria den Umgang mit ihm. Sie hält sich nicht danach und bekommt von Jon eines Tages eines seiner Bilder geschenkt, das sie den Leuten von der lokalen Presse zeigt. Daraufhin bemächtigen sich die Zeitungen, das Fernsehen und ein Museumsdirektor seiner Bilder, ohne eigentliches Interesse an seiner Person. Als es dem alten Jon zuviel wird, wirft er die Fernsehleute samt ihrer Geräte aus dem Haus. Nur Maria gelingt es, ihn wieder zu beruhigen. Sie begleitet ihn in ein Heim für alte Menschen. Als Maria zu ihrer Mutter zurückkehrt, ist sie ein bisschen erwachsener und erfahrener geworden.

Der Film beschreibt mit Genauigkeit und Sensibilität die kleinen und großen Schwierigkeiten eines Mädchens in unserer heutigen Zeit: Verwandte, die ihr aufgrund veralteter Wertvorstellungen das Leben schwer machen; die Trennung von der Mutter und die Vorurteile der Erwachsenen, die ihr den Umgang mit dem alten Mann übel nehmen. Ein dem Alter entsprechender Film, der geprägt ist von großem sozialem Verständnis für ein heranwachsendes Mädchen. Er vermeidet die Darstellung einer heilen Welt.

Der andere Beitrag kam aus Kanada, hatte den Titel "Hank und die wilden Pferde" ("Wild Horse Hank" – Regie: Eric Till, 1979; 90 Min., empfohlen ab 8 J.). Er schildert die aktionsreiche und spannende Geschichte der 14-jährigen Farmertochter Hank (Linda Blair), die eines Tages in der Nähe der Farm Tierfänger entdeckt, wie sie wilde Pferde zusammentreiben. Von ihrem Vater weiß sie, dass die Pferde an Schlächtereien verkauft werden sollen. Es gelingt ihr, die bereits eingefangenen Pferde zu befreien. Obwohl die Tierfänger mit allen Mitteln versuchen, die Pferde wieder zu bekommen, kann das Mädchen die Pferde vorläufig in Sicherheit bringen. Um die Pferde endgültig vor der Schlachterei zu retten, plant Hank, die Herde in ein 150 Meilen entferntes Tierreservat zu bringen. Ihr Vater versucht, sie zurückzuhalten, weil er ein solches Unternehmen für ein Mädchen zu gefährlich hält. Sie lässt sich aber nicht beirren und treibt die Herde durch Wüste, über Berge und durch Flüsse. Bei der Überquerung einer stark befahrenen Gebirgsstraße, dem letzten Hindernis, helfen schließlich ihr Vater sowie Charlie, der jüngere Bruder des Tierfängerchefs. Er sollte auskundschaften, was sie mit den Pferden vorhat, ist aber von ihrem Engagement so beeindruckt, dass er ihr hilft. So erreichen Hank und die wilden Pferde wohlbehalten das Tierreservat.

Ein Mädchenfilm, der das Bewusstsein vermittelt, dass Mädchen in der Lage sind, die gleiche Leistung wie die Jungen, wenn nicht sogar mehr, zu erbringen. Der Film bietet in dem Mädchen eine gute Identifikationsfigur, deren Aktionen bereits während des Films und vor allem am Schluss mit großem Beifall bedacht wurden. Er entspricht den Sehgewohnheiten der jungen Fernsehzuschauer, ist perfekt inszeniert und knüpft an die bekannte Tierliebe von Kindern an.

Es ist zu hoffen, dass vor allem der erste Film, "Ich bin Maria", in Kürze für die Kinderfilmarbeit zur Verfügung steht.

Hans Strobel

 

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