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Ausgabe 20-4/1984

Zweierlei Welten: Aschenputtel 1954 und Aschenputtel 1922

Silhouettenfilme nach dem Märchen der Gebrüder Grimm

(Hintergrund zum Film ASCHENPUTTEL – 1954 und zum Film ASCHENPUTTEL – 1922)

Worüber man sich vor oder nach dem Ansehen der Filme Gedanken machen kann

Warum ist eigentlich "Aschenputtel" (bzw. "Cinderella", wie es im angelsächsischen Sprachbereich heißt) das bekannteste und eines der beliebtesten Märchen? Wer sich das wundersame Aschenputtelschicksal vergegenwärtigt, der findet leicht die Gründe seiner Anziehungskraft: Da ist ein Mädchen, dessen Los nicht trauriger sein könnte. Unschuldig ist es Menschen ausgeliefert, die vor nichts zurückschrecken, die es zu demütigender Arbeit zwingen und es vor unlösbare Aufgaben stellen. Aber wie es halt im Märchen so geht, nimmt die traurige Geschichte den glücklichsten Ausgang, den man sich denken kann. Kein Wunder, dass seitdem so manches "Aschenputtel" davon träumt, dass es eines schönen Tages von seinem Königssohn entdeckt wird.

Wer sich allerdings mit Kindern, Jugendlichen oder Eltern über Aschenputtel unterhalten will, der muss hellwach sein und über eine ganze Reihe von Fragen genau Bescheid wissen – vor allem wenn es ihm darum geht, mögliche Bedeutungen des Märchens für unsere ganz alltäglichen Probleme aufzudecken. Was hat es mit dem Namen Aschenputtel auf sich und was ist ein Aschenputteldasein? Welche Rolle spielen dabei die Eltern bzw. die Stiefeltern? Und wo liegen die Gründe für quälende Geschwister- bzw. Stiefgeschwister-Rivalitäten? Und wie kann man vor allem aus solchen erniedrigenden Verhältnissen herauskommen? Fragen über Fragen. Dass Antworten nicht immer leicht sind, wird einem spätestens dann klar, wenn man auf ein Buch stößt, das allein 345 Variationen der Aschenputtelgeschichte aufzählt.

Die Aschenputtelgeschichte, die wir in der Regel von klein auf im Ohr haben, ist den Gebrüdern Grimm nacherzählt. Nur Glückskinder kennen auch die höfische Fassung von Perrault. Lotte Reiniger war ein solches Glückskind, und unser Glück ist es, dass wir deshalb zwei Aschenputtelfilme von ihr haben. Märchenhaft schön ist die 1954 entstandene höfische Fassung. Kinder und Eltern wollen sie wieder und wieder sehen. Die gekonnten Verwandlungsszenen tun ihre Wirkung. Und die zumindest filmhistorisch interessante Verfilmung aus dem Jahre 1922? Das ist eine Spezialität für Kenner und Liebhaber – ein expressionistischer Geniestreich. Schon Kinder sind fasziniert von dieser spannend-bizarren und von unvergesslichen Bildeinfällen geprägten Aschenputtelwelt. Überflüssig zu sagen, dass ihre Wiederentdeckung längst überfällig ist. Wem also das Aschenputtel 54 allzu schön und deshalb verdächtig ist, der muss sich das Aschenputtel 22 verschaffen: ein Kurzfilm aus der Stummfilmzeit, der zugleich Lachen und Betroffensein auslöst.

Reizvoll ist ein Vergleich der beiden Filme. Von selber ergibt sich viel, worüber man sich unterhalten kann. Spannend wird es dann, wenn man noch einen richtigen Spielfilm hinzunimmt. Die tschechische Aschenputtelversion "Drei Nüsse für Aschenbrödel" gibt Kindern auf witzige Weise zu verstehen, dass Aschenputtel hauptsächlich aus eigener Kraft sein Schicksal in die Hand nehmen kann. Und wer Glück hat, der findet im laufenden Kinoprogramm den Film von Lotte Reinigers großem Gegenspieler: "Cinderella", verfilmt von Walt Disney im Jahre 1950, eine typisch amerikanische Umsetzung.

ASCHENPUTTEL 1954

Nach dem vertrauten Vorspann fällt der Blick auf einen erleuchteten Ballsaal, vor dem der englischsprachige Titel steht: "Cinderella". Lotte Reiniger erzählt die zugehörige Geschichte gleichsam in fünf Akten. – 1. Aschenputtels Alltag: Er spielt sich in der Küche ab. Aschenputtel scheuert die Treppe. Noch ist die Küchenmagd nicht fertig, da wird sie bereits als Dienstmagd von den beiden Stiefschwestern herbeigeklingelt. Die hochnäsige Dünne und die tollpatschige Dicke lassen sich für den Ball herrichten. Sie denken nicht daran, Aschenputtel mitzunehmen: "In dem Kleid?" Aufgetakelt und mit herablassendem Ha-ha-ha-ha lassen sie das weinende Mädchen zurück. – 2. Die Stiefschwestern auf des Königssohns Ball: Ein Traumschloss im Mondschein, und im Ballsaal ist ein großes Fest. Man tanzt und verneigt sich galant vor der Königsfamilie. Nur die beiden Stiefschwestern fallen durch ihr aufdringliches Getue aus dem Rahmen. – 3. Die gute Fee: Sie erscheint in der Küche, kleidet Aschenputtel in Samt und Seide und inszeniert vor dem nächtlichen Haus eine der allerschönsten Verwandlungen. Ein Kürbis wird zur Karosse, aus Täubchen werden Pferde, und zwei Mäuschen verwandeln sich in den notwendigen Kutscher und den Lakaien. Aschenputtel steigt ein, begleitet von der Mahnung "Denk daran, du musst bis Mitternacht zurück sein!" – 4. Aschenputtels Auftritt oder der verlorene Schuh: Eine herrliche Mondscheinfahrt zum Schloss, der Gang über die Freitreppe, Tor und Tür öffnen sich Aschenputtel. Zum Entsetzen der Stiefschwestern tanzt der Königssohn nur mit ihr, und die königlichen Eltern nicken entzückt. Doch die Uhr geht auf Mitternacht, und der Zauber droht seine Wirkung zu verlieren. Aschenputtel wird unruhig und entflieht so geschwind, dass der Königssohn ihr nicht folgen kann. Er bemerkt auch nicht den verlorenen Schuh auf der Treppe. Schlag Mitternacht ist Aschenputtel zurück, ihr Ballkleid löst sich in nichts auf, und die Täubchen samt Mäuschen und Kürbis sind wieder da. Ein ratloser Königssohn reitet zum Schloss, begleitet von den Täubchen, die ihm den verlorenen Schuh zeigen. – 5. Glückliches Ende: Am nächsten Tag macht sich der Königssohn auf die Suche nach dem Mädchen, dessen Fuß in den gefundenen Schuh passt. Ein Herold verkündet das königliche Anliegen. Die beiden Schwestern sehen eine letzte Chance und stecken Aschenputtel in den Keller. Doch die Schuhprobe braucht gar nicht erst stattzufinden. Auf den ersten Blick wird dem Hände ringenden Königssohn klar, dass solche Füße nicht für seinen Schuh taugen. Da zeigen ihm die Mäuslein die Falltür zum Keller. Aschenputtel steigt herauf, und der Schuh passt wie angegossen. Ohnmächtig sinken die Schwestern zu Boden, und der Königssohn reitet mit Aschenputtel zum Schloss. Und wenn sie nicht gestorben sind ...

ASCHENPUTTEL 1922

Lotte Reiniger ist hier ein Kurzfilmhöhepunkt gelungen, in dem sich bereits ihr abendfüllendes Meisterwerk "Die Abenteuer des Prinzen Achmed" ankündigt. Es geht expressionistisch und burlesk zu, so dass man den Ton gar nicht vermisst. Die englischen Zwischentitel der Kopie kann man leicht deutsch einsprechen. Wie immer schadet es nichts, wenn man zur Einstimmung das Märchen der Brüder Grimm liest, in dessen Spur sich die bewegende Szenenabfolge entfaltet.

Ein überraschender Auftakt: Aus schwarzem Papier wird die Aschenputtelsilhouette herausgeschnippelt. Und dann öffnen sich immer neue Guckkastenbühnen, die den Zuschauer in Atem halten: In der Asche am Herd Aschenputtel, darüber die zur Karikatur überzeichnete dicke und die dünne Stiefschwester, dazwischen die böse und Stock schwingende Stiefmutter. Die Einladung des Königs löst hektische Aktivität aus. Aschenputtel wäre auch gern mitgegangen, stattdessen wird ihm eine Schüssel Linsen in die Asche geschüttet. Aber da flattern schon die Turteltäubchen herbei: "die guten ins Töpfchen, die schlechten ins Kröpfchen." Umsonst! Gedemütigt und verlacht muss Aschenputtel zurückbleiben. Am Grab der Mutter kommt die Hilfe: "Bäumchen, rüttel dich und schüttet dich! Wirf Gold und Silber über mich!" So schön sieht Aschenputtel aus, dass niemand es erkennt. Der Königssohn tanzt den ganzen Abend mit dem vermeintlichen Königsfräulein und als die Uhr auf Mitternacht geht, entwischt es zum Grab der Mutter. Zurück bleibt der nachdenkliche Königssohn. Er findet den verlorenen Schuh: "Ein Königreich für einen Schuh!" Was sich zwei königliche Räte einfallen lassen, taugt höchstens für einen königlichen Zornesausbruch. Und so setzt sich ein langer Zug in Bewegung, um diejenige zu finden, der der Schuh passt. Die dünne Schwester hackt sich die Ferse ab und besteht die Schuhprobe. Aber als sie mit dem Königssohn an dem Grab vorbei reitet, da rufen die Täubchen: "Rucke di guck! Rucke di guck! Blut ist im Schuck (Schuh), der Schuck ist zu klein, die rechte Braut sitzt noch daheim!" Herabtropfendes Blut lässt den Königssohn umkehren. Auf die dicke Schwester fällt er erst gar nicht herein, sondern er folgt den Täubchen und entdeckt das im Keller versteckte Aschenputtel. Darüber gerät die Stiefmutter so in Wut, dass sie sich in zwei Teile zerreißt.

Das alles ist so ins Bild gesetzt, dass man Mühe hat, es zu beschreiben. Hier hilft nur die wahrnehmende Kunst des Sehens weiter. Aschenputtel 22 muss man mindestens ein zweites und ein drittes Mal ansehen. Erst dann stellt sich jene Wahrnehmungserweiterung ein, die das Tolle und das Schöne dieser Reinigerschen Aschenputtelwelt sichtbar werden lässt.

Und zu guter Letzt auf Entdeckungsreise in Schlösser und Museen

Es muss ja nicht gleich Versailles oder Ludwigsburg sein, ein kleines Schlösschen tut's auch, um sich dort mit Aschenputtels Augen umzusehen. Kinder, Jugendliche und Erwachsene interessieren sich für diese historischen Märchenhintergründe. Was ist überhaupt ein Schloss? Wie sieht es da drin aus, und wo ist vielleicht ein Ballsaal? Und wie ging es dort auf und zu? Wie sah das alltägliche Hofleben aus? Wie wurde gegessen, getrunken und geschlafen? Wie sah die höfische Kleidung aus?

Vieles lässt sich auch im Museum erfahren. Nicht zufällig war das Victoria and Albert Museum Lotte Reinigers Lieblingsmuseum in ihren Londoner Jahren. Sie vertiefte sich dort in den Alltag vergangener Zeiten und Welten. Ständig war sie auf Entdeckungsreise. Wir sollten versuchen, auch diesen Reiniger-Aspekt zu sehen und zu praktizieren.

Ewald Heller

 

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