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Ausgabe 92-4/2002

MY BROTHER TOM

Produktion: W.0.W. Production, Trijbits Productions; Großbritannien 2001 – Regie: Dom Rotheroe – Drehbuch: Dom Rotheroe, Alison Beeton-Hilder – Kamera: Robby Müller – Schnitt: David Charap – Musik: Annabelle Pangborn – Darsteller: Jenna Harrison (Jessica), Ben Whishaw (Tom), Adrian Rawlings (Jack), Jonathan Hackett (Toms Vater) – Länge: 110 Min. – Farbe – Verleih: Piffl Medien (35mm) – Altersempfehlung: ab 16 J.

Das wohlbehütete Leben der 17-jährigen Jessica findet ein jähes Ende, als plötzlich und unerwartet der gleichaltrige Tom in ihr Leben tritt, das heißt, eher in ihr Leben springt. Denn er rettet sich gerade aus einem brennenden Baum und fällt ihr im Sinne des Wortes vor die Füße. Sie schützt ihn vor einer Gruppe Jugendlicher und fortan weicht er nicht mehr von ihrer Seite. Zudem zeigt er ihr seine Welt: ein geheimes Versteck mitten im Wald, in das er sich vor der Welt zurückzieht. Denn den rauen Außenseiter umgibt ein düsteres Geheimnis; ein tiefer Schmerz scheint ihn fast sprachlos gemacht zu haben. Mit der Zeit kommen sich die beiden immer näher, vor allem, nachdem Jessica von Jack, einem Lehrer und Vertrauten ihrer Eltern, vergewaltigt wurde. Sie flieht zu Toms Versteck, denn hier muss sie nicht über das Unaussprechliche reden, kann sich einfach nur aufgenommen fühlen von ihrem Freund.

Doch als sie eines Tages sein Geheimnis erfährt – er wird von seinem Vater sexuell missbraucht – zerstört das ihre gemeinsame Basis: Die bestand ja vor allem daraus, eben nicht über erlittene Verletzungen und Schmerzen zu sprechen, sondern einzutauchen in eine gemeinsame Welt unbedingter Freundschaft und des Vertrauens. Als sie einander wieder begegnen, haben sich beide verändert: Jessica ist gereift und Tom vollkommen unberechenbar geworden. Für seine Jessica würde er alles tun; so erschlägt er am Ende den Lehrer Jack, wohl halb für Jessica und halb, weil er seinen Vater nicht töten kann.

Sexueller Missbrauch und seine Folgen sind einige Zeit fast so etwas wie ein überstrapaziertes Modethema geworden. Einige Jahre glaubte kein ernstzunehmender Hollywood-Film, auf dieses Thema verzichten zu können und auch der erste DOGMA 95-Film "Das Fest" erzählte davon. Doch dem Dokumentaristen Dom Rotheroe geht es weniger um das Verbrechen als um die Reaktion der Opfer, die von den beiden Jungdarstellern mit fast erschreckender Intensität verkörpert werden. Ihnen nimmt man sogar die – manchmal zu gewollt magisch wirkenden – Momente im Waldversteck ab, wenn sie nur einander haben und die Außenwelt völlig ausblenden. Weil Rotheroe seinen Film ganz auf die Beiden fokussiert, verschwinden irgendwann auch die mannigfachen Probleme in ihren Elternhäusern fast aus dem Blickfeld, nur um am Ende umso dramatischer wieder hervorzutreten.

Dabei ist der Film in der Schilderung der Verbrechen von schwer erträglicher Härte. Wenn etwa Jessica unfreiwillige Zeugin des Missbrauchs an Tom wird, möchte man nur noch, dass es aufhört, man möchte wegsehen, nicht hinsehen müssen. Dabei ist die Szene ganz ohne jeden Voyeurismus, zeigt die Gewalt so wie sie ist. Genau so frei von Schaulust ist er immer dann, wenn er das fast unschuldige Verhältnis der beiden Jugendlichen zueinander schildert: Da wird zwar viel nackte Haut gezeigt, aber mit Sex hat das alles nichts zu tun. Der vom Wim Wenders-Kameramann Robby Müller auf DV gedrehte Film besticht daneben vor allem durch die auch körperliche Nähe zu den Figuren und die konsequente Konzentration auf die Erlebniswelt dieser beiden verletzten Jugendlichen zwischen Kindheit und Erwachsenwerden. Sicherlich kein leichter Film, aber ein lohnenswerter, von dessen Darstellern man bestimmt noch mehr sehen wird.

Lutz Gräfe

 

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