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Ausgabe 102-2/2005

AUCH SCHILDKRÖTEN KÖNNEN FLIEGEN

LAKPOSHTHA HAM PARVAZ MIKONAND

AUCH SCHILDKRÖTEN KÖNNEN FLIEGEN

Produktion: Mij Film Co. Teheran; Iran / Irak 2004 – Regie: Bahman Ghobadi – Buch: Bahman Ghobadi, unter Mitarbeit von Mohammad Reza Kateb und Sepideh Shamlou – Kamera: Shahryar Assadi – Schnitt: Mostafa Khergheh Poosh, Hayedeh Safi Yari – Ton: Bahman Ardlan – Mischung: Masoud Behnam, Hamid Naghibi – Musik: Hossein Ali Zadeh – Darsteller: Soran Ebrahim (Satellit), Avaz Latif (Agrin), Saddam Hossein Feysal (Pashow), Hiresh Feysal Rahman (Hengov), Abdol Rahman Karim (Digah), Ajil Zibari (Shirkooh) – Länge: 98 Min. – Farbe – Weltvertrieb: Bac Films, Paris, e-mail: smoreau@bacfilms.fr – Verleih: Mitosfilm, Berlin, e-mail: info@mitosfilm.com – Altersempfehlung: ab 14 J.

Der erste Spielfilm, der nach dem Sturz von Saddam Hussein im Irak gedreht wurde, stammt von Bahman Ghobadi. Nach "Die Zeit der trunkenen Pferde", seinem 1999 mit einer "Goldenen Kamera" in Cannes ausgezeichneten Debütfilm, und "Verloren im Irak – Lieder aus meinem Mutterland" (2002) ist es der dritte Spielfilm des weltbekannten kurdischen Filmemachers mit iranischem Pass. Darin zeichnet er ein düsteres Bild von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in Kurdistan. Der Film mit dem rätselhaft-schönen Titel "Auch Schildkröten können fliegen" beginnt mit einem Selbstmord: Ein Mädchen geht ruhig auf eine Felskante zu, blickt mit todtraurigen Augen zurück und stürzt sich in die Tiefe. Er endet mit der Prophezeiung eines neuen Krieges.

Die Geschichte spielt im Frühjahr 2003 in einem irakischen Dorf an der iranisch-türkischen Grenze. Vor der unerbittlichen Verfolgung durch das eigene Regime haben sich viele irakische Kurden in das unzugängliche Bergland geflüchtet, Kinder vor allem, die ihr Überleben sichern, indem sie den Bauern die Felder von den gefährlichen Landminen säubern. Natürlich verliert dabei immer mal jemand sein Leben oder seine Arme oder Beine, aber das fällt unter all den verstümmelten und versehrten Kindern kaum noch auf. Die Minen werden an einen Zwischenhändler verkauft, der sie seinerseits um das Tausendfache bei den Soldaten der UN losschlägt. Wenige Tage vor der amerikanischen Invasion versucht jeder an aktuelle Nachrichten zu kommen, doch der Empfang ist gestört. "Guck, was Saddam uns angetan hat", klagt der alte Esmaeel, "wir haben kein Wasser, keine Elektrizität, keine Schulen. Sogar vom Himmel haben sie uns abgeschnitten. Damit wir nicht sehen, wann der Krieg beginnt, dürfen auch unsere Fernsehstationen nicht arbeiten." Das Dorf sollte sich eine Satelliten-Schüssel anschaffen, rät der umtriebige Anführer der Kinder, den alle nur "Satellit" nennen. Selbst ohne Familie, sorgt er mit seinen 13 Jahren im Flüchtlingslager für den Zusammen- und Unterhalt der Kinder, teilt ihnen ihre Aufgaben zu, gibt ihrem Alltag eine Struktur. Er versteht es, sich überall unentbehrlich zu machen, und schon sitzt er mit dem alten Esmaeel im Lastwagen nach Arbil, um dort auf dem Markt eine Fernsehschüssel zu kaufen.

Doch viel ist damit auch nicht gewonnen: die Kanäle mit den Sex- und Musik-Programmen sind verboten und wer kann schon Englisch! Satellit gibt sich den Anschein und soll für die Alten im Dorf übersetzen, aber das kollidiert mit seinen anderen Aufgaben. "Im Fernsehen wird doch auch nur gelogen, jeder verfolgt nur die eigenen Interessen", meint ein iranischer Arzt, der sich in den Irak gewagt hat, um einen Waisenjungen zu suchen, der angeblich die Zukunft vorhersagen kann. Gemeint ist Hengov, der erst vor kurzem mit seiner 14-jährigen Schwester Agrin und einem blinden kleinen Jungen ins Lager gekommen ist. Hengov hat beide Arme verloren und entschärft die Minen seither mit den bloßen Zähnen. Er stammt aus Halabja, wo die Menschen noch immer unter den Folgen von Saddam Husseins Giftgasattacke vom 16. März 1988 leiden. Vor kurzem sind seine Soldaten dort erneut eingefallen, haben die Eltern von Hengov und Agrin ermordet und das Mädchen vergewaltigt. Der Kleine ist ihr Sohn, den Agrin – grausam wie im Märchen – immer wieder auszusetzen versucht. Doch ihr Bruder lässt es nicht zu: Er hofft, dass sie ihr Kind doch noch lieben und sich damit selbst heilen kann. Satellit verliebt sich in sie, doch sein Antrag stürzt Agrin nur noch tiefer in die Verzweiflung. Das Ende ist absolut trostlos. Der Kleine gerät auf ein Minenfeld, Satellit verliert bei der Rettungsaktion einen Fuß, Agrin ertränkt ihren Sohn und bringt sich selbst um, Hengov zieht weiter – vorbei an den Amerikanern, die das Land wohl doch nicht zum Paradies machen.

Eindrucksvoll schildert Ghobadi die soziale Zerrüttung und Traumatisierung, die physische und psychische Zerstörung durch die bittere Realität, über die niemand mehr weinen, die man nur mit sehr viel Humor ertragen kann. Und so kommt es, dass man trotz all der schockierenden Tatsachen, trotz der schockierenden Bilder bisweilen tatsächlich lachen kann. Das allerdings bleibt einem im Halse stecken, wenn man erkennt, dass diese wunderbaren Kinder, die im Gegensatz zu den passiven Erwachsenen jeden Tag neu versuchen, ihr elendes Leben aktiv zu organisieren und zu verbessern, am Ende brutal allein gelassen werden. Wenn sie in der Schluss-Szene auf ihre Prothesen gestützt in entgegen gesetzter Richtung an den amerikanischen Soldaten in ihren Jeeps und Tankern vorbeihumpeln und keine Worte miteinander gewechselt werden, weiß man, die Opfer werden nicht mehr gebraucht, sie sind überflüssig.

In seinem Film, dessen anrührende Protagonisten einem ans Herz wachsen, verzichtet Ghobadi dennoch nicht auf märchenhafte, magische Elemente. Wie aus einem Kaleidoskop schüttelt er immer neue, einmalige und unvergessliche Bilder: Die bizarre Landschaft von ausgebrannten Öltanks und Munitionskisten, zwischen denen die Zelte der Flüchtlinge stehen. Das dichte Netz der Stromleitungen, das den übervölkerten Markt von Arbil überspannt. Die Kinder, die die Minen ohne jeden Schutz aus dem Boden holen, Agrin, die diese Minen in einer großen Holzkiepe auf ihrem Rücken wegträgt. Satellit, der vorführt, wie die Gasmasken funktionieren. Flugblätter, die vom Himmel regnen und das Paradies versprechen. Und immer wieder die beredten Landschaften der alten und jungen Gesichter, oft nicht weniger abweisend als die wilde, karge Bergwelt Kurdistans. Durch die Farben, in dem Schwarz-Weiß-Töne und zartes Blau überwiegen, wird der Eindruck des dokumentarischen Realismus verstärkt, durch die magisch leuchtenden Goldfische aber auch wieder ins Wunderbare gelenkt.

Uta Beth

Zu diesem Film siehe auch:
KJK 102-2/2005 - Interview - "Solange Öl und Geld bei uns fließen, wird es immer Krieg geben"

 

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