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Ausgabe 110-2/2007

"Uns geht es um inhaltliche Fragen, nicht um oberflächlichen Erfolg"

Gespräch mit Johannes Schmid, Regisseur/Drehbuchautor, und Philipp Budweg, Produzent, über das Spielfilmdebüt "Blöde Mütze"

(Interview zum Film BLÖDE MÜTZE!)

Vor sechs Jahren gründeten Johannes Schmid, 33, und Phillip Budweg, 34, in München-Schwabing die Produktionsfirma "schlicht & ergreifend", weil sie – schlicht und ergreifend – ihr erstes Spielfilmprojekt entwarfen, den Kinderfilm "Blöde Mütze" nach dem gleichnamigen Kinderbuch von Thomas Schmid, dem Bruder von Johannes, das 1999 erschien. Um an Produktionsgelder zu kommen, bedarf es einer Firma. Der Film bekam inzwischen von der FBW das Prädikat "besonders wertvoll". Wir trafen die beiden Kreativen in ihrem überbordenden Einraumbüro im Schwabinger Hinterhof am 8. März 2007.

KJK: Ihr Film "Blöde Mütze!" erlebte auf der Berlinale im Zoo-Palast mit über 1000 begeisterten Zuschauern eine erfolgreiche Uraufführung. Wie beschwerlich war der Weg der Produktion?
Johannes Schmid: "Die Drehbuchförderung vom FilmFernsehFond Bayern bekamen wir im Herbst 2001. Doch die Finanzierung gestaltete sich sehr schwierig. Lange konnte sich niemand zur Unterstützung dieses Arthouse-Kinderfilmprojekts entschließen. Erst als 'schlicht und ergreifend' 2004 den Produzentenpreis der VGF beim Bayerischen Filmpreis bekam (für 'Aus der Tiefe des Raumes'), wurde vieles leichter. Der BR konnte als erster Finanzierungspartner gewonnen werden. Dann kamen mit Unterstützung unseres Co-Produzenten, der Erfurter Kinderfilm GmbH, die übrigen Förderpartner hinzu."

Sie sind uns seinerzeit als interessierte Kinogänger auf Kinderfilmfestivals in Frankfurt, München und Berlin aufgefallen. Also war schon eine gewisse Affinität für dieses Genre da ...
Schmid: "Ja, auf jeden Fall. Ich mag die Arbeit für und auch mit Kindern. Aber es war irgendwie auch eine strategische Entscheidung."
Philipp Budweg: "Wir als Quereinsteiger, die wir beide nicht auf der Filmhochschule waren, haben gemerkt, dass wir uns allein mit 'Flügelfisch' und 'Merle', zwei Kinderkurzfilmen, von den Filmhochschülern abheben. Und wir haben uns eingearbeitet in den Kinderfilm, weil es ein kleiner überschaubarer Bereich ist."
Schmid: "Die deutsche Kinderfilmszene ist auch sympathischer als die gesamte deutsche Filmszene. Da ist wirklich eine Atmosphäre, in der man sich wohl fühlt. Uns geht es um inhaltliche Fragen, nicht um oberflächlichen Erfolg oder coole Attitüde. Die besten Filme, die ich in den letzten Jahren auf der Berlinale gesehen habe, waren Kinderfilme. Intelligente emotionale Geschichten, nicht kitschig, das ist Kino pur."

Gilt es Ihrer Meinung nach, die Kinderfilmförderung in Deutschland zu verbessern?
Schmid: "Erstens finde ich es toll, dass überhaupt eine spezielle Förderung für dieses Segment existiert. Für uns waren das Kuratorium und BKM besonders wichtig. Bei den Länderförderungen könnte der Kinderfilm allerdings noch mehr verankert sein."

Eine Frage zum Kuratorium junger deutscher Film: Viele Filmemacher sagen, dass diese – zwar geringe – Förderung der Anschub für ihr Projekt war, ein Gütesiegel sozusagen. Haben Sie das auch so empfunden?
Budweg: "Ja, Kuratorium/BKM waren die ersten, die die Produktion gefördert haben. Dann erst folgten die Länderförderungen MDM und Medienboard."
Schmid: "Und Thomas Hailer (Projektbetreuer Kinderfilm bei der Stiftung Kuratorium junger deutscher Film), der das Projekt 'Blöde Mütze!' schon in ganz frühem Stadium kannte, hat uns Hilfestellungen gegeben und Tipps. So hat er uns u. a. die Dramaturgin Beate Völcker vermittelt, die in der Drehbucharbeit sehr wichtig war."

Wie kam es zu der Zusammenarbeit mit Michael Demuth, dem Drehbuchautor von "Wer küsst schon einen Leguan"?
Schmid: "Als es konkreter wurde und der BR als Partner hinzukam, musste noch einmal eine neue Drehbuchfassung geschrieben werden. Das war im Sommer 2005. Ich war gerade dabei, eine Oper zu inszenieren und hatte den Kopf voll. Ich kannte Michael Demuth flüchtig über einen Kontakt, der über die Stiftung Goldener Spatz entstanden war, schätzte seinen Film sehr und so kam ich auf die Idee: Hol ihn als Autor dazu. Philipp und ich hatten uns vier Jahre mit dem Buch beschäftigt – es schadet nichts, wenn ein neuer Blick darauf fällt. Ab dem Moment dann ging es im Pingpong-Verfahren. Mit Michael als Co-Autor ist noch mal sehr viel passiert, das Buch wurde straffer und auch dramatischer. Ich bin der Ansicht, dass die letzte Fassung tatsächlich auch die beste ist, das heißt, das Buch hat sich während der Zusammenarbeit zwischen Drehbuchautoren, Dramaturgin, Produzent, Produzentin (Ingelore König) und BR-Redakteurin (Dr. Friederike Euler) ständig verbessert. Die kreative Auseinandersetzung war zum Teil sicher nicht leicht, hat dem Film aber gut getan."
Budweg: "Und hat dazu beigetragen, dass alle zu Drehbeginn zumindest annähernd den gleichen Film vor Augen hatten, als gemeinsame Vision."

"Blöde Mütze" entstand in 28 Drehtagen, das ist wenig, zu wenig?
Schmid: "Natürlich war das ein sehr strammes Programm. Aber ich war – glaube ich – sehr gut vorbereitet, da ich mich so lange mit dem Stoff beschäftigt hatte, das Buch in- und auswendig kannte und es ganz viel Futter gab. Es ist ja viel mehr im Kopf als im Drehbuch. Und ich hatte das Glück tolle Kinderdarsteller zu haben, mit denen ich bereits während des Castings viel an den Kernszenen arbeiten konnte."

War Ihr Bruder an der Filmarbeit beteiligt?
Schmid: "Es gab seinen Roman, mit der Drehbucharbeit an sich hatte er nichts zu tun. Er bekam aber die verschiedenen Fassungen zu lesen und merkte Dinge an. Ich glaube, der Film ist vom Geiste her sehr nah an der Vorlage, auch wenn er vom Plot her zum Teil andere Wege geht. Die Atmosphäre ist geblieben, sie ist nahe an unserer eigenen Kindheit. Die Sozialisation von Thomas und mir ist einfach die gleiche und die Themen, die uns künstlerisch beschäftigen, sind ähnlich. Deshalb war der Weg sehr einfach, dass 'Blöde Mütze!' zu meinem Stoff wurde."

Nach welchen Kriterien wählen Sie Ihre Stoffe aus?
Schmid: "Erst mal muss es mir gefallen, das ist das Entscheidende. Und die Erfahrung aus meiner Theaterarbeit zeigt: Wenn es mir gefällt, gefällt es meist auch den Kindern. Auch meine Inszenierungen für ein erwachsenes Publikum sind häufig bei Kindern gut angekommen – und umgekehrt. Ich erzähle, also rein von der Ästhetik her, für Kinder nicht anders als für Erwachsene. Da muss und darf man meines Erachtens keine Konzessionen machen. In 'Blöde Mütze!' habe ich versucht, die Kinder und ihre Probleme ernst zu nehmen. Ich biete ihnen eine realistische Auseinandersetzung mit ihrer Lebenswirklichkeit, ohne den unterhaltenden Aspekt aus den Augen zu verlieren. Und zugleich funktioniert der Film für die Erwachsenen als Blick auf die eigene Kindheit. Erwachsenwerden, Verantwortung übernehmen, die Komplexität der Liebe, das sind Themen, die einen doch ein Leben lang beschäftigen."

Also ist "Blöde Mütze" ebenso ein Film für Heranwachsende wie Erwachsene?
Schmid: "Erwachsene können sich in der eigenen elterlichen Unzulänglichkeit wieder erkennen und auch mit den Kindern fühlen, denn jeder war Kind und die Wunden der Kindheit vergisst man nie. Das ist ja das Tolle am Kinderfilm. Die Identifikationsmöglichkeiten sind so groß wie bei keinem anderen Genre!"

Was gut geht, sind populäre Kinderbuchverfilmungen, aber es wird immer beklagt, dass zu wenige Filme nach Originalstoffen entstehen ...
Schmid: "Das ist richtig. Das Problem für die Verleiher ist, dass sie viel mehr Geld brauchen, um die Zielgruppe der Sechs- bis Vierzehnjährigen zu erreichen. Für Erwachsene läuft es oft über die Filmkritik in den Medien. Aber die Kinder erreicht das nicht. Der 'deutsche Kinderfilm' ist leider immer noch nicht als Marke etabliert, die von alleine eine bestimmte Zuschauerzahl zieht. Auch wenn inzwischen die ersten Schritte in diese Richtung getan sind ..."

Sie, Johannes Schmid, sprachen vom "Arthouse-Kinderfilm", das ist ein schöner Begriff ...
Schmid: "Damit meine ich den sowohl inhaltlich als auch ästhetisch anspruchsvolleren Kinderfilm, der im deutschen Markt leider weitgehend fehlt, im Gegensatz zu anderen europäischen Ländern."

Sie sind beide Autodidakten. Was heißt das?
Schmid: "Ich war weder auf einer Filmhochschule noch habe ich Theaterregie studiert. Ich habe einen abgeschlossenen Magisterstudiengang in Theater- und Filmwissenschaft und während des Studiums mit beidem angefangen – Theater zu inszenieren und Kurzfilme zu machen. Natürlich machte ich auch Aufnahmeprüfungen an Filmhochschulen, an Theaterakademien. Im Nachhinein bin ich aber ganz froh, dass das nicht geklappt hat und ich mich freier entwickeln konnte – in beiden Bereichen. 'Blöde Mütze' ist mein erster langer Spielfilm, aber ich empfand das eigentlich nicht so, eben weil ich vorher so viele Theaterinszenierungen gemacht hatte und dadurch auch ein anderes Gefühl für die Schauspieler mitbrachte. Ich glaube, das wird immer noch relativ wenig an den Filmhochschulen gelehrt. Da fühle ich mich im Vorteil. Und ich hatte als Produzent von Gil Mehmerts Film 'Aus der Tiefe des Raumes' die Gesamtheit eines Films kennen gelernt, wusste also, was auf mich zukommt. Vielleicht bin ich dadurch gefestigter in das Unternehmen gegangen als manche andere Kollegen, die ihren ersten Film machen."
Budweg: "Man hat letztlich als Regisseur, der auch am Theater Beschäftigung findet, nicht so einen Druck beim ersten Film wie ein Absolvent der Filmhochschule ..."
Schmid: "... und ist dadurch in der größeren künstlerischen Freiheit."

Welche nächsten Projekte plant "schlicht & ergreifend"?
Budweg: "Es gibt zwei, drei Projekte, die in der Entwicklungsphase sind, sowohl für ein erwachsenes Publikum als auch im Bereich Kinderfilm."
Schmid: "Im Theater der Jugend der Stadt München, der Schauburg, inszeniere ich demnächst die 'Odyssee'. So bleibt in diesem Jahr wohl für Film keine Zeit, aber fürs nächste Jahr würde ich es mir wünschen. Auf jeden Fall wird der Kinderfilm weiterhin eine Rolle in dieser Firma und in unseren beiden Lebensläufen spielen."

Interview: Gudrun Lukasz-Aden / Christel Strobel

 

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