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Ausgabe 105-1/2006

SAIMIR

Produktion: Orisa Produzioni Srl., Rom; Italien 2004 – Regie: Francesco Munzi – Buch: Francesco Munzi, Serena Brugnolo, Dino Gentil – Kamera: Vladan Radovic – Schnitt: Roberto Missiroli – Musik: Giuliano Tavani – Darsteller: Mishel Manoku (Saimir), Xhevdet Feri (Edmond), Anna Ferruzo (Simona), Lavinia Guglielman (Michela) u. a. – Länge: 88 Min. – Farbe – Weltvertrieb: Adriana Chiesa Enterprises, Rom, Fax +39-6-8068 7855 – Altersempfehlung: ab 14 J.

Es ist wirklich erstaunlich, wie nachhaltig dieser Film wirkt: Vielleicht weil jene wohl bekannten Kinoeffekte fehlen, bei denen der Kopf abschaltet und man sich stattdessen ein Stück authentischer und absolut nicht vertrauter Wirklichkeit erarbeitet, die man erst allmählich entziffert und die sich emotional tief eingräbt. Nach gut einem dreiviertel Jahr sind mir die Bilder vollkommen gegenwärtig, kann ich in meinem visuellen Gedächtnis sofort die Gesichter von Vater und Sohn abrufen. Unvergesslich hat sich mir der von Mishel Manoku verkörperte Saimir eingeprägt, hinter dessen verschlossenem, sensiblem Gesicht und seiner zurückhaltenden, ungelenken Art man stets den Vulkan spürt, der in seinem Inneren brodelt. Und fast noch eindrucksvoller war der in seiner körperlichen und geistigen Präsenz von Xhevdet Feri dargestellte autoritäre Vater Edmond, der seine Gefühle und innere Zerrissenheit vor jedem, auch vor sich selbst und erst recht vor seinem halbwüchsigen Sohn versteckt hält. Beide leben in ihrer eigenen Welt, über die strenges Stillschweigen bewahrt wird – der nach dem Tod der Mutter so notwendige Dialog zwischen Vater und Sohn findet nicht statt und so ist das brutale Ende nicht aufzuhalten.

Leider ist dieser Film bis jetzt nicht in die deutschen Kinos gekommen – wahrscheinlich ist die fast dokumentarisch abgebildete Wirklichkeit einfach zu hässlich für das Unterhaltungsbedürfnis bei uns. Wenn dann auch kein Preis hilfreich ist, weil die Konkurrenz mit Bahman Ghobadis "Schildkröten können fliegen" und Luis Mandokis "Voces Innocentes" in der Berlinale-Sektion "14 Plus" 2005 sehr stark war, dann hat ein Film ohne spektakuläre Effekte es noch schwerer, auch wenn "Saimir" 2004 auf der Biennale in Venedig als bester Debütfilm ausgezeichnet wurde und zum Beispiel auf der Berlinale für den Friedensfilmpreis empfohlen und im Rahmen des jüngst vergebenen Europäischen Filmpreises in der Kategorie "Entdeckungen" nominiert wurde für den Fassbinder-Preis.

Der erste Spielfilm des 1969 in Rom geborenen Francesco Munzi spielt am Meer. Gedreht wurde in der Nähe von Ostia in den Ferienhaus-Siedlungen der Römer, die im Winter leer stehen und dabei ihre ganze Schäbigkeit offenbaren. Sie werden dann von den illegalen Einwanderern genutzt, die über das Mittelmeer, die Adria oder über das Gebirge im Nord-Osten nach Italien gelangt sind. So wie Saimir und Edmond, die nach oder während des verheerenden Krieges im Kosovo hierher geflohen sind. Nun arbeitet der Vater selber als Schleußer, holt seine Landsleute mit dem Kleinlaster aus dem Grenzgebiet im Gebirge und bringt sie als billige Arbeitskräfte heimlich auf abgelegene Gehöfte. Saimir begleitet ihn auf diesen Touren, hilft, die Flüchtlinge ohne Aufsehen an ihren Bestimmungsort zu karren. "Wie ist Italien?", fragt ihn ein vielleicht elfjähriger Junge aus Pristina – Saimir gibt keine Antwort, aber am Gesicht des Kindes sieht man, dass Italien für Saimir nicht gerade toll zu sein scheint.

Warum das so ist, erfährt der Zuschauer erst ganz allmählich. Auf dieser ersten langen Fahrt, die am Meer entlang und dann hoch ins Gebirge führt, auf jeden Fall nicht. Auf die Fragen des Vaters, was Saimir denn am Tag so getrieben habe, gibt es nur die bei Teenagern üblichen einsilbigen und ausweichenden Antworten; ansonsten schläft der Junge oder hört der Musik im Radio zu. Doch nach dieser Tour eröffnet Saimir seinem Vater, dass er ihn in diesem Sommer verlassen wird, um sich in Rom oder Mailand eine eigene Arbeit zu suchen. Wieder zu Hause sieht man, wie es Saimir stinkt, dass schon wieder diese Simona, Vaters italienische Freundin, am Herd steht und kocht. Als er sie anfaucht, warum sie eigentlich immer da sei, entgegnet sein Vater barsch auf Albanisch, ob er denn sein ganzes Leben allein bleiben soll. Saimir haut ab, trifft in einer Bar seinen älteren Cousin Urtman, einen verlebten jüngeren Mann, der Saimir mitnimmt ins "Hollywood", wo er ihm Koks zum Probieren gibt und eine Prostituierte beauftragt, Saimir mit aufs Zimmer zu nehmen.

Am nächsten Morgen folgt Saimir einer Gruppe von jungen Leuten, Schülern, die einen Ausflug ans Meer machen. Besonders angetan hat es ihm ein junges Mädchen, das mit ihm flirtet. Michela heißt sie. Die beiden treffen sich wieder. Danach sucht Saimir nach einer Kette für sie, leiht sich bei den Schmugglern, bei denen sich die meisten Jugendlichen aus dem Lager verdingen, 200 Euro, und verpflichtet sich dafür, beim nächsten Einbruch mit von der Partie zu sein. Das geheime Versteck für das Diebesgut, eine verfallene Villa, zeigt er alsbald stolz "seinem" Mädchen, der er in rührender Offenheit verrät, dass sie manchmal was mitgehen lassen, hauptsächlich, um sich das Benzin für das Mofa kaufen zu können. Michela wird die Situation unheimlich, sie will weg – erst recht, als Saimir ihr die Kette gibt, die viel zu teuer ist, als dass sie sie annehmen kann. Fluchtartig verlässt sie das Haus und fährt per Anhalter heim. Saimir ist völlig erledigt und zu Hause erwartet ihn der Vater mit der Nachricht, dass er Simona heiraten wird. Ein Blick auf das Bild seiner Mutter – die Traurigkeit und Enttäuschung des Jungen ist fast nicht auszuhalten. Da tut es schon gut, wenn er in der nächsten Einstellung wutentbrannt in die Klasse von Michela stürmt, sie vor allen fragt, was er ihr getan habe und ob er für sie ein Stück Scheiße sei. Natürlich wird er aus der Schule geschmissen.

Nach einer weiteren Schleußer-Tour muss Saimir seine Schulden einlösen: Mit einer Gruppe von Jugendlichen bricht er in eine Villa ein. Am Ende hat er 40 Euro verdient, den Rest wird er weiter mit Einbrüchen abdienen müssen. Saimir ist am absoluten Tiefpunkt. Völlig in sich vergraben sitzt er auf der nächsten Tour neben seinem Vater, der seine Depression spürt. Diesmal ist unter den Flüchtlingen ein hübsches 15-jähriges Mädchen, das nach Mailand will. Sharon heißt sie. Mit ihrem Begleiter spricht sie russisch. Als der sie beruhigt, dass sie natürlich nach Mailand führen, ist Saimir alarmiert. Auf Saimirs Frage, ob sie denn eine Hure sei, entgegnet Edmond, dass er nicht wissen will, was sie macht – er würde lediglich für den Transport bezahlt. Doch als er das Mädchen abliefert, soll Saimir im Auto bleiben.

Sharon wird abgeführt, nach nebenan gebracht und in ihr künftiges Metier eingeführt, indem sie gleich vergewaltigt wird. Im Bild wird die Vergewaltigung nicht gezeigt, doch man hört ihre Schreie und sieht die Gesichter der Typen am Tisch, mit denen Edmond zum Abschluss des Geschäftes noch einen trinken muss. Saimir, der seinem Vater gefolgt ist, kann nicht glauben, was da passiert. Im Wagen will der Vater ihm dann von dem Geld, das er gerade verdient hat, einen Teil abgeben. Saimir weist es zurück. Er hat sich entschieden, das Mädchen auf eigene Faust aus der Höhle des Löwen zu befreien. Just am Tag der Hochzeit seines Vaters macht er sich auf. Er findet Sharon noch dort und versucht sehr zart, das zerschundene Mädchen zu bewegen, mit ihm zu fliehen. Aber er wird von dem eiligst herbeigerufenen Urtman festgehalten, der seinen Vater per Handy von der Hochzeitstafel abberuft. Edmond stürzt sofort los, schreit Urtman an, ob er sich jetzt auch an Kindern vergreife, aber er kann Saimir mitnehmen. Als er seinem Sohn sagt, dass er keine Vorstellung hat, wie gefährlich die Leute seien, schreit Saimir: "Und du bist einer von Ihnen!". Wenn er selbst in dieser unmenschlichen Welt nicht untergehen will, bleibt ihm nur eines zu tun – Saimir geht zur Polizei, um sie alle ans Messer zu liefern, auch seinen Vater. Und natürlich sich selbst.

Ein furioses und zweischneidiges Ende für einen Film, in dem der Regisseur sich viel Ruhe nimmt für die Entwicklung eines klassischen Vater-Sohn-Konfliktes vor dem Hintergrund dieses hoffnungslos elenden Lebens der illegalen Einwanderer, in der Heranwachsende wie Saimir nicht nur von den entwurzelten Eltern in ihrer Entwicklung behindert, sondern auch als Zeugen und Mittäter in die alltägliche Kriminalität hineingezogen werden und kaum eine Chance haben, diesem Milieu zu entkommen. Mit seinem ersten Spielfilm ist Munzi ein ruhiger, sehr genauer und wahrhaftiger Film voll innerer Dramatik gelungen, in dem sich alle wichtigen Ereignisse höchstens mal unter den Gleichaltrigen im Dialog, sonst aber auf den Gesichtern abspielen. Sprache wird hier als Mittel der Ausgrenzung erlebt, Sprachlosigkeit als lebensgefährlich. Die Schauspieler sind hervorragend, bewegen sich völlig natürlich in einem Milieu, das der Regisseur sehr genau zu kennen scheint. Eindrucksvoll sind auch der sensible Einsatz von Musik und die in allen changierenden Blautönen gehaltenen Bilder.

Uta Beth

Zu diesem Film siehe auch:
KJK 105-1/2006 - Interview - "Es gibt leider nicht viele Saimirs"

 

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