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Ausgabe 61-1/1995

DAS REISFELD

NEAK SRE / LES GENS DE LA RIZIERE

Produktion: JBA /Thelma Films /La Sept Cinéma /ZDF /TSR, Kambodscha / Frankreich / Großbritannien / Deutschland / Schweiz 1994 – Regie: Rithy Panh – Buch: Rithy Panh, Eve Deboise – Kamera: Jacques Bouquin – Schnitt: Andree Davanture, Marie-Christiane Rougerie – Musik: Marc Marder – Darsteller: Peng Phan (Yim Om), Mom Soth (Vong Poeuw), Chhim Naline (Sokha), Va Simorn (Sokhoeun) – Länge: 130 Min. – Farbe – Verleih: Pandora (O.m.U.) – Altersempfehlung: ab 14 J.

In einem abgelegenen kambodschanischen Dorf fristet der Reisbauer Vong Poeuw mit seiner Familie ein kärgliches Leben. So kann er sich auch keine ärztliche Behandlung in der weit entfernten Stadt leisten und stirbt an einer Infektion, die er durch einen in den Fuß getretenen Dorn erleidet. Nach seinem Tod müssen seine Frau Yim Om und die sieben Töchter die Felder allein bestellen. Unter der großen Belastung beginnt Yim Om, mit ihrem Schicksal zu hadern. Immer häufiger läuft sie nachts auf dem Reisfeld herum und spricht mit dem Geist ihres toten Ehemanns. Als dann auch noch schwarze Krabben massenweise die Sprösslinge auf den Feldern befallen, verliert sie den Verstand. Die Dorfbewohner beschließen zunächst, sie in einen Bambuskäfig in ihrem Haus zu sperren. Als sich ihr Zustand jedoch verschlechtert, wird sie ins Krankenhaus in die Stadt gebracht. Nun muss Sokha, die älteste Tochter, die Rolle des Familienoberhauptes übernehmen. Unter ihrer Führung bestellen die Mädchen das Reisfeld weiter und bewältigen schließlich auch die Ernte allein. Eines Tages kehrt die Mutter heim, obwohl sie noch längst nicht geheilt ist. Weil Sokha die Behandlung der Mutter und andere notwendige Ausgaben mit drei Säcken Reis aus der neuen Ernte bezahlt hat, macht Yim Om ihr schwere Vorwürfe. Am Ende finden sie wieder zueinander.

Der in Kambodscha aufgewachsene Regisseur Rithy Panh, der nach einer Filmausbildung heute in Paris lebt, hat für den unaufhörlichen Kreislauf von Säen und Ernten im dörflichen Mikrokosmos eindrucksvolle Bilder gefunden. In seinem ungewöhnlich ruhigen Debütspielfilm vertraut er Blicken und Gesten weit mehr als Dialogen. Das unaufdringliche Familiendrama, das auf einer Romanvorlage aus Malaysia beruht, bezieht seine Stärke nicht zuletzt aus der kammerspielartigen Beschränkung auf wenige Schauplätze und Figuren. Während am Anfang die Beziehung zwischen den Eltern im Mittelpunkt steht, rückt nach und nach die älteste Tochter in den Vordergrund. Die Charakterisierung der anderen Töchter allerdings bleibt insgesamt zu diffus, so dass es manchmal schwer fällt, sie auseinander zu halten. Bis auf den Darsteller des Vaters spielen in dieser Koproduktion nur Laien mit; so hat Panh die sieben Mädchen in einer Tanzschule gefunden. Das ist dem Film kaum anzumerken, wohl vor allem weil der Regisseur nach eigener Aussage den Akteuren viel Zeit zur Rollenvorbereitung und zur Improvisation gegeben hat.

Die Fabel weist in mehrfacher Hinsicht autobiografische Bezüge auf. Vier Jahre lang erlebte Panh in Kambodscha die Schreckensherrschaft der Roten Khmer mit, ehe er mit 16 Jahren seine Heimat verließ. Sein Vater konnte den Terror der Pol Pot-Anhänger auf Dauer nicht ertragen und hörte einfach auf zu essen, bis er starb. Die älteste Schwester schließlich starb an den Nachwirkungen von Depressionen. Dennoch wollte der Regisseur keinen politischen Film über sein eigenes Schicksal drehen, sondern über das kollektive Schicksal seines Volkes, wie er in einem Interview erläuterte: "In dieser schwierigen Situation müssen wir das von den Roten Khmer verursachte Trauma überwinden." Die eigene traumatische Erfahrung wird im Film nur einmal sichtbar, in einem Albtraum des fieberkranken Vaters, der hilflos zusehen muss, wie bewaffnete Kämpfer Hütten anzünden und die Bauern mit Gewalt fortführen. Ansonsten ist das Geschehen, das nur wenige dramatische Wendungen enthält, in einem historisch-politischen Irgendwann angesiedelt.

Gerade durch die Konzentration auf den vermeintlich kleinen alltäglichen Überlebenskampf gelingt es Panh, die ungeheuer starke Liebe der Bauern zur Natur aufzuzeigen. So wie die Bauern einerseits von der Natur abhängen, so sind sie andererseits auf die Hilfe der Angehörigen und Nachbarn angewiesen. Insofern lässt sich "Das Reisfeld" als Hohelied auf die Solidarität der Familie verstehen. Wie anfällig dieses natürliche Gleichgewicht gegen Störungen ist, zeigt allerdings die Tatsache, dass ein kleiner Unfall genügt, um die Familie ins Unglück zu stürzen.

Der Film, der 1994 am Wettbewerb in Cannes teilnahm, entstand u. a. im Rahmen des ZDF-Projekts "Eine Welt". Für die TV-Ausstrahlung wurde eine Dokumentation über die Dreharbeiten hergestellt. In dem Film "Tanz des Affen mit dem Fisch" stellt Pierre-Alain Meier ausführlich die Laien-Darsteller des "Reisfelds" vor, insbesondere die jüngeren. Wie bei den früheren Produktionen des Projekts (zum Beispiel "Yaaba"), soll die Dokumentation als Begleitprogramm zum Spielfilm gezeigt werden.

Reinhard Kleber

Zu diesem Film siehe auch:
KJK 62-1/1995 - Interview - "Das Thema Dritte Welt ist immer schwieriger präsent zu halten"

 

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