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Ausgabe 113-1/2008

"Wir mussten uns mit der Kamera niemals verstecken"

Gespräch mit Volker Koepp zu seinem Dokumentarfilm "Holunderblüte"

(Interview zum Film HOLUNDERBLÜTE)

KJK: Wie kam es zu diesem Dokumentarfilm über Kinder, der doch eher ein Novum in Ihrem Filmschaffen darstellt?
Volker Koepp: "Man hat mich schon mehrfach darauf aufmerksam gemacht, dass es in vielen meiner Filme schöne Kinderszenen gibt, an allen möglichen Orten, oft waren es die Kinder unserer Protagonisten. So entstand der Gedanke, die Perspektive einmal umzudrehen. Vor allem, wenn diese Landschaft im nördlichen Ostpreußen, die früher zur Sowjetunion gehörte, jetzt zu Russland und ganz früher deutsch war, einem vorkommt wie ein wirklicher Abenteuerspielplatz. Schon bei früheren Filmen ist mir aufgefallen, dass die Kinder dort – bei einem Zwischenstopp – immer sehr freundlich waren, aus echter Neugier zu uns kamen, nicht etwa in der Hoffnung, etwas geschenkt zu bekommen.
Hinzu kam, dass die Erwachsenen mehr und mehr aus den Dörfern verschwanden. Das ist also keine Erfindung des Films, sondern Realität, dass die Eltern der Kinder oft abwesend waren. Bei der Familie mit zehn Kindern etwa sind wir deren Eltern erstmals nach mehr als zwei Wochen begegnet. Und wenn die Kinder dann so mit 15 bis 16 Jahren erwachsen werden, ist das eine Katastrophe, denn es gibt in dieser Gegend keine Arbeit, es existiert so gut wie keine Landwirtschaft."

Wie haben Sie das Vertrauen der Kinder über ihre anfängliche Neugier hinaus gewonnen?
"Als ich im Rahmen von anderen Dreharbeiten diese Kinder erstmals traf und auch die zehn Geschwister kennen lernte, versuchte ich bereits, einzelne Szenen mit ihnen zu drehen. Ich weiß nicht, ob es die gewisse Unverdorbenheit gegenüber den Medien Film und Fernsehen ist, jedenfalls mussten wir uns mit der Kamera niemals verstecken. Dasselbe habe ich einige Jahre zuvor noch bei den Erwachsenen erlebt, sie waren offen und haben einfach erzählt, genauso wie die Kinder.
Wir benutzten nicht das übliche Frage-Antwort-Schema, sondern setzten uns mit ihnen irgendwo hin und dann haben sie einfach zu erzählen angefangen. Wir mussten kaum noch in die Gespräche eingreifen. Die Szene mit den beiden Jungen am Haff beispielsweise, in der das Mädchen dazukommt, entstand wirklich wie von selbst. Und beim Jungen auf der Schaukel, der von Gott und der Welt erzählt, von seinen Nachbarn und einem Onkel, der ständig besoffen ist, ist alles hintereinander so entstanden, wie es der Film zeigt. Mit ihm hatte ich allerdings schon zuvor mit einer kleinen Videokamera gedreht, wo er aber genauso offen war. Er wollte nie Fragen haben, sondern er hat um sich geschaut, was im Dorf passiert und dann zu erzählen angefangen."

Wie haben die Erwachsenen auf die Filmarbeiten reagiert, gerade auch, weil sie im Film nicht besonders gut wegkommen?
"Wenn man ständig besoffen ist, merkt man das nicht so. Sie wollten oft etwas Geld, sind dann aber gleich wieder verschwunden."

Dann müssen fast alle Kinder ohne die Erwachsenen zurechtkommen?
"Ja, selbst die täglichen Verrichtungen zum Lebensunterhalt erfolgen durch die Kinder, wie in der langen Szene am Schluss mit den Kühen. Beim Melken heißt es dann, der Vater sei schon gestorben, oder die Mutter sei noch nicht da. Sie sind wirklich sehr selbstständig. Auf der anderen Seite sind sie natürlich auch sehr alleingelassen.

Die Unterkünfte wirken sehr ärmlich und wenig wintergerecht. Zugleich waren die Kinder sauber und ordentlich gekleidet – speziell für den Film?
"Nein, da ist nichts für den Film zurechtgemacht worden. Wir hatten dasselbe Problem, denn die Kinder haben zum Teil sehr moderne Klamotten an, Jeans und Modeartikel, das ist aber alles aus Altkleidersammlungen. Das bekommen die besonders bedürftigen Familien auch umsonst. Ich habe mich selbst darüber gewundert, dass die Kinder so sauber angezogen waren, während es im Haus richtig dreckig und verkommen war. Die Kinder hatten sogar Flohstiche. Dennoch sahen sie immer gut aus. Und trotz der windigen Behausungen haben sie im Winter die Stube mit zwei Öfen warm gekriegt, beispielsweise war eine Scheune umgefallen, die sie im Winter dann verheizten."

Gerne hätte man noch mehr darüber erfahren, wie diese Kinder ihren Alltag meistern. Gab es dazu entsprechende Überlegungen?
"Ich habe das ansatzweise versucht, beispielsweise in einigen Takes über den sozialen Zustand der Gegend oder in Kommentaren, die erklären, dass dort 82 Prozent der Familien als bedürftig gelten und die Kinder deshalb in der Schule kostenlos etwas zu essen erhalten. Aber das klang wie ein Sozialreport und das wollte ich nicht. Einige Fakten kommen von den Kindern selbst, etwa wenn ein Junge erzählt, dass die Milch abgeholt wird und es am Monatsende Milchgeld dafür gibt. Das ist neben etwaigen Renten oft die einzige Einnahmequelle der Familien, sonst gibt es dort nichts."

Warum hilft ihnen dann niemand?
"Das wurde schon versucht, gerade auch von Leuten, die ursprünglich aus dieser Region stammen und seinerzeit vertrieben wurden. Vor 15 Jahren liefen zahlreiche humanitäre Hilfsaktionen an, die teilweise jedoch von russischer Seite blockiert wurden. Inzwischen leben von diesen Menschen nicht mehr viele. In meinem Film 'Kalte Heimat' beispielsweise zeige ich solche Deutsche, die Sachen dorthin brachten, aber die sind inzwischen alle gestorben. In gewisser Hinsicht ist die Region ein Spiegel für ganz Russland. Der Gegensatz zwischen Arm und Reich ist dort inzwischen so groß, dass es einem richtig unangenehm wird. Wir haben dort zwar selbst einige Spenden hinterlassen, aber ich gehe nicht davon aus, dass so unmittelbar Hilfe zu leisten ist – ein Film kann nur darauf aufmerksam machen.

Wie sind Sie zu den beeindruckenden Landschaftsaufnahmen gekommen?
"Wir hatten insgesamt 20 Drehtage im Winter, Juni und Spätherbst und waren von morgens bis abends unterwegs. Manchmal finden sich dabei Ansichten und Lichtstimmungen, die man durch Planung nicht finden würde. Das ist zum Teil reiner Zufall und viel Glück, wie etwa bei dem Interview vor einer Frühlingswiese und Wind, der durch die Bäume ging. Ins Haff wollte ich zwar, aber dass es dort gerade so schön war, ist ebenfalls Glück. Bei 20 Drehtagen konnten wir auch nicht irgendwo auf eine besonders schöne Stimmung warten. Irgendetwas passiert in der Natur und der Landschaft aber immer."

Warum heißt der Film "Holunderblüte"?
"Im zugrunde liegenden Gedicht des in Tilsit geborenen Lyrikers Johannes Bobrowski geht es um das Vergessen der deutschen Schuld an der Ermordung der Juden. Der Märchenerzähler Hans-Christian Andersen verbindet den Holunder mit der Erinnerung: Du musst dich erinnern und erzählen, denn solange man sich an jemanden erinnert und über ihn spricht, solange ist er nicht gestorben. In der Mythologie steht der Holunder für den Frühling, das Aufbrechen, das Leben, zugleich ist er ein Friedhofsgewächs. Er steht also für Hoffnung und Leben genauso wie für den Tod. Ursprünglich hatte ich Bobrowskis Gedicht im Sinn, das für den Film aber nicht richtig passte – wohl aber die allgemeine Bedeutung von Holunder."

Der Dokumentarfilm für Kinder wird gerade erst richtig entdeckt. Haben Sie sich beim Drehen überlegt, den Film speziell für Kinder zu machen?
"Erst kürzlich wurde ich von einer Frau angesprochen, die den Film gerne ihren Kindern zeigen würde. Ich habe mir zwar nicht speziell vorgenommen, ihn für ein junges Publikum zu drehen, kann mir aber gut vorstellen, dass er auch für Kinder interessant ist. Zu DDR-Zeiten habe ich sogar einmal einen richtigen Kinderfilm für das Fernsehen gemacht, der dann verboten wurde, aber noch auf 35 mm vorhanden ist und auch auf dem Kinderfilmfestival in Gera gelaufen ist. Es wäre also noch zu überlegen, ob wir mit "Holunderblüte" auch die Kinder ansprechen wollen.

Das Interview wurde auf dem Filmfest München 2007 von Holger Twele geführt

 

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