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Ausgabe 114-2/2008

BUDDHA ZERFIEL VOR SCHAM

BUDA AZ SHARM FORU RIKHT

Produktion: Makhmalbaf Film House, Teheran / Wild Bunch, Paris; Iran / Frankreich 2007 – Regie: Hana Makhmalbaf – Buch: Marziyeh Meshkini – Kamera: Ostad Ali – Schnitt: Mastaneh Mohajer – Musik: Tolib Shakhidi – Darsteller: Nikbakht Noruz (Bakhtay), Abbas Alijome (Abbas), Abdolali Hoseinali (Junge, Anführer) – Länge: 81 Min. – Farbe – Weltvertrieb: Wild Bunch, Fax: +33-1 5301 5049, e-mail: Ikalmar@wildbunch.eu – Altersempfehlung: ab 12 J.

In einer der Felsenhöhlen von Bamian – einem Ort in Afghanistan, dem das Talibanregime durch die Sprengung der Jahrtausende alten riesigen Buddha-Statuen im Jahre 2001 zu trauriger Berühmtheit verhalf – lebt die sechsjährige Bakhtay. In der Höhlenwohnung nebenan wohnt der etwas ältere Abbas, ein Junge, der bereits in einem Schulheft lesen kann. Das weckt Bakhtays Neugier, zumal es ein lustiger Vers ist, den Abbas voller Stolz immer und immer wieder laut vorträgt. Kurzerhand bindet sie das Baby, das ihr die Mutter – die wir nur hören, aber nicht sehen – zur Obhut überlassen hat, an einer Leine fest und macht sich auf den Weg zum Krämer. Hier erfährt sie, dass ein Heft und ein Stift Geld kosten, das sie nicht hat, aber durch den Verkauf von Eiern auf dem Markt bekommen kann. Diese Aktion erweist sich als ausgesprochen mühsam (wir sind in einem iranischen Film!), doch die Beharrlichkeit des Mädchens führt endlich zu einem Teilerfolg: Weil durch die Unachtsamkeit eines Erwachsenen zwei Eier zerbrochen sind, reicht das Geld nur für ein Heft; statt eines Stifts steckt Bakhtay den Lippenstift ihrer Mutter ein.

Mit Abbas macht sie sich erwartungsfroh auf den Weg in die Schule, die unter freiem Himmel vor der Kulisse der leeren Höhlen von Bamian stattfindet, aber es ist die "falsche" Schule für Bakhtay: In den Bänken sitzen nur Jungen, der ergraute, unwillige Lehrer schickt sie weiter in die Mädchenschule jenseits des Flusses. Auf dem Weg dorthin gerät sie in eine Horde von Jungen, die sich als Taliban gebärden und mit ihren Holzgewehren und Stöcken das unerschrockene Mädchen als "Sünderin" gefangen nehmen – der Lippenstift ist ihnen Indiz genug. Das böse Spiel nimmt einen immer bedrohlicheren Verlauf, eine "Steinigung" wird vorbereitet und der arglos aus der Schule daherkommende Nachbarjunge als amerikanischer Spion in eine Falle gelockt. Bakhtay hat keine Lust für die Spiele der Jungen, bewahrt Haltung und versucht, diesem Irrsinn zu entkommen.

Nicht erst das Ende dieses Spielfilmdebüts der 19-jährigen Hana Makhmalbaf hinterlässt Fragen und gibt Anlass zu Interpretationen. Denn als die jungen Talibankämpfer nicht locker lassen und Bakhtay zu ihrem Spiel zwingen wollen, gibt der Schuljunge Abbas ihr den Rat "Stirb, dann bist du frei" im Sinne von "Tu so, als ob du stirbst, spiel das Spiel mit, lass dich fallen – dann lassen sie dich in Ruhe". Und Bakhtay lässt sich fallen, um gleich danach wieder aufzustehen und trotzig in die Kamera zu sagen, dass sie dieses Kriegsspiel nicht mitmachen will. Mit den noch mal gezeigten Bildern der gewaltigen Sprengung der steinernen Buddhas im Tal von Bamian schließt sich der Kreis, denn "sogar eine Statue kann sich schämen, wenn sie all diese Gewalt und Härte gegen unschuldige Menschen sieht und deshalb einstürzt". Diese Titel gebenden Worte stammen von Mohsen Makhmalbaf, Hanas Vater, Filmregisseur, Autor und Gründer des Makhmalbaf Film House.

Das ursprüngliche Drehbuch – eine kleine Geschichte um ein Mädchen, das unbedingt in die Schule gehen will – schrieb Hanas Mutter, die Filmregisseurin Marziyeh Meshkini. Nachdem dieser Teil in Afghanistan gedreht war, erschien ihnen der Film angesichts der dortigen Verhältnisse als zu poetisch, so dass er um die politische Dimension erweitert wurde. Dieser Entstehungsprozess ist dem Film anzumerken, lässt ihn auf den ersten Blick als etwas uneinheitlich, unausgegoren, erscheinen. So wirkt jene absurde Szene, in der ein Polizist dienstbeflissen einen nicht existenten Straßenverkehr regelt und kein Ohr für die Nöte der kleinen Bakhtay hat, in dieser insgesamt realistisch inszenierten Geschichte dann doch etwas aufgesetzt, auch wenn sie die Weltöffentlichkeit symbolisieren soll, die der verzweifelten Lage der afghanischen Bevölkerung keine Beachtung schenkt. Eine andere Szene hingegen wirkt sehr stark in ihrem Symbolgehalt: Das mühsam erworbene Schulheft, das für Bildung und Kultur allgemein steht, wird von den Jungen zerrissen und mit Füßen getreten.

Je mehr man sich mit dem Film beschäftigt, desto mehr treten die Mängel in den Hintergrund und es bleibt der Eindruck eines Films, der herausfordert, der wütend macht, der aber mit dem Mädchen Bakhtay – im leuchtend grünen Kleid, das ihm eine unglaubliche Würde verleiht – eine starke Sympathie- und Hoffnungsträgerin in den Mittelpunkt stellt.

Christel Strobel

Zu diesem Film siehe auch:
KJK 114-2/2008 - Interview - "Ich musste mir jeden Tag etwas Neues einfallen lassen."

 

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KJK-Ausgabe 114/2008

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