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Ausgabe 61-1/1995

"Die Zukunft des Festivals sieht gut aus"

Gespräch mit Domenico Lucchini, Direktor des "Film Festival Ragazzi Bellinzona" und Präsident des Europäischen Kinderfilmverbandes (ECFA)

Interview

Domenico Lucchini (Jg. 1955, geb. in Locarno), absolvierte das Gymnasium im Tessin, das Studium der Philosophie und Kommunikationswissenschaft in Pavia und Mailand, dem sich eine einjährige Tätigkeit als Lehrer anschloss, von 1984-1988 war er der Leiter der schweizerischen Filmförderung beim Kulturministerium in Bern und von 1988-1990 Kulturattaché im Schweizerischen Kulturzentrum in Paris, seit 1990 arbeitet er als Kulturattaché bei der Stadt Chiasso und ist seit dieser Zeit der Direktor des "Film Festival Ragazzi Bellinzona"

KJK: Seit 1988 findet in Bellinzona ein Kinder- und Jugendfilmfestival statt. Wie kam es zu dieser jährlichen Veranstaltung?
Domenico Lucchini: "Das ist ein wenig paradox. Das Festival sollte zunächst innerhalb des Filmfestivals Locarno organisiert werden. Der damalige Kulturattaché in Locarno hatte die Idee, zwei Tage Filme für Kinder zu zeigen. Aber Locarno hatte schon so viele Filme und so viele Sektionen, so dass der Festivalpräsident anregte, es mal in Bellinzona, der Kantonshauptstadt des Tessin, zu versuchen. Das Verkehrsbüro von Bellinzona, die Stadt und auch die Region gaben ein wenig Geld, etwa 100.000 DM. So wurde dieses Festival geboren. Damals gab es noch keinen Wettbewerb. Es wurden nur einige Filme, so ca. 15, vormittags und am frühen Nachmittag für Schulen gezeigt und einige Filme am Abend. Im zweiten Jahr war es schon besser strukturiert, da gab es schon einen Wettbewerb. Dann, 1990, kam ich selber mit einer spezialisierten Gruppe. Für unser Festival haben wir ein organisatorisches und ein künstlerisches Komitee. Nach und nach wurde die Organisation besser, aber jetzt ist unser Problem, dass wir ziemlich ausgeweitet haben und wirklich eine professionelle Organisation garantieren müssen. Deshalb haben wir seit diesem Jahr ein wenig mehr Geld: Die Eidgenossenschaft hat entschieden, das Festival mindestens für drei Jahre zu fördern. Das ist sehr wichtig, und das bedeutet ab nächstem Jahr die Finanzierung eines ständigen Sekretariats. Jetzt, mit mehr Geld, können wir auch außereuropäische Filme aussuchen und mehr Filmemacher einladen, das war vorher auch nicht so möglich. Die Zukunft des Festivals sieht gut aus."

Gab es in Bellinzona bereits kulturelle Angebote für junge Leute, oder war bzw. ist dies ein Ziel des Filmfestivals?
"Bellinzona ist in den letzten drei, vier Jahren sehr aktiv auf kulturellem Gebiet. Es gibt zum Beispiel hier eine Organisation, die 'Minimusica' heißt, die viel für Kinder auf dem Gebiet der Musik macht. Das heißt, es war natürlich eine künstlerische Gelegenheit, dieses Filmfestival hier einzurichten. Und wir hatten am Anfang auch schon mit Schulen zu tun, aber sie waren nicht so begeistert, während der Schulzeit hierher zu kommen. Jetzt allerdings sind alle Vorführungen ausgebucht. Diese fünf Jahre Arbeit, seit ich hier bin, brauchte ich auch, um alle die Institutionen zu überzeugen von der Wichtigkeit der Sache, und jetzt kann ich sagen, seit letztem Jahr ist das so klar für alle. Auch vom Erziehungsdepartement werden wir jetzt unterstützt."

Und wie wird an den Schulen für das Filmfestival geworben?
"Sie bekommen die Programme und dazu gibt es etwas Interessantes. Unserem Komitee gehört ein Spezialist an, der seit vielen Jahren auf pädagogischem Gebiet arbeitet. Herr Zappoli kommt aus Italien, ist der Präsident von 'Centro Studie Cinematografici' der Lombardei. Er sichtet alle Filme auf Video und verfasst didaktische, gut strukturierte Blätter zu den Filmen. Synopsis, inhaltliche und technische Informationen, er formuliert Fragen zu den Filmen, die normalerweise die Jugendlichen selber stellen, und das ist ein Mittel, was wir vor dem Festival an alle Schüler und alle Lehrer, die interessiert sind, verteilen, d. h. der Lehrer bereitet mit den Kindern die Vorführungen vor. Und nach den Filmvorführungen veranstalten wir Diskussionen mit den Filmemachern. Bis letztes Jahr fanden diese Gespräche im Kinosaal statt, aber es war immer so, dass nicht alle Kinder blieben. Deshalb haben wir jetzt entschieden, nach der Vorführung, d. h. eine Stunde später oder am nächsten Tag, gehen wir mit dem Filmemacher in die Schule. Das ist produktiver als eine Diskussion im Saal. Das heißt, auch mit dieser Arbeit und mit den Formulierungen des Pädagogen wird die Diskussion tiefer."

Der Filmemacher bzw. die Filmemacherin können ja nur in eine Schule gehen – wie wird die Auswahl getroffen?
"Das sind die Schulen selber. Es gibt ja zwölf Filme, und sie entscheiden, wir gehen mit unseren Schülern diesen Film anschauen und wir werden über diesen Film diskutieren. Aber nicht alle sind so motiviert zur Diskussion, d. h. es sind ungefähr pro Film 80-100 Kinder, die diskutieren, und nicht die ganzen 400. Wir haben also einen Plan vor dem Festival. Wenn wir das Informationsmaterial bereit haben, senden wir es an die Direktion der Schule und wir treffen uns zweimal – zwei Wochen und eine Woche vor dem Festival – mit allen Lehrern, und zwar ich selber, der Pädagoge und der Präsident des Festivals, um das Programm zu präsentieren und schon ins Detail der Filme zu gehen. Diese Treffen finden am Spätnachmittag nach der Schule statt, und zwar zweimal in Bellinzona, einmal in Lugano und einmal in Chiasso, weil wir jetzt mit dem Festival auch in Lugano und in Chiasso sind."

Und das Interesse der Lehrer ist mittlerweile groß?
"Sehr groß! Während beim dritten Festival etwa 7, 8 Lehrer da waren, am vierten 15, am fünften 20, waren dieses Jahr 40 Lehrer nur in Bellinzona bei der Diskussion anwesend. Und leider, 10 oder 15 hatten in diesem Jahr keine Möglichkeit mehr, ins Kino zu kommen wegen des mangelnden Platzangebots. Nur was uns etwas fehlt, ist eine internationale Beteiligung durch die Medien, die Journalisten kommen nicht so, es wird noch nicht so viel Notiz genommen. Das ist sicher ein Problem, mit dem andere Kinderfilmfestivals auch zu kämpfen haben.

Werden bei der Präsentation für die Lehrer auch Filme gezeigt?
"Wir zeigen keine Filme, aber Herr Zappoli, der Pädagoge, macht eine Videomontage von allen Filmen, die typische Situationen aus den einzelnen Filmen enthält."

Im Katalog findet sich hinter jedem Film die Angabe E bzw. M zur Altersklassifizierung, was bedeutet dies?
"Die Einteilung E und M ist für Lehrer bestimmt. Das Wettbewerbsprogramm unseres Festivals ist bestimmt für Kinder und Jugendliche von 8 bis 15 Jahre. Natürlich sind auch mal Filme für kleinere Kinder im Programm, aber dann außerhalb des Wettbewerbs. Filme, die von unserer Kommission für Kinder von 8-11 vorgesehen sind, das sind die E-Filme (Elementarschule) und die Filme für 11- bis 15-Jährige sind die M-Filme. (Mittelschule). Die Altersempfehlungen gebe ich zusammen mit dem Pädagogen. Dabei versuchen wir immer, aus meiner Auswahl vier Filme für Elementar-, vier Filme für Mittelschule und vier, die für beide geeignet sind, d. h. einen Ausgleich zu finden."

Bei dem großen Interesse, das die Lehrer an den Filmveranstaltungen haben, besteht denn darüber hinaus der Wunsch seitens der Lehrer, dass es auch außerhalb des Festivals Aktivitäten gibt?
"Klar. Das ist nicht nur der Wunsch der Lehrer, sondern auch unser Wunsch. Und seit diesem Jahr gibt es – unter unserem Patronat – einen Cineclub für junge Leute. Jährlich werden zwölf Filme für Kinder und zwölf Filme für Jugendliche gezeigt, Filme, die nicht im kommerziellen Verleih sind. Hierzu wird eine Karte ausgegeben, das macht eine Verantwortlichkeit auch für Kinder, und dazu eine pädagogische und didaktische Attitüde. Zum Beispiel der erste Film wird 'Eli, mein Freund" sein – wobei auch nicht ein hervorragender Film, aber er funktioniert sicher für Kinder. Und dazu haben wir auch eine kleine Information gegeben, was ein Festival ist, weil dieser Film kommt gerade vom Festival."

Und innerhalb der Schule gibt es da auch Möglichkeiten?
"In der Schule ist es – außer unserem Festival – sehr schwierig. Es existieren eigene Initiativen, z. B. diese von unserem Koordinator der Jugendjury, Herrn Bernardi, der lehrt das ganze Jahr Kinogeschichte/Kinotechnik in der Schule, d. h. außerhalb des Schulunterrichts. Etwa 20 Kinder und Jugendliche nehmen daran teil, die dann Mitglieder der Jury werden, also das sind dann fast Professionelle, die sich das ganze Jahr über mit Film beschäftigt haben."

Damit ist auch unsere Frage – woher kommen die Kinder der Jury – schon beantwortet ...
"Ja, die kommen von diesem Kurs. Und sie schauen im Laufe des Jahres regelmäßig Filme an, auf Video, aber auch im Kino. Das ist eine wunderbare Gelegenheit – es ist keine institutionelle Sache, wobei aber die Leute in der Schule diese außerschulische Arbeit ermöglichen und unterstützen – auch für die Kinder, sie bleiben nach der Schule noch eine Stunde oder mehr. Der Jugendjury gehören elf Kinder im Alter von 13 bis 14 Jahren an; dazu gibt es in diesem Jahr erstmals eine Jury von Erwachsenen. Was in diesem Zusammenhang auch interessant ist, dass wir einige Beziehungen mit anderen Festivals oder Institutionen in Europa haben, z. B. mit Laon, von dort werden jetzt immer zwei Jugendliche in die Jury eingeladen, oder wir haben mit dem 'Festival de la Comedie' in Vevey die Möglichkeit, zehn junge Leute nach Vevey zu schicken und von dort einzuladen. Ab nächstem Jahr werden wir mit dem Filmfestival in Giffoni einen Austausch von zehn Jugendlichen haben."

Eine Frage noch zu den Cineclubs: Wer betreut diese neu gegründeten Cineclubs für junge Leute?
"Das sind die Institutionen, die schon als Cineclub arbeiten. Wir haben im Tessin vier Cineclubs, in Bellinzona, Lugano, Locarno und Chiasso, die einige alternative Initiativen zum kommerziellen Kino organisiert haben, und jetzt widmen sie sich Kindern und Jugendlichen. Auch weil wir ihnen einen Anstoß gegeben haben. Der Präsident des Cineclubs Bellinzona ist z. B. in unserem Festivalkomitee, der hat die Retrospektive von Truffaut organisiert. Er ist Gymnasiallehrer."

Wie viele Leute umfasst das Komitee?
"Jetzt sind wir zehn. Fünf Leute sind tätig für organisatorische Dinge und fünf sind auch Filmspezialisten. Die Selektion der Filme für das ganze Programm mache ich selber, weil die anderen keine Gelegenheit haben, auf Festivals zu fahren. Das funktioniert gut. Ich zeige manchmal auch Filme auf Video meinen Kollegen, aber dann mache ich selber die Selektion. Es wird jedoch immer schwieriger, weil wir jetzt einen Tag mehr haben – früher waren es sechs, jetzt sieben, das bedeutet auch mehr Filme. In diesem Jahr sind 37 Langspielfilme und 13 Kurzfilme im Programm. Die Zahl der Filme im Wettbewerb ist allerdings immer ungefähr gleich, diesmal sind es zwölf, letztes Jahr waren es zehn. Mein Prinzip für die Filmauswahl ist aber auch, dass ich nicht nur Filme für Kinder zeige, sondern auch Filme über Kinder, mit Kindern, über Kindheit, z. B. in diesem Jahr die Reihe mit Filmen von Truffaut. Das ist nun auch eine Neuigkeit in unserem Festival seit zwei Jahren, vorher war das Festival nur für Kinder, aber nachdem ich seit fünfzehn Jahren in Locarno für die Sektion Cinema Jeunesse verantwortlich bin, wollte ich den Jugendlichen auch hier in Bellinzona die Gelegenheit geben. Und das geht sehr gut, z. B. diese Filmreihe über Truffaut. Für mich ist es so wichtig, diese Filme den Jugendlichen zu zeigen, die nie einen Film von Truffaut gesehen haben – fast alle kannten Truffaut gar nicht."

Sicher stellt sich immer wieder die Frage, warum hält man für wichtig, Kindern Filme zu zeigen?
"Vielleicht habe ich hierzu keine Antwort, d. h. meine eigene Karriere hat im Prinzip mit Kinderveranstaltungen usw. nichts zu tun. Aber vielleicht ist es so, da ich auch als Lehrer ein paar Jahre gearbeitet habe, hat mich dieser Kontakt zwischen Lehrer und Schüler überzeugt, dass es richtig ist, wenn wir etwas auf kulturellem Gebiet wissen und einen Reichtum haben, dies den Kindern weiterzugeben. Ich hatte in meiner Kindheit niemanden, der mir Filmgeschichte vermittelt hat, aber ich habe viele Filme gesehen. Und wenn mich jetzt jemand fragt, wie machst du die Selektion der Filme, so sage ich immer, es ist zwar ein Paradox – als Erwachsene müssen wir für Kinder entscheiden – aber für mich ist es so, dass ich Lust habe, einen Film den Kindern zu zeigen, um selber einige Emotionen zu verteilen – und deswegen mache ich dieses Festival. Und ich entdecke selber nach und nach einige Realitäten, die ich nicht kannte auf diesem Gebiet, das ist klar, nicht nur Institutionen, auch was pädagogische Probleme sind. Das war nicht unbedingt mein Gebiet, aber ich bin neugierig. Deswegen habe ich auch akzeptiert, als Präsident der ECFA tätig zu sein, denn eigentlich habe ich schon so viel zu tun, aber ich habe 'ja' gesagt, weil es mich jetzt interessiert, andere Realitäten auf diesem Gebiet zu entdecken."

Mit Domenico Lucchini sprachen Christel und Hans Strobel

 

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