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Ausgabe 62-2/1995

HERZLICH WILLKOMMEN ODER UNBEFUGTEN EINTRITT VERBOTEN

DOBRO POZALOVAT' ILI POSTORONNIM VCHOD VOSPRESCEN

Produktion: Studio Mosfilm, Moskau, UdSSR 1963 – Regie: Elem Klimov – Drehbuch: Semjon Lungin, Ilja Nusinov – Kamera: Anatolij Kuznecov – Schnitt: A. Kamagorovoj – Musik: Mikael Tariverdiev, I. Jakusenko – Darsteller: Evgenij Evstigneev, Arina Alejnikova, Lidija Smirnova, Ilja Rutberg, Vitja Kosych, Jura Bondarenko, Lida Volkova, Boris Demb u. a. – Länge: 74 Min. – s/w – OmdtU – Verleih: KJF Remscheid (16mm) – Vertrieb: Matthias Film – FSK: o. A. – Altersempfehlung: ab 10 J.

In idyllischer Flusslandschaft liegt ein Pionierferienlager, wo Heiterkeit und eiserne Disziplin gleichermaßen herrschen. Schon das "Herzlich willkommen" am Eingangstor geht nicht ohne ein einschränkendes Verbot einher, denn "Unbefugten" ist der Eintritt untersagt. Zu einem "Unbefugten" wird der allgemein beliebte Kostja von dem strengen Lagerleiter Dynin degradiert, als er beim Baden an einer verbotenen Stelle des Flusses erwischt wird. Kostja zeigt schlicht keinen Respekt, schlimmer noch: keine Disziplin. Doch der Sünder will keineswegs zurück zur Großmutter, wie offiziell angeordnet, denn die träfe der Schlag ob solcher Schande. Zumindest ist Kostja dieser festen Überzeugung, weshalb er sich lieber heimlich im Ferienlager versteckt. Unterstützt wird er von anderen Kindern und mitleidigem Hauspersonal. Doch die Tragödie scheint unausweichlich, als der pompös zelebrierte Besuchstag und damit Großmutters Ankunft im Ferienlager naht. Um den Besuchstag zu verhindern, täuschen Kostjas Freunde eine Epidemie vor, indem sie mit nacktem Körper in ein Brennnesselfeld springen. Das Ergebnis ist beeindruckend und lässt den verzweifelten Hilferuf der Ärztin wie eine Sirene über das Ferienlager erschallen. Alles könnte gut gehen, wäre da nicht eine Verräterin, die bei Dynin petzt. Doch Kostjas Freunde lassen sich nicht entmutigen. Am Besuchstag wird ausgerechnet der von Dynin äußerst devot behandelte Ehrengast, der einflussreiche Vater eines Ferienlagerkindes, unfreiwillig zum Retter in letzter Minute ...

Elem Klimov stellte seiner satirischen Komödie die Worte: "Ein Film für Erwachsene, die Kinder waren und für Kinder, die ganz bestimmt erwachsen werden" voran. Mehr als dreißig Jahre nach seinem Entstehen, hat "Herzlich willkommen oder Unbefugten Eintritt verboten" nichts von seiner Leichtigkeit und beißenden Ironie eingebüßt. Geschickt verpackte Klimov seine Kritik an der sowjetischen Gesellschaft der 60er-Jahre, indem er die rigide Ordnung eines Pionierferienlagers, das die Erzieher zu einem Musterbetrieb entwickeln wollen, satirisch beleuchtet. Trotz der deutschen Untertitel, die für Kinder gewöhnungsbedürftig sind, und dem gesellschaftspolitischen Hintergrund der 60er-Jahre in der Sowjetunion, der sich nicht ohne weiteres erschließt, bietet der Film Kindern auch heute noch Identifikationsmöglichkeiten, um die Verlogenheit der Reden und Deklarationen, die Aufdeckung von falschem Schein und Schönfärberei nachvollziehen zu können. Die subversiven Streiche der Kinder, die in bester Slapsticktradition inszenierten Abenteuer und die sorgfältige Bilddramaturgie erzeugen eine Atmosphäre überschwänglicher Exzentrik.

Klimov wagte damals ein mutiges Unterfangen, wenn man bedenkt, dass dem Genre der Komödie seit den 30er-Jahren in der Sowjetunion "ideologische Feindschaft" unterstellt wurde. Das Chrustschovsche "Tauwetter" ermutigte viele Filmemacher, neue künstlerische Wege zu gehen. Dass "Herzlich willkommen ..." dennoch aus dem Rahmen fiel, zeigen die Reaktionen damaliger Filmkritiker, die Elem Klimov subversive Absichten unterstellten. Vor allem die physische Ähnlichkeit zwischen Kostjas Großmutter und Chrustschov löste heftige Diskussionen aus. In Kostjas Phantasie fällt die Großmutter, nachdem sie von seiner Entlassung aus dem Ferienlager erfährt, vom Schlag getroffen tot um und wird in einem großen Trauerzug, der sich in Form eines Fragezeichens fortbewegt, zu Grabe getragen. Klimov wurde offen beschuldigt, damit Chrustschovs Tod zu wünschen. Umso wichtiger war es, dass beispielsweise der ideologisch unverdächtige Sergej Gerasimov den Film und das Genre als satirischen Hieb "gegen erwachsene Dummköpfe, Verleumder, Halleluja-Schreier und Speichellecker" nachhaltig verteidigte. Dennoch konnte diese lobende Kritik nicht verhindern, dass der Film bereits kurz nach seiner Entstehung als "antisowjetisch" verboten wurde. Der Reformstimmung folgte bald eine Zeit neuer Repressionen, in der ein Film wie "Herzlich willkommen ..." schlichtweg undenkbar geworden war. Mit seinem Spielfilmdebüt hat Elem Klimov seine Ausbildung an der Moskauer Filmhochschule 1964 abgeschlossen. Klimov, der zu den bedeutendsten russischen Regisseuren zählt, hat damit ein kleines Meisterwerk geschaffen, das zu den Klassikern des Kinderfilms zählt.

Irene Schoor

 

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